Über die Neuzuteilung einiger Wahlbezirke – und damit der Wahllokale – haben sich einige Wahlberechtigte, die damit einen deutlichen längeren Weg zur Wahlurne hatten, geärgert. Foto: Lichtgut//Leif Piechowski

Gegen jede Erwartung haben viele Senioren persönlich ihre Stimmen bei der OB-Wahl in Stuttgart im Wahllokal abgegeben. Nach Auszählung der meisten Wahllokale gibt es eine deutliche Tendenz. Aber auch die Polizei musste ausrücken.

Stuttgart - Nach Auszählung der meisten Wahllokale liegt CDU-Kandidat Frank Nopper bei über 30 Prozent, die restlichen Bewerber folgen mit gebührendem Abstand. Veronika Kienzle von den Grünen, die bisher mit Fritz Kuhn den Oberbürgermeister stellen, bleibt wohl klar unter 20 Prozent, Marian Schreier folgt bei diesem Zwischenstand mit knapp 15 Prozent, gefolgt von Hannes Rockenbauch und dem SPD-Kandidat Martin Körner mit rund zehn Prozent. Einen Achtungserfolg erzielt der parteilose Sebastian Reutter mit knapp fünf Prozent. Die restlichen Kandidaten liegen noch einmal deutlich darunter.

Die Wahlbeteiligung lag bei rund 50 Prozent, so hoch wie schon lange nicht mehr. Dabei zeigten sich auch einige Emotionen. Das ältere Ehepaar aus Schönberg ist stinksauer. „Das ist der Irrsinn“, sagt die Rentnerin, die ihren Namen nicht in der Zeitung lesen möchte. „Die Birkacher müssen zur Stimmabgabe nach Schönberg und die Schönberger nach Birkach.“ Der Ehemann ergänzt kopfschüttelnd: „Das kann nur jemand gemacht haben, der nicht kündbar ist.“ Was die beiden Wähler so verärgerte, betraf am Wahlsonntag die Wahlbezirke 007-01 und 007-04, die Opfer der Neuzuteilung der Wahlbezirke durch das Statistische Amt wurden, was in diesem Fall dazu führte, dass es zwischen Birkach und Schönberg für einige Wähler zu einer unglücklichen Wahllokalrochade kam. Die Folge waren für nicht wenige Wahlberechtigte ein erheblich längerer Gang zur Wahlurne.

Der Wahlvorsteher des Bezirks 007-02, Olaf Harsch, der seit rund 30 Jahren bei Wahlen als Helfer tätig ist, wunderte sich, dass es trotz Pandemie am Sonntagvormittag in der Mehrheit ältere Wähler und Wählerinnen waren, die den Weg in die Birkacher Wahllokale angetreten hatten. „Viele kommen aus dem Nikolaus-Cusanus-Haus, einem Altenheim“, so Harsch.

Kaum Maskenverweigerer

Umso wichtiger, dass die Hygienevorschriften in den Wahllokalen strikt eingehalten wurden: „Viele haben ihren eigenen Kugelschreiber dabei“, sagte Harsch. In dem Klassenzimmer der Grundschule, das als Wahllokal des Wahlbezirks 007-02 diente, durften sich maximal drei Wähler gleichzeitig aufhalten. Die Wahlhelfer waren durch Plexiglasscheiben geschützt, jede halbe Stunde wurde stoßgelüftet.

Maskenverweigerer waren in Birkach zumindest bis zum Mittag keine aufgefallen: „Das verlief alles sehr diszipliniert“, berichtete der Wahlvorsteher. Für den Fall, dass jemand aus nachvollziehbaren Gründen keine Maske aufsetzen konnte, lagen FFP2-Masken für die Wahlhelfer bereit, die ansonsten Alltagsmasken trugen. Durch den gesteuerten Einlass in die Wahlräume entstanden lediglich kürzere Schlangen.

Ein ähnliches Bild vor dem Schickhardt-Gymnasium in Stuttgart-Süd: Vor dem Wahllokal des Wahlbezirks 004-15 war das durchschnittliche Alter der Wähler, die gegen Mittag in der Schlange standen, freilich deutlich niedriger. Auch der dortige Wahlvorsteher berichtete von einem ruhigen Wahlverlauf. Gegen 12.30 Uhr hatten in diesem Wahlbezirk von den rund 2300 Wahlberechtigten bei 510 Briefwählern lediglich etwa zehn Prozent ihre Stimme persönlich abgegeben. „Auch bei uns hat fast jeder seinen Kugelschreiber selbst mitgebracht“, berichtet Michael Erhardt. Einige jüngere Wähler räumten ein, es schlichtweg versäumt zu haben, rechtzeitig Briefwahlunterlagen anzufordern. Die beiden Freundinnen Vivien Heckli und Julia Fritz erklärten, dass sie aufgrund der guten Hygienemaßnahmen in den Wahllokalen aber ohnehin keine Angst verspürten, sich im Wahllokal anzustecken. „Briefwahl hätte ich nicht wegen Corona beantragt, sondern um am Sonntag für Freizeitaktivitäten flexibel zu bleiben“, erklärte die 24-jährige Vivien Heckli. Der Lockdown habe diese Flexibilität nun freilich überflüssig gemacht.

„Wahlbeobachter“ im Einsatz

Die Erzieherin sowie ihre 21-jährige Freundin hatten sich vorab intensiv über die politischen Programme der verschiedenen OB-Kandidaten informiert. „Wir haben zum Beispiel auch die Übertragung der Kandidatenvorstellung aus der Schleyer-Halle verfolgt“, erzählt Julia Fritz. Gleichwohl sei die Wahl eines bestimmten Kandidaten am Ende nicht leicht gewesen: „Zu 100 Prozent hat mich niemand überzeugt, und einige Programme ähnelten sich auch sehr stark“, sagte die 21-jährige Studentin.

Am Nachmittag gab es offenbar doch noch Ärger in drei Wahllokalen, unter anderem an der Schmalen Straße. Selbst ernannte Wahlbeobachter, denen der Aufenthalt im Wahllokal für 15 Minuten gestattet ist, wollten nicht gehen. Die Polizei bestätigt, dass sie dreimal im Einsatz war. Von Zwangsmitteln sei allerdings nichts bekannt, alles sei friedlich geblieben.

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