Sicher gelandet: Auch der A 320, der am 15. August von Hurghada nach Stuttgart unterwegs war, kam sicher ans Ziel. In der Luft gab es allerdings Probleme. Foto: dpa / Patrick Pleul

Feuer, Schläge, Schräglage: Den zuständigen Behörden sind keine Unregelmäßigkeiten bekannt, ein weiterer Passagier berichtet von den Zuständen an Bord des Airbusses. Experten beruhigen: Zwischenfälle mit Triebwerken sind normal.

Stuttgart/Weinstadt - Ein brennendes Triebwerk, eine überforderte Crew, verängstigte Passagiere: Die Schilderungen von Marzena Pereira Meireles sind der wahrgewordene Albtraum eines jeden Fluggastes. Am 15. August war die Frau aus Murr (Kreis Ludwigsburg) mit ihrer Familie mit der Fluggesellschaft Condor aus dem Urlaub von Hurghada zurück nach Stuttgart geflogen. Über Zagreb habe es Probleme mit einem Triebwerk gegeben, an Bord sei Panik ausgebrochen. Das Erlebnis traumatisiert die Familie. Pereira Meireles wendet sich an unsere Zeitung, weil sie möchte, dass der Vorfall an die Öffentlichkeit kommt.

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Wie dramatisch war der Flug DE 217 von Hurghada nach Stuttgart Mitte August wirklich? Nach dem Bericht über die Erlebnisse von Marzena Pereira Meireles sind die Meinungen geteilt. Übertrieben meinen die einen, beängstigend die anderen. Auch Michael Beck meldet sich. Der 49-Jährige saß am 15. August ebenfalls in dem Flugzeug, das am Ende sicher in Stuttgart landete. Etwas mulmig sei ihm während des Flugs durchaus auch gewesen – und er könne die Ausführungen von Marzena Pereira Meireles im Großen und Ganzen bestätigen. Allerdings stellt der 49-Jährige aus Weinstadt die Situation bei weitem nicht so dramatisch dar.

Das Flugzeug fliegt längst wieder

Nach zwei Stunden, etwa auf halber Strecke, habe die Turbine ein übles Geräusch von sich gegeben, „so als ob jemand einen Schraubenschlüssel reingeworfen hätte“, sagt Beck. Die Maschine sei in einen Sinkflug gegangen und habe den Flug dann auf einer geringeren Höhe und mit reduzierter Geschwindigkeit fortgesetzt. Zur Seite geneigt habe sie sich nicht, und auch das Triebwerk habe „definitiv nicht gebrannt“.

Die Beobachtungen bestätigte die Fluggesellschaft Condor am Freitag erneut: Demnach reduzierten die Piloten die Leistung eines der Triebwerke. Die Fluggesellschaft berichtet jedoch nur von einer „leichten Vibration an dem Triebwerk“. Es habe zu keinem Zeitpunkt eine Gefahr für die Passagiere oder die Crewmitglieder bestanden. „Es tut uns außerordentlich leid, wenn sich manche Gäste an Bord unwohl gefühlt haben“, sagt Condor-Sprecherin Magdalena Hauser. Techniker hätten den Airbus nach der Landung untersucht, die Maschine sei wieder freigegeben worden und befinde sich im Einsatz.

Zwischenfälle dieser Art treten häufiger auf

Laut Jan-Arwed Richter vom Jet Airliner Crash Data Evaluation Centre (JACDEC) in Hamburg, das seit 1991 eine Datenbank zur Flugsicherheit führt, sei das Flugzeug nach dem Vorfall vier Tage lang nicht geflogen. Er nennt die Vorkommnisse einen „durchaus zu bewältigenden Zwischenfall, der häufiger auftritt“. Bei der Deutschen Flugsicherung liegen zu dem Flug keine Informationen vor, die von den Standards abweichen. „Der Pilot entscheidet selbst, ob es ein Fall ist, den er der Flugsicherung melden muss“, sagt Sprecherin Kristina Kelek. Für die Flugsicherung werden Probleme dann relevant, wenn sich dadurch die Sicherheitsabstände oder die Flugbahn änderten oder wenn die Piloten ungeplante Manöver fliegen müssten.

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Trotz allem: Viele Passagiere an Bord des Airbus A 320 fühlten sich offenbar nicht wohl. Michael Beck führt das auch auf das Verhalten der Crew zurück. Die habe die Verunsicherung der Passagiere an Bord enorm geschürt. Der 49-Jährige habe den Eindruck gehabt, die Flugbegleiter hätten teilweise noch mehr Angst gehabt als die Passagiere. „Die sind hin- und hergerannt“, erinnert sich Beck. „Das war für mich mit das Schlimmste.“

Fliegen: Für viele Menschen eine psychische Belastung

Berichte, dass eine Flugbegleiterin geweint oder gar geraucht habe, konnte Condor nicht kommentieren, da die Untersuchungen noch andauerten. „Vielleicht hätte es vielen Passagieren schon geholfen, wenn man durchgesagt hätte: ‚Wir können auch gut mit einer Turbine fliegen’“, mutmaßt Michael Beck. Dass Fliegen an und für sich für viele Menschen eine psychische Belastung ist, weiß Jürgen Knüppel, ehemaliger Fliegerarzt der Bundwehr und Fluglehrer. „Einige warten ja quasi darauf, dass etwas passiert.“ Wenn dann tatsächlich etwas vorfalle, sei es natürlich schwierig, die Leute wieder zu beruhigen. Dabei bestehe häufig kein Grund zur Sorge: „Selbst ein Triebwerksbrand ist einkalkuliert“, sagt Knüppel. „Undenkbar ist das nicht.“

Die heutigen modernen Triebwerke fallen nur noch selten aus. Geschieht dies doch, handeln die Piloten nach einer vom Hersteller festgelegten Checkliste. „Hierzu gehört auch das Fliegen ‚in Schräglage’, da der Schub des verbleibenden Triebwerks ein Drehmoment erzeugt, das durch aerodynamische Maßnahmen vom Piloten ausgeglichen werden muss“, teilt das Luftfahrt Bundesamt auf Nachfrage mit.

Für viele der Passagiere war der Flug am 15. August von Hurghada nach Stuttgart ein einschneidendes Erlebnis. Michael Beck kann das nachvollziehen, obwohl die Sache für ihn schnell abgehakt war. „Als wir wieder unten waren, war es dann auch ok“, erinnert sich der 49-Jährige. Seiner Frau und seiner Tochter sei es ohnehin den ganzen Flug über gut gegangen. Die Familie fliegt weiterhin.

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