Die Gedichte der Studenten sind persönlich. Letztlich fühle sich jeder irgendwann und ­irgendwie mal benachteiligt, sagt Lena Faber. Foto: factum/Granville

Mal ernst, mal lustig ging es es beim (Dis)ability Slam der PH Ludwigsburg zu. Fünf Studenten haben beim ersten Poetry Slam zum Thema Leben und Studieren mit einer Benachteiligung mitgemacht. Dabei hatte jeder der Studenten eine ganz eigene Geschichte zu erzählen.

Ludwigsburg - Wie fühlt es sich an, mit einer Behinderung oder Benachteiligung zu studieren? Beim „(Dis)ability Slam“ im Literatur-Café der Pädagogischen Hochschule (PH) haben sich fünf Studenten auf die Bühne getraut und ihre ganz persönlichen Erfahrungen mit dem Publikum geteilt – in Form selbst geschriebener Gedichte und Texte. Am Ende dürfen die rund 100 Studenten im Publikum den besten Text küren. Mit Standing Ovations.

„Ich bin anders“, heißt der Gewinnertext von Julia Rohn. Die Studentin der Sonderschulpädagogik leidet unter Depressionen. Wie ein fieses Monster zerstöre die Krankheit manchmal ihre Hoffnungen und Wünsche, beschreibt sie ihre Gefühle. Dann wolle sie nur allein sein. Der Bühnenauftritt sei für sie eine Art Therapie. „Große Menschenmengen machen mich nervös“, sagt Rohn „deswegen fahre ich keine ­S-Bahn.“ Vor Publikum zu stehen habe sich jedoch gut angefühlt, sagt sie.

An der PH ist das Thema Inklusion noch nicht angekommen

Julia Rohn will auf das Thema Studieren mit Behinderung und Benachteiligungaufmerksam machen. Sie ist Mitglied einer Arbeitsgruppe an der PH, die Veranstaltungen zu dem Thema organisiert. „Wir studieren Sonderpädagogik, schaffen es aber nicht, Inklusion an der PH zu leben“, klagt sie. „Wie wollen wir das später unseren Schülern beibringen?“

Immerhin habe die PH seid diesem Semester wieder einen barrierefreien Zugang in Form eines rollstuhlgerechten Aufzugs, erzählt Teresa Auginski, die Sozialreferentin des Asta an der PH und Initiatorin des (Dis)ability Slams. „Davor hatten wir nur einen unattraktiven Lastenaufzug“. Wie viele Studenten mit einer Benachteiligung an der PH eingeschrieben sind, wird nicht erfasst. „Einigen sieht man es nicht an“, sagt Teresa Auginski.

Miriam Wahler scheut keine Auftritte – sie sieht das Publikum kaum

Anders ist es bei Miriam Wahler. Sie hat eine starke Sehschwäche, die mit einer dicken Brille korrigiert wird. Daher sieht sie Nahes überdeutlich, in die Ferne jedoch nur auf etwa einen Meter klar. Die Studentin der Kultur- und Medienbildung setzt sich in ihrem Text auf unterhaltsame Weise mit ihrem Anderssein auseinander. „Keine Vertragsklausel ist mir zu klein gedruckt“, sagt sie „und vor Auftritten habe ich keine Angst: Ich sehe ja nicht über die erste Reihe.“ Wahlers Text kommt bei den Studenten gut an: Sie heben ihn auf Platz zwei.

Die Bronzemedaille nimmt Julia Rohns Mann Tobias Rohn mit. Er liest vor Publikum eine Text über die Depressionen seiner Frau und seinen Umgang damit. „Ich habe ihn dazu überredet“, sagt Julia Rohn, „schließlich sieht er meine Krankheit aus einer anderen Perspektive.“ In seinem Gedicht appelliert der Student für mehr Toleranz den Mitmenschen gegenüber. „Verstehen ist das A und O“, rezitiert er, „und miteinander über Probleme sprechen.“

Benachteiligung ist auch eine Frage der Perspektive

Platz vier und fünf belegen Lena Faber und Larissa Maloney. Faber beleuchtet in ihrem Gedicht die Facetten der Benachteiligung: in finanzieller, sozialer, kultureller Hinsicht. Letztlich sei es eine Frage der Perspektive, sagt sie. Jeder fühle sich einmal benachteiligt.

„Was wäre wenn?“, fragt Maloney das Publikum, „Wenn alle die gleichen Chancen bekämen und die Menschen nicht diskutieren, sondern tolerieren. Wenn alle gewinnen und keiner verliert.“

Weitere Veranstaltungen zum Thema Studieren mit Behinderung und Benachteiligung sind geplant. Noch gibt es jedoch keine konkreten Termine.

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