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Die Mathematik-Leistungen werden besser. Das ist gut. Aber Mädchen nehmen an dieser Entwicklung noch nicht ausreichend teil. Sie trauen sich in diesem Fach einfach weniger zu.

Die Mathematik-Leistungen werden besser. Das ist gut. Aber Mädchen nehmen an dieser Entwicklung noch nicht ausreichend teil. Sie trauen sich in diesem Fach einfach weniger zu.

Berlin - Allgemeines Schulterklopfen nach den jüngsten Ergebnissen der Pisa-Studie: „Deutschland hat sich von Pisa nicht nur schocken, sondern auch wecken lassen“, jubelt Bundesbildungsministerin Johanna Wanka (CDU). Als eine „Bestätigung des bereits seit 2003 erkennbaren positiven Trends“ wertet der Chef des Deutschen Philologenverbandes, Heinz-Peter Meidinger, die Verbesserung deutscher Schüler. In Mathematik sei Deutschland ins „beste Viertel der beteiligten Staaten vorgestoßen“.

Tatsächlich hat Barbara Ischinger, Direktorin für Bildung bei der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD), die vor mittlerweile zwölf Jahren die erste Pisa-Studie veröffentlichte, Deutschland eine „recht einmalige Entwicklung“ bescheinigt. Es arbeite sich „kontinuierlich nach vorne“, die Maßnahmen im deutschen Bildungswesen „greifen und bringen eine dauerhafte Verbesserung“.

So sind es nur – allerdings sehr beachtenswerte – Randaspekte, die dem neuen Image Deutschland als bildungspolitisches Aufsteigerland gemäß der jüngsten Studie schaden. So ist der Leistungsunterschied zwischen Jungen und Mädchen in Mathematik in Deutschland größer als im Durchschnitt der OECD-Staaten. Selbst da, wo Jungen und Mädchen gleich gut abschneiden, sei die Einstellung von Mädchen zum Lösen von Aufgaben schlechter, ihr Vertrauen in die eigenen Mathe-Fähigkeiten und ihre Ausdauer geringer und die Angst vor Mathematik verbreiteter als bei Jungen. Im OECD-Schnitt liegt der Leistungsunterschied bei 11 Punkten zugunsten der Jungen. In Deutschland liegt er bei 14 – Tendenz steigend, 2003 lag der Abstand bei 9 Punkten.

Gesamtmetall: Bis 2020 fehlen 1,4 Millionen Fachkräfte

Die Freude über die insgesamt positive Entwicklung lässt sich die Politik von solchen Details nicht nehmen. So kamen kritische Töne gestern fast ausnahmslos aus Kreisen der Wirtschaft. „Wir dürfen uns mit diesen Ergebnissen nicht zufrieden geben“, sagte Achim Dercks, einer der Hauptgeschäftsführer des Deutschen Industrie- und Handelskammertages. Noch immer nämlich klage jedes zweite deutsche Unternehmen über unzureichende Mathematik-Kenntnisse des Nachwuchses, in der Industrie seien es sogar 55 Prozent.

Auch der Verein Deutscher Ingenieure (VDI) sieht das ähnlich. „Wir machen ganz klar Fortschritte, haben aber nach wie vor erheblichen Nachholbedarf“, sagt VDI-Experte Lars Funk. „Wir sind zwar im oberen Mittelfeld, aber das ist keine Situation, mit der wir uns als technologiegetriebenes Land zufrieden geben können.“ Funk bemängelt, dass es zu wenig ausgebildete Mathematik-Lehrer gebe, zudem sei deren Ausbildung in pädagogischer Hinsicht verbesserungswürdig, denn für viele Schüler sei Mathematik noch immer „Angstfach“.

Nach Angaben des Arbeitgeberverbandes Gesamtmetall werden bis 2020 in Deutschland etwa 1,4 Millionen Fachkräfte aus den Bereichen Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik fehlen. Deshalb dürfe sich Deutschland „nicht mit Trippelschritten begnügen“, warnt Michael Stahl, Bildungsexperte bei Gesamtmetall. Dass Mädchen in Mathematik deutlich hinter den Jungen zurückbleiben, nennt er „Besorgnis erregend“.

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