Yoko Ono Foto: © Pirelli-Kalender 2016 by Annie Leibovitz

Schluss mit den Nackedeis! Der Pirelli-Kalender, ein Klassiker der erotischen Fotografie, zeigt in seiner Ausgabe für 2016 erstmals bekleidete Powerfrauen statt nackter Supermodels. Vor zwei Monaten hatte bereits der „Playboy“ verkündet, künftig keine unbekleideten Frauen mehr zeigen zu wollen.

Stuttgart - Yoko Ono hat sich einen Zylinder aufgesetzt, trägt eine Sonnenbrille mit runden, dunkel getönten Gläsern. So eine, wie sie einst auch John Lennon getragen hat. Sie lehnt auf einem Barhocker und schaut selbstbewusst, verschmitzt, aber irgendwie auch sehr ernsthaft in die Kamera. Fast übersieht man, dass sie Netzstrumpfhosen und hochhakige Schuhe trägt. Die 82-Jährige ist das Girl des Monats Juni.

Sie ist in prominenter Gesellschaft: Das Girl des Monats April heißt Serena Williams, das Girl des Monats November Patti Smith, das Girl des Monats Dezember ist Amy Schumer. Der Pirelli-Kalender des Jahres 2016 zeigt erstmals keine ­hüllenlosen als Männerfantasien inszenierte weibliche Körper, sondern starke Frauenpersönlichkeiten – ­Musikerinnen, Künstlerinen, Sport-Ikonen, Schauspielerinnen.

Rollkragenpullover statt Dessous

Statt Dessous tragen sie Anzüge, Oberhemden oder Rollkragenpullover. Am meisten Haut zeigt noch die Komikerin Amy Schumer („Dating Queen“). Doch auch sie wiedersetzt sich den in ­Männermagazinen üblichen Posen. Trotzig schaut sie an der Kamera vorbei, hält sich einen Kaffeebecher vor die Brust und stellt ganz selbstverständlich ihre Speckröllchen zur Schau. Die Aufnahmen stammen von Annie Leibovitz – einer der großen Frauen der Fotokunst, die deutlich macht: Die Zeit der Pin-ups ist vorbei.

Bereits im Oktober hatte das US-Magazin „Playboy“ angekündigt, künftig auf die Abbildung nackter Frauen verzichten zu wollen. Im Frühjahr 2016 wird das Heft umgestaltet, Hugh Hefner (89), der Erfinder des Männermagazins, hat sich von seiner Chefredaktion überzeugen lassen: Entblößte Frauenkörper sind out.

Die nächste Nackte ist nur einen Mausklick entfernt

Das hat allerdings nichts mit einer neuen Prüderie zu tun. Auch nicht unbedingt ­damit, dass man endlich den Vorwurf der Frauenfeindlichkeit solcher Abbildungen ernst nimmt. Sondern eher damit, dass man mit unbekleideten Frauen in Zeiten, in denen im Internet die nächste Nackte nur einen Mausklick entfernt ist, kein Geld mehr verdienen kann. Im Jahr 1975 hatte der „Playboy“ noch eine Auflage von 5,6 Millionen Exemplaren. Heute finden sich noch rund 800 000 Käufer pro Heft.