Obsternte in Stuttgart Darf man Obst jetzt einfach einsammeln?

Von Jule Kappel 

Von  Sonne und Wärme verwöhnt: So viel prächtiges Streuobst  gibt es selten. Foto: Kanter
Von Sonne und Wärme verwöhnt: So viel prächtiges Streuobst gibt es selten. Foto: Kanter

So viel Obst gab es lange nicht mehr. Doch wohin mit den Früchten? Ein Vorschlag: Einsammeln und zu Saft pressen lassen. Aber nicht ohne Erlaubnis auf fremden Stückle wildern.

Stuttgart - Wohin bloß mit all dem Obst? Diese Frage stellt sich zurzeit jeder, der selbst Obstbäume im Garten hat oder einfach mal beim Spazierengehen einen Blick auf die Streuobstwiesen wirft. Das warme Wetter in diesem Jahr sorgte für eine überdurchschnittliche Ernte und massenhaft Obst auf den Bäumen. So viel, dass viele gar nicht wissen, wohin damit.

Wenig Geld für viele Äpfel

Die einfachsten Möglichkeiten für Hobbygärtner und Privatpersonen sind neben Kuchen backen und Marmelade einkochen die Obstannahmestellen. Im Raum Stuttgart gibt es einige Annahmestellen, bei denen jeder seine selbstgeernteten Äpfel abgeben kann. Eine davon ist die Annahmestelle von Getränke Volz in Ostfildern-Scharnhausen. „Hier bringen sehr viele Leute von den Fildern ihr Obst her und lassen es zu Most verarbeiten“, erzählt Inhaber Michael Volz. „Die meisten geben ihre Äpfel ab und bekommen dafür Saft gutgeschrieben“, sagt Volz.

Aus den Äpfeln Saft zu machen ist auch laut dem Obstbauberater der Stadt Stuttgart, Andreas Siegele, der beste Weg. Die Äpfel hätten in diesem Jahr viel Zucker und seien durch die vielen Sonnenstunden sehr süß geworden. Aber lohnt sich das mühsame Ernten der vielen Äpfel überhaupt? „Das Problem ist leider, dass man nicht viel dafür bekommt“, sagt Andreas Siegele. Für hundert Kilo Äpfel bekomme man im Tausch etwa sechs bis acht Euro. Um so viel zu ernten, brauche man etwa eine dreiviertel Stunde. „Damit liegt man dann also unter dem Mindestlohn“, sagt Siegele. Deshalb bieten manche Obstannahmestellen eine lukrativere Lösung: Anstatt die Äpfel gegen Geld einzutauschen, bekommen die Kunden bei Getränke Volz Gutscheine für Apfelsaft, die sie über das ganze Jahr einlösen können. Für hundert Kilo Äpfel bekommt man dort im direkten Tausch sieben Euro. Tauscht man die Äpfel aber nach dem „Bag in Box“-Prinzip in Saftgutscheine um, erhält man für hundert Kilo immerhin ganze 60 Liter Saft.

Äpfel werden eingelagert

Thomas Warth, der in Untertürkheim einen Hofladen betreibt, macht es anders: Er lagert den Großteil der Äpfel über den Winter ein und verkauft diese Schritt für Schritt. Mostobst habe er in diesem Jahr dagegen nur wenig. „Wir haben sehr gute Erträge, eine schöne Qualität und hohe Mengen“, sagt Thomas Warth. Das wenige Mostobst, das unter anderem durch Hagelschäden entstanden ist, wird zu Apfelsaft verarbeitet. Doch Warth hat gar nicht so viel Obst, wie eigentlich möglich gewesen wäre: Durch Handausdünnung an den Bäumen wurden die Pflanzen geschützt, damit auch in der nächsten Erntephase wieder gute Erträge möglich sind. „Wir versuchen, die Bäume zu schützen und eine einigermaßen gleichmäßige Ernte zu bekommen“, erklärt Warth.

Dennoch stellt sich bei den Massen an Obst auf den Wiesen die Frage: Darf man als Spaziergänger Obst einsammeln, das auf dem Boden liegt? „Die Rechtslage ist ganz klar“, sagt Andreas Siegele. Was nicht auf dem eigenen Grundstück liegt, dürfe ohne Zustimmung des Eigentümers auch nicht eingesammelt werden. Für diejenigen, die Obst ernten möchten, aber keine eigenen Pflanzen im Garten haben, weiß Siegele andere Möglichkeiten. Er verweist auf die Webseite www.mundraub.org. Dort kann man nachschauen, wo es in der Gegend herrenlose Obstpflanzen gibt, die nur darauf warten, geerntet zu werden.

Extrem viel Obst verfault

Den Verlust an Obst in diesem Jahr bezeichnet Obstbauberater Siegele als „erschreckend und ernüchternd“. „In diesem Jahr verfault extrem viel Obst“, sagt er. Auch durch den Sturm Fabienne, der am vergangenen Wochenende durch die Region fegte, sei viel von den Bäumen gefallen. Für das Jahr 2019 erwartet Siegele aber wieder weniger Ernteerträge, er spricht von einem „ständigen Wechsel“.

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