Wo ist eigentlich der Österreichische Platz? Mit Souvenirs machen die Stadtlücken auf diesen „Unort“ aufmerksam. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Die Initiative Stadtlücken möchte die unwirtliche Fläche unter der Stuttgarter Paulinenbrücke dauerhaft bespielen. Vier Fraktionen im Gemeinderat unterstützen die Idee.

Stuttgart - Eine Bretterbude aus Pappmaschee und Holzlatten, notdürftig zusammen gezimmert. „Souvenirkiosk“ steht dort. Kaufen konnten Passanten dort Schals, Feuerzeuge oder Postkarten mit der Aufschrift „Wo ist der Österreichische Platz?“ Mit einer eintägigen Revival-Aktion hat die Initiative Stadtlücken kürzlich auf ihre gleichnamige Aktion im vergangenen Jahr aufmerksam gemacht und daran erinnert, dass die Fläche unter der Paulinenbrücke immer noch öde ist. „Wir sind froh, dass immer noch so viele Leute kommen und sich eine andere Nutzung wünschen“, sagt Simon Stiegler. Der 31-Jährige ist wie viele Mitglieder der Initiative Stadtlücken Architekt. Gemeinsam mit anderen ehrenamtlich engagierten Stadtplanern oder Kreativen suchen sie, wie ihr Name sagt, nach Stadtlücken und wollen diese beleben. Die Stadtlücke schlechthin sei der Österreichische Platz.

Alle Beteiligten wünschen sich, dass die Lücke zwischen Süd und Mitte geschlossen wird

Dort treffen die inzwischen enorm aufgewertete Tübinger Straße und die schöne Einkaufswelt des Stadtkaufhauses Gerber aufeinander – und enden in einem Nichts. „Obdachlose stehen dem durchkommerzialisierten Einkaufszentrum gegenüber“, sagte Stiegler. Beides hätte seine Berechtigung. „Aber der Platz hat mehr Potenzial. Bisher lässt man ihn vergammeln.

Das wollen die Stadtlücken-Akteure ändern. Ihre Visionen für den Österreichischen Platz haben sie in diverse politische Gremien getragen. Sie wünschen sich eine Art „Experimentierfeld“ für eine Dauer von zwei Jahren. Ihre Traumvorstellung wäre, so Stiegler, ein permanentes Projektbüro vor Ort. Die Initiative Stadtlücken wären so eine Art „Raumkurator“, also Anlaufstelle und Vermittler der Fläche zugleich. Ein konkretes Konzept gibt es nicht. Aber im Prinzip soll es so ablaufen wie im Oktober 2016 bei der zweiwöchigen Aktion „Wo ist der Österreichische Platz?“ Bürger, Künstler und Kreative bringen sich selbst mit Ideen ein, die Initiative koordiniert alles.

Die Parkplätze müssten für eine Umgestaltung weichen

Seit Jahrzehnten wird über diese Fläche debattiert, zig Vorschläge sind eingereicht worden. Der komplette Abriss der Paulinenbrücke stand zur Debatte. Auch der Jugendrad Süd beschäftigte sich mit einer möglichen Nutzung, inzwischen plant das Stadtplanungsamt eine Fahrradstation mit einer E-Rad-Aufladestation und Parkplätzen für Lastenräder. Doch das allein reicht wohl nicht, um den Platz zu beleben.

Das sieht nicht nur der Bezirksbeirat Süd so. Unterstützung erhält dieser bei der kommenden Haushaltsdebatte bereits von vier Gemeinderatsfraktionen. Die Grünen, die SPD, SÖS-Linke-Plus und die Wählervereinigung Die Stadtisten haben Anträge für die Neugestaltung des Platzes eingereicht. Am großzügigsten plant die SPD. Eine Million Euro fordert sie für den „Lückenschluss“ zwischen Süd und Mitte, für die Einrichtung eben jenes Experimentierfeldes der Initiative Stadtlücken. Eingerechnet wären auch die entgangenen Kosten durch die Vermietung der Parkfläche. Bisher sind unter der Brücke Parkplätze, für eine alternative Nutzung des Platzes sind neben der Auflösung des Mietverhältnisses Umbauten und eine Änderung der Verkehrsführung nötig, sagt Raiko Grieb, Bezirksvorsteher im Süden. „Danach kämen die Stadtlücken ins Spiel.“

Die SPD-Fraktion schlägt zunächst eine halbe Bespielung des Ortes vor, sagt Marion Eisele-Ehmert vom Bezirksbeirat Süd. Auch würde man eine ganze Stelle für die Initiative unterstützen. „Damit gelinge mit engagierten Bürgern ein Stück Stadtreparatur“, heißt es in dem Antrag.

Vier Fraktionen im Gemeinderat unterstützen ein „Experimentierfeld“

Die Grünen weisen zudem auf die beliebte Fußwegeverbindung vom Österreichischen Platz ins Heusteigviertel hin. Sie fordern ebenso wie Raiko Grieb in einem ersten Schritt eine Freifläche zu schaffen und dann in einem Bürgerbeteiligungsprozess „eine Nutzung zu entwickeln, die Gewerbe, Kultur und Aufenthaltsqualität“ verbindet. Der benachbarten Kirche St. Maria und dem Gerberviertelverein käme so ein Engagement entgegen. In Briefen an den Bezirksbeirat Süd haben beide Institutionen eine „Aufwertung des Ortes“ ausdrücklich begrüßt. Parkplätze sind in der Umgebung genügend vorhanden. Darin sind sich alle Unterstützer des Projektes einig – Fraktionen, Kirche und Vereine.

Eine Kooperation zwischen Fluxus und Stadtlücken wäre ein Gewinn

Grieb könnte sich am Österreichischen Platz auch ein Miteinander der Stadtlücken- und der Fluxus-Macher vorstellen. Die alternative Einkaufspassage in der Calwer Passage wird zum Frühjahr aufgelöst. Provisorische Stände oder Bauwägen für Shops fände er gut: „Das würde mehr Zulauf bringen.“ Denn die ehrenamtlich aktiven Stadtlücken-Akteure könnten den Ort nicht 24 Stunden bespielen.

Ein großes Parklet für den Österreichischen Platz?

Fluxus-Manager Hannes Steim könnte sich eine Zusammenarbeit vorstellen: „Das hätte Charme.“ Und: „Das Fluxus ist ja auch mehr als ein Kleinkrämerverein.“ Jeder könne „auf dem Calwer Platz rumhängen und nur eine Butterstulle essen“. Er betont: „Freiräume in der Stadt zu schaffen ist uns wichtig.“ Was ihm konkret vorschwebt? „Vielleicht könnte man es als eine Art großes Parklet sehen.“ Also eine Art Mischung aus inhabergeführtem Einzelhandel und Gastronomie in Kombination mit künstlerischen und kreativen Aktivitäten. Bisher wünschen sich die Stadtlücken-Macher für die „Pauline“ eine rein kreative Nutzung, keine kommerzielle, sagt Stiegler auf Nachfrage.

Für Grieb ist es wichtig, dass überhaupt etwas geschieht: „Es hat sich durch die Aktion der Stadtlücken ein Fenster geöffnet. Das muss offen bleiben“, betont der Bezirksvorsteher. „Sonst passiert über Jahrzehnte wieder nichts.“

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