Blick in den Zuschauerraum des Stuttgarter Opernhauses Foto: dpa

Ob in Karlsruhe, Frankfurt oder Berlin: Überall verursachen Theater-Sanierungen hohe Mehrkosten und Bau-Verzögerungen. Wird es Stuttgart beim Ausbau seines Opernhauses besser machen?

Stuttgart - Das Thema Theatersanierung steht in vielen deutschen Städten auf der Tagesordnung. Aber dem Sommer zum Trotz regnet es gerade kräftig schlechte Nachrichten. Beispiel Karlsruhe: Die Kosten der geplanten Sanierung des Badische Staatstheaters (Baustart: 2019) sind innerhalb von zwei Jahren Planungszeit von 125 Millionen auf vermutlich 325 Millionen Euro gestiegen. Beispiel München: Die Sanierung des Gärtnerplatztheaters kostet die Stadt 121,6 Millionen statt der ursprünglich gedachten 50 Millionen Euro.

Beispiel Frankfurt am Main: Hier ist die Sanierung des Opernhauses und des Sprechtheaters dringend notwendig. Drei Gutachten über die Kosten liegen inzwischen vor. Man rechnet mit einem Betrag von bis zu 900 Millionen Euro und einer geschätzten Bauzeit von maximal elf Jahren, um die Nachkriegsbauten in bester Citylage nicht nur angemessen zu modernisieren, sondern darin vor allem die aktuellen Energie- und Brandschutzbestimmungen umzusetzen. Es ist nachvollziehbar, dass unter diesen Umständen die Frankfurter eine radikale Alternative in Erwägung ziehen: Die komplette Aufgabe des alten Gebäudes, den Verkauf des Grundstücks und – auch aus den Erlösen – einen Theater-Neubau ganz woanders.

Ein Sanierungsabgrund auch in Köln: Zu Wochenbeginn musste die Oberbürgermeisterin Henriette Reker erklären, dass sich das Herrichten der städtischen Oper um weitere fünf Jahre verzögern wird. Baubeginn war 2012, die geplante Wiedereröffnung 2015 scheiterte, nun wird es wohl 2022. Die Kosten haben sich derweil mehr als verdoppelt von ursprünglich 250 auf nunmehr 570 Millionen Euro. Wird es dabei bleiben? „Das ist seriös erarbeitet“, antwortet der Technische Betriebsleiter. „Aber natürlich kann einem der Himmel auf den Kopf fallen“.

In Berlin wir erst einmal provisorisch wieder eröffnet

Und was war noch gleich in Berlin? Am 3. Oktober wird die Staatsoper Unter den Linden nach Generalsanierung wieder in Betrieb genommen – vier Jahre später als ursprünglich geplant und bei Verdoppelung der Kosten auf summa summarum knapp 500 Millionen Euro. Also Licht am Ende des Hauptstadtoper-Tunnels? Wie man’s nimmt: nach dem Festakt wird die Staatsoper erst einmal wieder geschlossen. Die Bauarbeiter kehren dann zurück.

Puh! Als Stuttgarter muss man bei diesen Neuigkeiten erst einmal tief durchatmen. Schließlich steht auch in der Landeshauptstadt im Südwesten eine Theatersanierung auf dem Programm, eigentlich ist die Instandsetzung und baulich-technische Modernisierung des Opernhauses schon seit vielen Jahren überfällig. Gerade sind Land und Stadt mit der Vorbereitung der nächsten Sitzung des Staatstheater-Verwaltungsrates am 17. Juli beschäftigt. Derzeit wird vor allem über den Standort einer Ersatzspielstätte nachgedacht, wo Oper und Ballett in der auch hier mehrjährigen Sanierungszeit des Altgebäudes Unterschlupf finden. Und natürlich stellt sich die Frage, ob angesichts der Schreckensmeldungen andernorts die hiesigen Vorbereitungen besser laufen.

Tatsächlich wollen Kunstministerin Theresia Bauer und Oberbürgermeister Fritz Kuhn (beide Grüne) aus den Fehler ihrer Amtskollegen gelernt haben. Weder wollen sie den Fehler aus Karlsruhe wiederholen, wo die Kosten offenbar aus politischen Gründen möglichst klein gerechnet wurden, um den verschiedenen Gremien zunächst einmal die Zustimmung zu erleichtern. Noch sollen durch unsachgemäßen Zeitdruck die Planer zu Schlurigkeiten im Detail verleitet werden.

