Osmanen-Verfahren in Stuttgart Kronzeuge entlastet den Weltvorstand

Von Franz Feyder 

Polizisten des Spezialeinsatzkommandos sichern die Gerichtsverhandlungen gegen acht Mitglieder des Osmanen Germania Boxclubs in Stuttgart Stammheim. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko
Polizisten des Spezialeinsatzkommandos sichern die Gerichtsverhandlungen gegen acht Mitglieder des Osmanen Germania Boxclubs in Stuttgart Stammheim. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

In Herrenberg bei Stuttgart soll Celal Sakarya von Osmanen-Kumpeln malträtiert, ins Bein geschossen worden sein. Den Vize-Weltpräsidenten der Gruppe, Selcuk Sahin, wäscht er jetzt bei seiner Zeugenaussage vor dem Stuttgarter Amtsgericht rein.

Stuttgart - Als die Kameras des Stuttgarter Flughafens Levent Uzundal, Mustafa Kilinc und Celal Sakarya filmten, schien die Welt noch in Ordnung. Auf ihrem Rücken prangten auf schwarzem Leder die stilisierten Köpfe eines mittelalterlichen Kriegers, auf Brust und Bauch rot-weiße Abzeichen und der Schriftzug „Kana Kan“ – „Blut für Blut“ – Zahn um Zahn würde das ins Deutsche übertragen heißen. Hintereinander her marschierte das Trio zu den Kontrollen. Wenige Stunden später landeten Uzundal, Kilinc und Sakarya an der türkischen Rivera in Antalya.

Was der Stuttgarter Leiter, sein Stellvertreter und der Anführer der Gießener Anführer des Osmanen Germania Boxclubs dort Ende Januar 2017 wollten, ist bis heute nicht sicher geklärt. Abhörprotokolle des baden-württembergischen Landeskriminalamtes legen nahe, dass sie den Deutschen Marvin S. dort zumindest mit einer Wohnung versorgen wollten. Denn S. – Aufnahmekandidat der Stuttgarter Osmanen-Truppe – hatte sich in die Türkei abgesetzt, nachdem die Polizei nach ihm fahndete.

Sakaryas Version der Herrenberger Bluttat

Am 2. Februar kehrte das Trio am frühen Nachmittag zurück nach Stuttgart. Was an diesem und den folgenden Tag geschah, versuchte jetzt Richter Joachim Holzhausen im sogenannten Osmanen-Verfahren des Landgerichts Stuttgart zusammen mit Sakarya zu rekonstruieren. Die Kurzversion: Uzundal habe seinen Gießener Vorstandskollegen in eine Wohnung in der Herrenberger Maicostraße gelockt. Dort seien nächtens vier oder fünf Osmanen über ihren schlafenden Kameraden hergefallen, hätten ihm mit einer Rohrzange die Schneidezähne ausgeschlagen. Hätten ihn mit Schlägen und Tritten malträtiert. Ihm in den linken Oberschenkel geschossen. Ihm am nächsten Tag die Kugel durch eine angehende Krankenschwester entfernen lassen, um ihn dann schließlich am dritten Tag seiner Wege ziehen zu lassen. Der Grund für die Bluttat: Sakarya habe mit der „Freundin“ Kilincs angebandelt – für Osmanen eine Todsünde. Wenn auch während des Prozesstages nicht deutlich wurde, ob mit „Freundin“ die Freundin des Stuttgarter Vizes gemeint ist – oder eine seiner Prostituierten.

So zumindest geht die Version, die Sakarya am Dienstagvormittag erzählte. Die, die am Nachmittag Risse bekam, als Holzhausen nachhakte und Widersprüche aufdeckte. Wohl deshalb hatte der Richter zu Beginn der Befragung den hessischen Osmanen auf sein umfassendes Zeugnisverweigerungsrecht hingewiesen. Er müsse nicht aussagen, weil er der Polizei mehrere andere Versionen dessen aufgetischt hatte, was an diesen drei Tagen zum Beginn des Februars geschehen sein soll.

Deshalb habe Sakarya eigentlich nur die Wahl zwischen Pest und Cholera, zwischen falscher Verdächtigung und Strafvereitelung. In beiden Fällen Straftaten, die den Staatsanwalt beschäftigen werden. „Wollen Sie Angaben machen? Diese Entscheidungen müssen Sie jetzt treffen!“ „Ja, will ich!“

Dubioses Treffen mit einem Täter in der Türkei

Gleich zu Beginn seiner Aussage überraschte Sakarya zumindest Richter, Staatsanwälte und etliche der Verteidiger: Im September 2017 sei der türkische Staatsbürger in seine Heimatstadt Antalya gereist und habe sich dort auch mit zwei Männern getroffen. Einer von ihnen sei Mustafa Kilinc gewesen – einer der Männer, die ihn in der Herrenberger Wohnung ein halbes Jahr zuvor drei Tage lang drangsaliert haben sollen.

