Geldverschwendung, Schattenreich und Muppet Show: Der weltweit anerkannte Experte Perikles Simon rechnet im Interview schonungslos mit dem Antidopingkampf ab.
Stuttgart - Der Mediziner Perikles Simon (46) war einer der profiliertesten Experten und Forscher im Kampf gegen Doping. 2017 erklärte er diesen Kampf für gescheitert und kündigte an, sich zum Thema Doping nicht mehr öffentlich äußern zu wollen. Jetzt meldet sich Simon wieder zu Wort.
Herr Simon, woher rührt Ihr Sinneswandel? Haben Sie im Antidopingkampf neue Hoffnung?
Nein. Aber ich untersuche und berate viele minderjährige Athleten. Und meine Verpflichtung als Arzt ist es, sie und ihre Eltern darüber aufzuklären, was ihnen blüht, wenn sie sich in den Leistungssport begeben und die Antidopingvereinbarung der Nada unterschreiben.
Was blüht ihnen denn?
Zum Beispiel, dass Athleten bei einem falsch-positiven Dopingtest wie im Falle von Benedikt Karus (Tübinger Crossläufer, der 2015 trotz klarer Hinweise auf seine Unschuld für vier Jahre gesperrt wurde, Anm. d. Red.) keine Chance haben, Gerechtigkeit zu erfahren. Selbst wenn die Wahrscheinlichkeit sehr groß ist, dass sie unschuldig sind. Bei der Sportgerichtsbarkeit handelt es sich um eine „Muppet Show“, die gnadenlos durchgezogen wird. Ohne Chance, dass dort etwas geschieht, was mit dem Rechtssystem, wie wir es im normalen Leben kennen, kompatibel ist.
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Wie meinen Sie das?
Wie kann es sein, dass Analytiker von Antidopinglaboren vor Gericht als angeblich unabhängige Gutachter ihrer eigenen Tests auftreten? Leute also, die maximal befangen sind. Das ist eine Perversion schlechthin. Vor einem normalen Gericht würde so etwas nie durchgehen. Wenn man schon eine reine Unterhaltungsshow veranstaltet, sollte man die Sportler wenigstens im Vorfeld darüber informieren.
Die Athleten werden nicht aufgeklärt?
In keiner Weise. Sie wissen gar nicht, was sie unterschreiben, weil sie über die Risiken nicht aufgeklärt werden. Von der Nada werden sie nur über angeblich positive Aspekte des Antidopingkampfs informiert. Da stehen dann Aussagen wie: „Das Doping-Kontrollsystem schützt saubere Athleten.“
Die Rolle der Nada
Klingt doch gut.
Die Nada hat aber nie Belege dafür erbracht, dass sie das in irgendeiner Form tut. Im Gegenteil: Die prominenten Täter im Dopingbereich werden laufengelassen oder kommen jahrelang mit Gerichtsverfahren durch. Die kleinen Fälle hingegen werden zu vierjährigen Sperren aufgebauscht, selbst wenn sie unschuldig sind – nur damit die Nada wenigstens irgendetwas vorzuweisen hat.
Geht es bei den Tests nicht auch um Abschreckung?
Ja, das behauptet die Nada immer. Es sollte aber auch mal wissenschaftlich belegt werden, wie effektiv diese Abschreckung funktioniert. Schauen Sie: Der berühmt gewordene Dopingarzt Fuentes zum Beispiel ist ein ganz normaler niedergelassener Frauenarzt. Doch er war in der Lage, Hunderte von Athleten jahrelang so zu dopen, dass gar nichts erkennbar war. Da frage ich mich: Wie viel Abschreckung gibt es denn überhaupt? Wenn die Abschreckung gerade mal darin besteht, dass die Athleten noch kriminellere und invasivere Verfahren wählen, müsste die Konsequenz lauten: Dann schafft die Tests doch ab!
Ihr Ernst?
Wenn die Nada nicht in der Lage ist, Qualitätskontrollen durchzuführen, zu der auch das Eingeständnis von Fehlern und die Information darüber gehören – dann muss man die Tests sogar abschaffen. Es sei denn, man möchte einen Unrechtsstaat innerhalb unseres Rechtsstaats aufrechterhalten. Genau das ist leider gerade der Fall. Das Antidopingsystem hat ein Schattenreich errichtet, in dem der Sportler sehr weitreichend seine Persönlichkeitsrechte aufgibt, ohne darüber korrekt informiert zu werden.
Man feiert sich für kleine Fische
Warum ist das so?
Die Nada begründet es damit, dass die Analytik streng geheim bleiben müsse – der Doper solle schließlich überrascht werden. Da kann ich nur laut lachen. Am Fall Lance Armstrong, der 500-mal negativ getestet wurde, aber jedes Mal randvoll war, hat man ja gesehen, wie gut der Überraschungseffekt im Antidopingkampf funktioniert. Und in Deutschland wird ja sowieso fast kein Athlet positiv getestet. Das sind weit mehr als 10 000 Proben im Jahr – und ab und zu finden sie mal einen Bodybuilder. Oder einen kleinen Fisch wie Benedikt Karus, den die Nada als Riesenerfolg verkauft. Verständlich – denn mehr haben sie nicht vorzuweisen als diesen einen falsch-positiven Fall.
