In der Zentralen Notaufnahme am Krankenhaus Leonberg arbeitet die große Mehrheit der Pflegekräfte im Rahmen eines Pilotprojekts in einer Vier-Tage-Woche. Kann dieses Modell in der Pflege funktionieren?
Sie wird in Wirtschaft und Politik viel diskutiert: Die Vier-Tage-Woche. Für manche ist sie das Arbeitsmodell der Zukunft, das Stress reduziert, die Produktivität steigert und Fachkräfte anzieht. Die könnte man vor allem in der Pflege gut gebrauchen, dort wird händeringend nach Personal gesucht. Aber kann dieses Arbeitszeitmodell in der Pflege funktionieren? In zwei Stationen des Klinikverbunds Südwest ist die Vier-Tage-Woche jetzt Wirklichkeit: In der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin in Böblingen und der Zentralen Notaufnahme (ZNA) in Leonberg wird das Modell seit dem 1. Januar in einem Pilotprojekt getestet.
In Böblingen wird die Vier-Tage-Woche parallel zur Fünf-Tage-Woche angeboten. In Leonberg haben sich die Abläufe in der ZNA geändert, es wurde an neuen Dienstplänen getüftelt: Die große Mehrheit der Mitarbeiter im Pflege- und Funktionsdienst ist auf das neue Arbeitszeitmodell umgestiegen, bei gleicher Wochenarbeitszeit von 39 Stunden. Das Projekt ist freiwillig, eine handvoll Mitarbeiter arbeitet im Fünf-Tage-System.
Vier-Tage-Woche soll Arbeitsbedingungen verbessern
Der Klinikverbund will mit dem zusätzlichen Dienstmodell die Arbeitsbedingungen verbessern und so die Arbeit attraktiver machen, aber auch die Patientenversorgung optimieren. Man hofft außerdem, dass die Vier-Tage-Woche neue Fachkräfte anzieht. Die werden auch in der ZNA in Leonberg dringend gebraucht. Im Pflege- und Funktionsdienst arbeiten aktuell 23 Personen, 16 davon sind Vollzeitkräfte, und vier Stellen sind offen. Gleichzeitig fällt immer wieder Personal für eine gewisse Zeit weg, welches die Fachweiterbildung Notfallpflege macht. „Sobald jemand ausfällt, ist es eigentlich kaum kompensierbar, weil wir jeden Tag an der Minimalbesetzung fahren“, erklärt Bereichsleitung Mandy Fehrenbacher. Sie sieht vor allem bei jungen Menschen das Potenzial, dass die Vier-Tage-Woche die Pflege attraktiver machen kann.
Fast zehn Stunden pro Tag zu arbeiten ist in diesem herausfordernden Beruf aber nicht leicht. „Die ersten 14 Tage waren für das Team wahnsinnig anstrengend“, erinnert sich Fehrenbacher. Das weiß auch Heike Maiberg. Die 60-Jährige arbeitet seit zwei Jahren in der ZNA und hat zum Vier-Tage-Modell gewechselt. „Zehn Stunden Arbeit sind schon hart, da muss sich der Körper dran gewöhnen“, erzählt sie.
Lange Schichten, aber mehr Freizeit
Ein Mitarbeiter möchte nach den ersten zwei Monaten sicher wieder fünf Tage arbeiten, doch die Stimmung im Team sei immer noch pro Vier-Tage-Modell, sagt Fehrenbacher. Denn die langen Schichten sind zwar anstrengend, die Mitarbeiter haben aber auch mehr freie Tage und weniger Arbeitstage am Stück. Während die Pflegekräfte durch den Wochenenddienst früher manchmal sieben oder acht Tage in Folge arbeiten mussten, sind es jetzt nur vier, maximal fünf. Das hat auch Heike Maiberg überzeugt: „Die sieben oder acht Tage am Stück waren schon viel und teilweise habe ich dann keine Pause gemacht oder bin länger geblieben. Da habe ich gedacht, lieber arbeite ich nur vier Tage am Stück und habe manchmal fast die gleiche Arbeitszeit.“
Das neue System hat auch Vorteile für die Patientenversorgung: Durch die längere Arbeitszeit gibt es auch längere Überlappungen zwischen den Schichten, in denen dann mehr Personal zugleich da ist. Dadurch können gerade in Spitzenzeiten Patienten besser betreut und pflegeintensive Maßnahmen erledigt werden, sagt Fehrenbacher. „Wir haben manchmal fünf, sechs Rettungswägen draußen in der Schlange stehen“, erläutert die Bereichsleiterin. „Wenn man das auf die vielen Köpfe durch die langen Überlappungszeiten verteilen kann, kriegt man das ganz anders weggearbeitet.“ Auch organisatorische Aufgaben, wie die Anmeldung, oder Patiententransporte können dann besser bewältigt werden.
Arbeitsabläufe mussten komplett neu aufgestellt werden
Damit dieses System mit den langen Überlappungszeiten funktioniert, mussten die Arbeitsabläufe in der ZNA komplett überarbeitet werden, sagt Fehrenbacher. „Man muss da alles überdenken. Was können wir wie verschieben, damit die Versorgung der Patienten gewährleistet ist, aber auch alles erledigt ist?“ Können die Schichten überhaupt alle abgedeckt werden, wenn die Pflegekräfte weniger Tage arbeiten, gleichzeitig aber Personal fehlt? Die Vier-Tage-Woche stehe nicht im Widerspruch zum Fachkräftemangel in der Pflege, betont der Klinikverbund Südwest. Durch die Umstrukturierung in der ZNA ließen sich alle Schichten gut besetzen, die längeren Arbeits- und Überlappungszeiten würden dafür sorgen, dass das Personal besser verteilt wird.
Noch keine neuen Bewerber
Für Mandy Fehrenbacher ist es jedoch eine Herausforderung, den Dienstplan mit einem Mix aus Mitarbeitern im Fünf-Tage-Modell und Pflegekräften mit den längeren Schichten zu erstellen. Damit das System mit den längeren Überlappungszeiten nicht auseinanderfällt, müssen möglichst viele im Vier-Tage-Modell arbeiten. „Wenn ein Viertel der Mitarbeiter nicht mitmacht, dann fängt dieses System an zu kippen, weil die Manpower einfach nicht da ist.“ Aktuell funktioniere das Modell aber in Leonberg.
Neue Mitarbeiter hat die ZNA durch die Vier-Tage-Woche noch nicht gewonnen. In den Stellenanzeigen werde es schon beworben, aber das Projekt laufe eben erst seit zwei Monaten, teilt der Klinikverbund mit.