Massives Polizeiaufgebot aus Anlass der Pegida-Kundgebung Foto: dpa

Reichsadler und der Schriftzug „Deutschland“ in altdeutschen Lettern: Das gehört mit zu den Erkennungszeichen von Pegida, die am Wochenende auch in Stuttgart auftraten. Von den 200 Teilnehmern gehörte etwa ein Viertel zur rechtsextremistischen Szene Deutschlands. Wir haben einen genauen Blick auf die Veranstaltung geworfen.

Stuttgart - Der Mut beginnt erst hinter den Gittern und den Polizisten im Kampfanzug. Da streift sich die Frau das schwarze Shirt mit dem Reichsadler über. Der hält statt eines Hakenkreuzes den Schriftzug „Deutschland“ in altdeutschen Lettern in den Krallen. Hinter ihr entblößen kurzhaarige Kerle ihre Poloshirts mit dem „Freikorps Villingen Bodensee“-Aufdruck. Auf dem schwarzen Stoff über ihren Herzen kreuzt sich ein Schwert mit einem Hammer – das Gaufeldzeichen der Hitlerjugend.

Dann sind da noch die Männer von „Wotans Heer“, die ihr Programm auf dem Rückenteil ihres T-Shirts tragen: „Siegreiche Schlachten, singender Stahl“. Gut 40 Neonazis drängen sich in der Stuttgarter Innenstadt vorbei an 4000 Gegendemonstranten, die von Absperrgittern, 1000 Polizisten und zahlreichen Ordnern vom Kronprinzplatz ferngehalten werden. In der Landeshauptstadt machen die Patrioten gegen die Islamisierung des Abendlandes (Pegida) mobil.

Die bieten einen Mittzwanziger aus Würzburg als Redner auf. Einer, der in seinem blau karierten Hemd gelernt haben will, „unter Gefechtsbedingungen auf der Straße“ standzuhalten. Der „im Kugelhagel der Presseschlampen“ bestanden haben will. Und jetzt die „Faust bildet, die geballt zuschlägt“. Vor lauter Enthusiasmus überschlägt sich seine Stimme. Der Würzburger träumt davon, nach überstandenem Kampf und einem Sieg der Pegida in Deutschland „Plätze und Straßen nach unseren Namen“ zu benennen.

Dafür ist sicher auch Karl-Michael Merkle zu haben. Der grölt seinen 150 Anhängern entgegen, die Nazis befänden sich außerhalb des Kronprinzplatzes. Außerhalb der Gitter, hinter denen die Menschen stehen, rufen, schreien und trommeln, für die „Stuttgart bunt ist und bleiben“ soll. 100 Gruppen hatten aufgerufen, gegen Pegida Stellung zu beziehen, die Rechtspopulisten zu stoppen: Gewerkschaften, antifaschistische Gruppen, Kirchen, Parteien von CDU bis zu den Linken. „Ominöse Gruppen“, schrieben die Pegidas auf ihrer Facebook-Seite.

Die „wahren Nazis“, schreit Merkle in sein Mikrofon. „Nationalsozialisten haben hier nix verloren“, ruft er – und sein Publikum johlt. Beide scheinen dabei den bis ins Gesicht Tätowierten zu übersehen, der nur zwei Meter neben dem Rednerpult ein T-Shirt der Pforzheimer Neonazi-Gruppe „Berserker“ und eine weiße Ordnerbinde trägt.

Alleine 18 dieser rechten Hooligans sind zum Pegida-Aufmarsch gekommen. Gegen einige von ihnen ermittelt die Kölner Staatsanwaltschaft. Sie waren im vergangenen Jahr an Ausschreitungen in Köln beteiligt. Dort randalierten Fußballrowdys vor dem Hauptbahnhof. Sie nennen sich Hooligans gegen Salafisten (Hogesa).

In der Stuttgarter Innenstadt trafen sie auf Gleichgesinnte: Auch Mitglieder der VfB-Stuttgart-Hooligans „Neckar-Fils“ mischten sich unter die selbst ernannten Patrioten. Die radikalen VfB-Anhänger gelten den Sicherheitsbehörden als Schnittstelle zwischen gewaltbereiten Fußballfans und der rechtsextremen Szene. Eine junge Blonde bringt ihre Einstellung auf den Punkt. „Spezialistin für Körperverletzung“ steht auf ihrem T-Shirt.

