Rupert Kubon hat auf einer Ruhebank Platz genommen. Doch an den Ruhestand denkt der scheidende Oberbürgermeister von Villingen-Schwenningen noch nicht. Foto: Michael Kienzler

Rupert Kubon möchte nicht enden wie Dieter Salomon in Freiburg und ist in der Asylfrage grundsätzlich anderer Meinung als Boris Palmer. Wir haben mit dem OB von Villingen-Schwenningen über die Flüchtlingsfrage gesprochen.

Villingen-Schwenningen - Wir schaffen das! Das sagt nicht nur die Bundeskanzlerin Angela Merkel, das sagt auch Rupert Kubon, der Oberbürgermeister von Villingen-Schwenningen. Und der SPD-Politiker bleibt dabei, auch wenn er sich jetzt nach 16 Jahren mit einem ziemlich ungewöhnlichen Berufswunsch aus dem Rathaus der „Baden-Württemberg-Stadt“ zurückzieht.

Herr Kubon, der OB-Wahlkampf hat begonnen. Die ersten Plakate hängen. Tut es Ihnen nicht doch etwas leid, dass Ihr Gesicht nun nicht dabei ist?

Das sicherlich nicht. Ich mache meinen Job gerne. Aber ich freue mich auch darauf, was kommt. Und ich finde es gut, dass jetzt eine Zäsur stattfindet. Nach 16 Jahren im Amt und mit 61 Jahren kann man für Jüngere Platz machen. