Cape-Town-Opera-Chrous Foto: Van der Mjle

Der Cape Town Opera Chorus des Artscape Theatre Center Kapstadt, erobert die Bühnen der Welt. 2013 zum Opernchor des Jahres gewählt, kommen die 18 Sängerinnen und Sänger im nächsten Jahr auch nach Stuttgart. Am 21. Februar 2016 gastieren die African Angels in der Liederhalle Stuttgart.

Sonntagmorgen in Gugulethu. Die Betreiberin des 20 Hair Shop gegenüber der Kirche lässt die Blechrolladen hoch. Nebenan ­flattert blütenweiße Wäsche im Spätsommerwind. Eine Straße weiter wird ein Auto gewaschen. Männer halten in einer runtergekommenen Holzbaracke ihren Stammtisch ab. Arm in Arm schlendert eine Freundinnenpaar Richtung Gotteshaus. Ihr ­modischer Chic ist kaum zu überbieten. Und auch die anderen Frauen, Männer, Jugendlichen und Kinder, die jetzt zum Gottesdienst in die altapostolische Kirche Afrikas im Township Gugulethu, 15 Kilometer südlich von Kapstadt strömen, lassen keinen Zweifel aufkommen: Modetrends werden auf der Straße kreiert. Die Damen tragen Kopfaccessoires in ­Robinrot, Weiß und Schwarz in schwer ­beschreibbaren Dimensionen. Kinder bevorzugen schwarze Lackschuhe, junge Männer Hüte.

Die Bankreihen im Backsteinbau füllen sich. Der Prediger erklärt die Botschaft des Evangeliums über eine Tierfabel, dann füllt sich das Gotteshaus mit Gesang. Mit einem mehrstimmigen Gesang, der wie das Wasser des Atlantik am Kap vor der Drei-Millionenstadt in haushohen Wellen hin- und herwogt. Der mitzieht, sobald er beginnt. Den man vermisst, sobald er endet. Ein musikalischer Sog aus bekanntem und unbekanntem Tonmaterial, fremden Rhythmen und sehr viel Energie. Auch Andile Tshoni singt hier wie ein Donnergott. Die Gemeinde in Gugulethu ist die geistliche Heimat des 37-jährigen Tenors, das Artscape Theatre Centre in Kapstadt seine künstlerische. Unter dem Dach des Artscape Theatre Centre sind das Cape Town Philharmonic Orchester, das Cape Town City Ballett, das Jazzart Dance Theatre, das Fine Music Radio und die Cape Town Opera zusammengefasst.

Zwei Tage vor dem Besuch in Gugulethu war Andile Tshoni als Chormitglied der Cape Town Opera im Opernhaus zu ­erleben. Die knapp 1500 Sitzplätze im großen Saal sind nahezu ausverkauft. In den vorderen Reihen nehmen vor allem „weiße“ Konzertbesucher ihre Plätze ein, in den hinteren Schwarzafrikaner. Die Weißen sind begeistert, die Schwarzafrikaner aus dem Häuschen. Gemeinsam wird „Brava“ gerufen, wird der Chor mit seinem künstlerischen Leiter am Piano, José Dias, mit Standing Ovations bedacht. Frenetisch klatschen die Zuhörer in den hinteren Reihen Beifall, singen mit, wenn Andile Tshoni und die anderen 17 Sängerinnen und Sänger der „African Angels“ den Chor der Gefangenen aus Nabucco von Giuseppe Verdi oder den Chor der Hochzeitsgäste aus Gaetano Donizettis Oper „Lucia di Lammermmoor“ singen. Und trällern nach dem Konzert auf dem Vorplatz die Arie der Königin der Nacht.

Die Südafrikaner haben eine neue musikalische Liebe – die Oper. Moderne Notation ist für sie ein Fremdwort, sie lernen vor dem Fernsehgerät oder vom I-pad. „Ach, du singst jetzt Opern, das ist nicht unsere Musik“, kommentierten die Familien noch vor Jahren. „Pavarotti singt Opern“, konterten die Sängerinnen und Sänger. „Ah, Pavarotti“, sagten die Familien jetzt, und schon war der Respekt hergestellt. Denn jeder scheint hier Luciano Pavarotti und Maria Callas zu kennen. Europäische Musik mit ihrer Polyphonie und der wohltemperierten Stimmung wird in Besitz genommen und war doch bis zum Ende der Apartheid der weißen Elite vorbehalten.

„Hier singt jeder von Kindesbeinen in irgend einem Chor“, sagt Michael Williams, Intendant der Cape Town Opera. Und dass vermutlich „bald ein neuer Pavarotti“ aus Kapstadt die internationale Musikwelt erobern wird. Andile Tshonie wird es als internationaler Super-Solo-Star nicht mehr schaffen. Doch dass er nach seiner Berufsausbildung zum Tenor mit den „Afrika Angels“ – allesamt auch professionelle Sänger – rund um den Globus gefeiert würde, hätte er sich als Kind nicht träumen lassen. Tshonie wohnt in Gugulethu, die alte Frau gegenüber seines bescheidenen Wohnhaus sagt: „Das ist mein bester Nachbar, er singt immer“. Sie lacht und lässt eine europäisch anmutende Gesangskolloratur folgen.

Vermutlich wäre sie begeistert, wenn sie im Opernhaus erleben könnte, wie die „African Angels“ das Champagnerlied aus Johann Strauß’s Operette „Die Fledermaus“ in Isi-Xhosa singen. Fast jeder hier in Gugulethu spricht Isi-Xhosa – die Bewohner zählen zum Volk der Xhosa. Klicklaute aus deren Sprache in europäische Musikliteratur einzubauen, ist eines von vielen der Überraschungsmomenten der „African Angels“. „So sehr die Sängerinnen und Sänger, zu denen derzeit nur eine weiße Südafrikanerin zählt, die europäische Oper lieben, auf ihre ursprüngliche Musik, auf Traditionals und Gospel würden sie nicht verzichten“, sagt Intendant Michael Williams.

Besonders bewegend sind beim Chorkonzert dann auch die Interpretation von ­typisch südafrikanischen Songs wie „Pata Pata“ der musikalischen Muse der Anti-Apartheid-Bewegung, Miriam Makeba und „Weeping“, mit dem der Chor Nelson Mandelas gedenkt. Nelson Mandela (1918- 2013) war ihr „Tata“ (Isi-Xhosa für Vater), der erste schwarze Präsident Südafrikas.

Robben Island, die frühere Gefängnisinsel, auf der Mandela fast zwei Jahrzehnte inhaftiert war, ist – zwölf Kilometer entfernt – in der Tafelbuch von Kapstadt mit bloßem Auge zu sehen. Der britische Regisseur Justin Chadwick hat vor zwei Jahren mit seinem Spielfilm „Mandela – Der lange Weg zur Freiheit“ dem Nationalhelden ein cineastisches Denkmal gesetzt. Die enge Verbindung zur Geschichte ihres Landes ist in Gesprächen mit den Chorsängern immer wieder herauszuhören. Zwar würden einige von ihnen auch „gern in ­Spanien oder London“ leben. Aber andere Länder wie Holland („zu flach“) oder Deutschland („zu schwierige Sprache) kommen nicht infrage.

„Wenn ich singe, feiere ich“: Gemäß dieser afrikanischen Weisheit singt schon der Nachwuchs in den Town-Ships im Chor der Sonntagsschule oder im Chor der Kirchengemeinde. Die Wohn- und Lebensbedingungen für Schwarzafrikaner haben sich auch nach 1994 nicht wesentlich verbessert. Und doch: Unzählige Chorwettbewerbe in den unterschiedlichsten Musikstilen und Altersgruppen erfreuen sich in Südafrika größter Popularität. Ehrgeizig war auch die Idee des Cape Performing Arts Board (Capab), ein eigenes Ausbildungsprogramm am Opernhaus in Kapstadt für junge, schwarze Gesangstalente ins Leben zu rufen. Die einst von den Schwarzen als ein Prestigeobjekt der Weißen verschriene Oper wurde mehr und mehr zum Herzstück des südafrikanischen Gesangsrepertoires. „Schwarzafrikaner sind hungrig nach der Kultur des alten Europa, sie stürmen sie förmlich, die Oper wird heute hier wahrgenommen wie zu ­Verdis Zeiten“, sagt Intendant ­Williams.

Der Cape Town Opera Chorus gastiert mit „African Angels“ am 25. Dezember im Mannheimer Rosengarten, am 21. Februar 2016 im Hegelsaal der Liederhalle Stuttgart und am 23. Februar im Konzerthaus Karlsruhe. Tickets unter: www.eventim.de

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