Sie alle übersieht Redner Karl-Michael Merkle. Für ihn sind vor allem Journalisten schuld am drohenden Untergang des Abendlandes. Wer ihn als „Neonazi“ bezeichne, den werde er verklagen, droht Merkle. Gegen einen Reporter der „Stuttgarter Zeitung“ prozessiere er deswegen schon. Vielleicht ist Merkle selbst kein Neonazi. Sicher aber ist: Er grenzt sich nicht von ihnen ab. Er sucht ihre Nähe. Sie nennen ihn vertraut „Michael“. Gemeinsam teilen sie Überzeugungen. Wie die über Journalisten.

Auf früheren Aufmärschen hatte Merkle Reporter denunziert. Die schreiben allerdings allesamt unter ihrem Namen über den Pegida-Ideologen und Neonazis. Eine Offenheit, die Merkle scheut. Wenn er seine rhetorischen Giftspritzen setzt, wird er zum „Michael Mannheimer“. Der behauptet, als Journalist in 100 Ländern gewesen zu sein und in sieben Ländern mehr als 25 Jahre lang gelebt zu haben. Davon zeugten Hunderte seiner Artikel. Die finden sich allerdings nicht in Mediendatenbanken. Seit 1970 sind dort keine Veröffentlichungen unter den Namen Karl-Michael Merkel oder „Michael Mannheimer“ verzeichnet. Zwar soll Merkle offenbar einmal Heilbronn verlassen haben, um in München Journalistik zu studieren. Unklar ist aber, ob er das Studium beendet hat. Vielleicht liegt es an seinen Recherchemängeln. Es sei ernüchternd, poltert der Glatzkopf, dass die „Lügenpresse über die wahren Vorgänge in Deutschland“ schweige. Über Islamisten, die „7000 Deutsche ermordet“, „eine Million Deutsche zu Invaliden geschlagen“ hätten. „Pfui“, rufen die Pegidas, „unerhört“, schreien andere, und wieder andere rufen nach der „Todesstrafe“.

Der Teilnehmer an den Demonstrationen der Pegida stamme aus der Mittelschicht, sei gut ausgebildet und berufstätig, verdiene etwas mehr als der durchschnittliche Arbeitnehmer. Der Pegida-Protestler sei vor allem männlich, gehöre keiner Religion und keiner Partei an – und sei vor allem Sachse: Von 400 befragten Dresdner Pegida-Protestlern ­kämen nur 15 Prozent der Teilnehmer aus anderen Bundesländern.

Das zumindest haben Wissenschaftler der Technischen Universität Dresden herausgefunden, die sich unter Pegida-Leuten in der sächsischen Hauptstadt umhörten. Andere Sozialwissenschaftler sehen „eine Mittelschicht mit Abstiegsängsten am Werk“ und stellen den bürgerlichen Hintergrund vieler Organisatoren fest.

Menschen, die auch auf den Kronprinzplatz kamen. „Mir macht es Angst, wenn die Terroristen des Islamischen Staates eine Karte zeichnen, auf der sie die halbe Welt beherrschen“, sagt einer von ihnen. Ein anderer ergänzt, dass „ja auch aus Stuttgart schon eine ganze Reihe Leute nach Syrien aufgebrochen sind, um sich dort dem Dschihad anzuschließen“. Ängste, die Politiker selten ernst nähmen. Sie sind enttäuscht, von dem, was Pegida in Stuttgart aufbietet.

„Wenn das der hellste Kopf der Pegida ist, dann bleib’ ich besser zu Hause“, sagt einer nach der Mannheimer-Merkle-Rede. Da wusste er sicher noch nicht, dass Merkle ­seinen Internet-Blog über einen Anbieter in Dallas in den Vereinigten Staaten betreibt. Denselben, über den auch die Medienabteilung der Terrororganisation El Kaida ihre ­Videos verbreitet.

Die Polizei hatte zum Ende der Pegida-Versammlung Mühe, die Teilnehmer vom Kronprinzplatz herauszuschleusen. Mehrere Hundert Gegendemonstranten versuchten, die Ausfahrt der Busse aus dem abgesperrten Bereich zu verhindern. Zum Teil mussten die Beamten Schlagstöcke und Pfefferspray einsetzen.

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