Der Stuttgarter OB will ja alles richtig machen

„Schritt für Schritt arbeiten wir jede Einzelfrage ab“, beschreibt insbesondere Kuhn immer stolz einen Diskussionsprozess, der sich nach der Vorlage eines umfangreichen Erstgutachtens im Somer 2014 nun schon über drei Jahre hinzieht – und nimmt dabei allerdings in Kauf, dass das Sanierungsthema immer wieder für Monate aus der öffentlichen Wahrnehmung völlig verschwindet und ein Zwischentermin nach dem anderen sang- und klanglos verstreicht (noch vor Jahresfrist war von der Ausschreibung eines Architektenwettbewerbs noch im Laufe des Jahres 2017 die Rede; daraus wird wohl nichts werden).

Doch selbst, wenn alles super geplant und kostentechnisch maximal ehrlich kalkuliert wird, bleibt ein Faktor der Unwägbarkeit, der übrigens keineswegs nur Kulturbauten betrifft, sondern alle Gebäude, die man sanieren und verbessern will, ob nun öffentlich oder ganz privat: In dem Moment, wo man anfängt, mit Hammer oder Bohrer an Wände, Boden und Dach älterer Gemäuer zu gehen, kommen Dinge zum Vorschein, von denen man vorher nicht einmal geträumt hatte. Nicht nur bei den Kosten, auch bei der Zeitplanung der Sanierung ist darum ist ein Puffer nötig. Bei der Wahl einer Ersatzspielstätte wird es nicht um eine flüchtige Episode der Stuttgarter Theatergeschichte gehen, sondern um ein eigenes Kapitel.

Vielleicht müssen Oper und Ballett ja nur für drei Spielzeiten in ein Ausweichquartier. Je nachdem, wie das neue, alte Staatstheater künftig aussehen soll, werden es aber eher vier oder fünf. Je nach künftigem Baufortschritt können es aber plötzlich sechs werden. Wie immer man die drei derzeit diskutierten Standorte an der Schillerstraße, in der Ehmannstraße und am Mercedes-Museum miteinander vergleichen will, mit an oberster Stelle muss die Frage stehen: Wo können die zwei Sparten der Stuttgarter Staatstheater eine Übergangs-Heimat finden, die nicht nur künstlerische Spitzenqualität ermöglicht, sondern vor allem auch die Nähe zum Publikum garantiert? Und die Einbindung in die Stadtkultur der Bürgergesellschaft? Die Erfahrungen aus der Sanierung des Kleinen Hauses, als das Schauspiel 2012/13 in nur einem Jahr Zwangs-Auslagerung in die Spielstätte Nord fast die Hälfte seiner Zuschauer verlor, müssen eine Lehre sein.

Die Ersatzspielstätte darf kein Provisorium sein

Die endgültige Entscheidung über die Ersatzspielstätte hat Oberbürgermeister Kuhn für eine Sitzung des Verwaltungsrates im November angekündigt. Doch schon in zehn Tagen soll ein qualitativer Vergleich der drei Optionen Schiller-, Ehmannstraße und Mercedes-Museum vorliegen, nebst Stellungnahmen aller Seiten. Und wenn keiner der drei Standorte wirklich zu überzeugen weiß, könnte es dann nicht sinnvoll sein, noch nach Alternativen Ausschau zu halten?

Keine Frage: Stuttgart muss es bei seiner Theatersanierung besser machen als Köln oder Berlin. Das verlangen nicht nur die Finanzen von Stadt und Land, das verlangt auch das Theaterpublikum. Letzteres kann sich im Übrigen erst einmal auf die kommenden Spielzeiten am gewohnten Ort freuen. Der Umzug in die Ersatzspielstätte, wo immer sie auch sein mag, steht frühestens für den Sommer 2021 an. Hinter den Kulissen wird angesichts des Tempos der kulturpolitischen Debatte eher inzwischen von Sommer 2022 ausgegangen. Eine Wiedereröffnung des sanierten Opernhauses? Im Herbst 2027. Vielleicht.

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