Pendler auf den Fildern Der Alltag im Stop-and-go-Rhythmus

Von Caroline Holowiecki 

Hannelore Schullian steigt ab und an auf das E-Bike um, das dauert zwar länger, nervt aber nicht so. Foto: Holowiecki
Hannelore Schullian steigt ab und an auf das E-Bike um, das dauert zwar länger, nervt aber nicht so. Foto: Holowiecki

28  000 Berufstätige pendeln täglich nach Leinfelden-Echterdingen – und stehen im Stau. Vor allem auf der B27 sind sie täglich zum Schleichen verdammt. Drei Pendler erzählen, was sie am meisten nervt und was ihnen helfen würde.

Filder - Die Sommerferien mag Hannelore Schullian gern. Wegen des schönen Wetters, aber insbesondere auch, weil sie keine Zeit im Stau verplempert. Sie fährt täglich über die B 27 von Aichtal-Grötzingen nach Echterdingen, wo sie bei Weitmann & Konrad als Personalleiterin arbeitet. Für die 16 Kilometer benötigt sie dieser Tage um die 20 Minuten, außerhalb der Ferien sind es 40. Und wenn mal wieder Stau ist, kann es auch gern mal anderthalb Stunden dauern, berichtet sie.

Seit elf Jahren lauscht Hannelore Schullian morgens dem Verkehrsfunk. „Wenn die B 312 schon zu ist, brauche ich nicht auf die B 27 zu fahren“, sagt sie. Ebenso, wenn auf der A 81 alles steht wegen des Ausweichverkehrs. Die Ortskundige fährt dann über Bernhausen – wie viele andere. Das gehe zwar auch nicht schneller, aber wenigstens bleibe sie in Bewegung. „Mich nervt das Stop-and-go am meisten.“

Die Pendler sind die Regel, nicht die Ausnahme

Hannelore Schullian ist keine Ausnahme. Etwas mehr als 40 000 Einwohner hat Leinfelden-Echterdingen, tagsüber halten sich jedoch deutlich mehr Menschen in der Stadt auf. Der Grund: Es gibt wesentlich mehr Ein- als Auspendler. Die etwa 34 000 sozialversicherungspflichtigen Jobs ziehen um die 28 000 Einpendler an, 13 000 Bürger fahren raus.

Wer pendelt, ist in bester Gesellschaft. Laut dem Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung pendeln 18,4 Millionen Deutsche; das sind knapp 60 Prozent aller Beschäftigten. Zahlreiche Studien belegen jedoch, dass das dauerhaft ungesund ist. Das Wissenschaftliche Institut der AOK etwa hat einen Zusammenhang zwischen Strecke und Fehltagen hergestellt. Versicherte, die täglich 50 oder mehr Kilometer fuhren, blieben demnach 2017 im Schnitt an 3,2 Tagen wegen einer psychischen Erkrankung der Arbeit fern.

Eine so weite Anfahrt haben Rolf Graap und Kerstin Hengelmann nicht, aber auch sie reihen sich täglich in die Blechkolonne ein. 25 Kilometer sind es von Altenriet zur Firma GSI Sonnenschutztechnik, sie wissen: zehn Minuten später daheim loskommen, heißt ungleich später ankommen. „Man muss das definitiv strategisch legen“, sagt Rolf Graap. „Wo stehen Sie um Stuttgart nicht im Stau?“ Das sei der Preis, den man für den Wohlstand zahle. Immer mehr Autos pro Haushalt.

Der Nahverkehr müsste besser werden, sagt ein Pendler

Die Anbindungen mit den öffentlichen Verkehrsmitteln sind schlecht. Hannelore Schullian könnte sich theoretisch noch mit Bus und S-Bahn irgendwie durchbeißen, für das Paar aus Altenriet fällt das indes weg. „Der Bus kommt maximal achtmal am Tag“, sagt Kerstin Hengelmann. Ihr Partner findet: „Der öffentliche Nahverkehr im Raum Stuttgart ist eine Katastrophe.“ Saumäßig teuer und schlecht ausgebaut, lautet sein Urteil, „da hat sich durch die grüne Landesregierung leider nichts getan“. Wie viele andere kann er aufs Auto nicht verzichten. Bereits die Straßenverkehrszählung 2015 hat am B-27-Fildertunnel durchschnittlich knapp 84 000 Fahrzeuge pro Werktag registriert.

Rolf Graap und Kerstin Hengelmann Foto: Holowiecki

Doch Entlastung soll kommen. Beim Regierungspräsidium (RP) laufen die Planungen für den sechsstreifigen Ausbau. Auf neun Kilometern, zwischen den Anschlussstellen Aichtal und Echterdingen-Nord, soll je eine Spur dazukommen. Allerdings werden noch etliche Jahre ins Land gehen. Laut dem Regierungspräsidium könnte das Baurecht „bei optimalem Planungsverlauf“ frühestens 2024 erlangt werden. Fertig sein wird die Straße nicht vor 2027. Der Grund sei die Komplexität des mehrstufigen Planungsprozesses. Allein vier Anschlussstellen müssten umgebaut werden.

Die 59-jährige Hannelore Schullian wird das als Berufstätige nicht mehr erleben. Dennoch glaubt sie an eine Verbesserung, gerade für die Firmen im Ort. „Die Verkehrssituation erschwert die Personalsuche enorm“, sagt sie. In Vorstellungsgesprächen sei der Dauerstau regelmäßig ein Thema, und nicht selten werde er zum Standort-Minus.

Der Ausbau der B 27 sei die beste Lösung

Rolf Graap sieht auch Nachteile für die Händler. „Abends ist im Navi in der Stadt alles rot. Da geht allen Kundschaft flöten“, sagt er. Auch er glaubt, dass der B-27-Ausbau „das einzig Richtige“ ist, wenngleich er befürchtet, dass dies noch mehr Verkehr anziehen wird. Er pocht stattdessen auf Querverbindungen und Umgehungen, etwa die seit Jahren diskutierte und immer wieder verworfene Nord-Süd-Verbindung. „Wenn die Autos von der Autobahn direkt Richtung Steinenbronn fahren könnten, wäre die Stadt entlastet“, glaubt er.

Hannelore Schullian hat ihre eigene Art der Entlastung gefunden: Ab und an nimmt sie das E-Bike und radelt einfach zur Arbeit. Das dauere zwar auch 40 Minuten, aber wenigstens habe sie dann etwas für Wohlbefinden getan. Auch dafür sei der Sommer gut.

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