In dem Gespräch mit dem Stuttgarter Vize-Osmanen-Chef habe er dann erfahren, dass alleine Levent Uzundal für sein Martyrium verantwortlich sei. In dem habe er zeitweise mit dem Leben abgeschlossen: „Ich habe keine Zukunft mehr für mich gesehen“, sagte er einmal mit stockender Stimme. Uzundal habe die Linie verfolgt, „was wir einmal angefangen haben, das bringen wir zu Ende“. Einmal habe er davon gesprochen, es sei „alles geplant, alles vorbereitet. Am Ende wirst Du tot sein“. Auf der Anklagebank schüttelte Uzundal den Kopf.

Dessen Plan, fuhr Sakarya fort, habe keinesfalls den Vorstellungen entsprochen, die der stellvertretende Anführer der vorgesetzten Weltorganisation der rockerähnlichen Gruppe gehabt hätte: Selcuk Sahin, der sich von seinen Freunden auch gerne „Can“ nennen lässt, hätte dem Plan widersprochen, Sakarya wegen der mutmaßlichen Verfehlung drastisch zu bestrafen. „Mustafa sagte, dass der Herr Can gesagt hat, es sei genug mit meiner Strafe“.

Sakarya belastet Ermittler des Landeskriminalamtes

Damit nicht genug: Auch an anderen Stellen wäscht Sakarya seinen Welt-Vize rein: Zu keinem Zeitpunkt habe er als Anführer der Gießener Sektion Anweisungen bekommen, was er zu tun oder zu lassen habe. Solche Anweisungen habe er nur von den Leitern anderer Chapter genannten Gruppen bekommen. Eine Behauptung, die den Ermittlungen und früheren Zeugenaussagen widerspricht, nach den Uzundal nicht nur Gruppenleiter war, sondern auch der für Bestrafungen zuständige Waffenmeister, der Sergeant at Arms, der Weltorganisation.

Sakaryas Kotau für Sahin ist damit noch nicht zu Ende: Am 30. Juni verfasste er einen juristisch sehr präzise formulierten Brief an das Stuttgarter Amtsgericht. Der Inhalt: Bei seinen beiden, von den Polizisten des baden-württembergischen LKAs mitgeschnittenen Vernehmungen hätten die Ermittler das Tonbandgerät immer wieder aus- und eingeschaltet. In den Pausen hätten die Beamten ihm die Antworten vorgegeben, mit denen er den acht Tage zuvor verhafteten Sahin zu belasten habe. Seine Anschuldigungen gegen den ziehe er jetzt zurück. Die Uzundal-Fraktion in den Zuschauerreihen – zumeist junge Frauen – stöhnte auf.

Juristisch präzise formulierte Briefe eines Elektrikers

Holzhausen hakte nach: Ob der gelernte Elektriker Sakarya diesen Brief wirklich selbst verfasst habe, wollte der Richter wissen. Fast schon entrüstete sich der malträtierte Osmane: „Ja natürlich, das habe ich selbst gemacht!“ Wo er denn die ganzen Aktenzeichen herhabe? Die habe er sich einmal von der Polizei geben lassen. Beweisen könne er das nur, wenn er die ganzen Sachen zurückbekäme, die bei mehreren Durchsuchungen im vergangenen Jahr in seiner Wohnung beschlagnahmt worden seien.

Schwammige Erklärungen hat Sakarya dafür, dass er sowohl mit Uzundal als auch mit einem Makler in Antalya telefonierte, als er zeitgleich mutmaßlich mit einem Steckschuss im Bein in Herrenberg auf dem Sofa saß: „Da ging es um die Kaution für die Wohnung, die ich dort gemietet habe.“ Der Unterschlupf für den aus Stuttgart geflohenen Osmanen-Bewerber Marvin S. „Maklergespräche mit angeschossenem Oberschenkel“, wundert sich Richter Holzhausen.

Ein halbes Dutzend widersprüchlicher Aussagen

Der ist alarmiert: Seit Sakarya sich vier Tage nach dem Ende seiner Tortur in Herrenberg am 7. Februar 2017 erstmals bei der Polizei meldete, tischte er den Ermittlern ein halbes Dutzend verschiedener Versionen seiner Schussverletzung auf. Die reichen von einem Angriff Unbekannter auf einem Autobahnparkplatz über Attacken der mit den Osmanen verfeindeten, kurdischen Bahoz bis zur aktuellen Aussage.

Bei der verschwieg Sakarya während der minutiösen Rekonstruktion der Geschehnisse mit Holzhausen sowohl die Telefonate mit Uzundal während der Tat wie auch Kontakte nach dem Herrenberger Ereignissen mit Sahin und dem Welt-Anführer Mehmet Bagci. „Der Levent wird geopfert, damit die beiden Ärsche frei kommen“, echauffieren sich am Ende des Prozesstages zwei Uzundal nahe stehende Frauen. Sakarya wird am heutigen Mittwoch weiter zu dem Vorfällen in Herrenberg befragt. Es ist sehr wahrscheinlich, dass er auch nach den Pfingstferien am 5. Juni wieder in den Zeugenstand muss.

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