Sie haben in einer aufsehenerregenden Studie ermittelt, dass mindestens 30 Prozent der Spitzensportler zu unerlaubten Mitteln greifen . . .
. . . ich gehe sogar davon aus, dass bis zu 60 Prozent aller Spitzenathleten gegen die Regeln verstoßen. Und das betrifft keineswegs nur Sportarten wie Schwimmen, Leichtathletik oder Radfahren. Sie können auch Billard- oder Dartsspieler dopen. Der kriminellen Energie sind keine Grenzen gesetzt.
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Erwischt wird aber nur ein Bruchteil.
Wir hatten den Skandal um das Team Telekom, wir haben exzellente Gerichtsbelege, welche Athleten in Deutschland randvoll gewesen sind. Und die Nada will uns erzählen, sie sei mit der angeblich weltbesten Analytik nicht in der Lage, irgendetwas Sinnvolles zu detektieren? Da muss man doch mal fragen: Liebe Leute, ist das euer Ernst? Sagt uns, warum wir diese „Muppet Show“ überhaupt noch machen sollten. Diese Frage muss einfach mal gestellt werden – und zwar von denen, die das Geld in das Testsystem pumpen.
Der Steuerzahler, die Politik, die Sportverbände, die Wirtschaft.
Es gibt null Interesse, dass prominente Sportler auffliegen. Im Rahmen des russischen Antidopingskandals hat die Nada zum Besten gegeben, dass sie sich auch für die Chancengleichheit im internationalen Sport zuständig fühlt.
Die Frage der Transparenz
Heißt: wenn die anderen dopen, dürfen die deutschen Athleten auch dopen.
Richtig. Die Nada sollte ihr Selbstkonzept dringend eindeutiger ausrichten, denn so kann man das nur missverstehen.
Wie sähe denn Ihr Weg aus, das Doping zu bekämpfen?
Das Wichtigste ist eine transparente Qualitätskontrolle der Tests und die Aufklärung der Athleten. Danach muss man sich überlegen, welche Irrwege man abstellt und welche Analytik man notwendigerweise weiterverfolgen sollte. Das muss sehr kritisch von externen Experten begutachtet werden. Ich möchte nicht sehen, dass irgendeiner, der damit Geld verdient, entscheidet, wie es weitergeht. Genau das aber geschieht im Testsystem: Dass sich die immer selben Leute treffen, sich gegenseitig auf die Schultern klopfen und sagen: Wir haben alles versucht, es dopt halt einfach keiner. Dafür ist das Geld der Steuerzahler zu wertvoll.
Müsste man nicht noch mehr Geld in den Antidopingkampf stecken?
Ich habe früher auch immer gesagt, dass die Nada viel zu wenig Geld hat, um einen suffizienten Antidopingkampf zu führen. Das stimmt zwar – aber ganz ehrlich: Dieser Institution würde ich das Geld komplett entziehen, nach all dem, was ich erlebt habe.
Was wäre denn die Alternative?
Eine komplett unabhängige Institution. Auch von der Bundesregierung im Übrigen. Das Bundesinnenministerium ist für den Sport zuständig – leider auch für den medizinischen Bereich, mit dem es im Grunde nichts zu tun haben sollte. Er wäre eigentlich ein Fall für das Bundesgesundheitsministerium. Ist er aber nicht. Was zeigt: Es geht nicht um die Gesundheit, sondern um ganz andere Dinge.
Wird sich je etwas ändern?
Um Medaillen.
Natürlich. Diese Organisationsstruktur stammt erkennbar aus dem Kalten Krieg. Diese Struktur sollten wir so langsam auflösen.
Wäre es möglich zu sagen, Medaillen sind nicht das Wichtigste?
Die Liebhaber der einzelnen Disziplinen interessieren sich ganz unabhängig davon, ob Medaillen gewonnen werden oder nicht. Aber um sie geht es leider nicht, da dürfen wir uns nichts vormachen. Ich spitze es einmal ganz bewusst zu, was marktwirtschaftlich schon untersucht wurde: Es geht um den Rentner, der das ganze Jahr über selbst keinen Sport treibt, in seinem Sessel vor dem Fernseher sitzt und Medaillen bejubeln möchte. Er hat qua Masse die Kaufkraft, um im deutschen Sport etwas zu bewegen. Für ihn als Zielgruppe wird der ganze Aufwand aus Steuermitteln vorrangig betrieben.
Das bedeutet aber, dass sich nie etwas ändern wird.
Na ja, erstens wird der Rentner nicht ewig leben. Und zweitens hat es der olympische Sport eh schon schwer genug. Es wird in den westlichen Industrienationen gar nicht mehr so sehr gejubelt, wenn man Olympische Spiele austragen darf. Das wird so weitergehen. Die Bevölkerung wünscht sich inzwischen eher andere Sportveranstaltungen. Das ist eine reine Zeitfrage. Offensichtlich müssen alle, die den Kalten Krieg noch erlebt haben, erst mal wegsterben – dann wird sich der Sport reformieren.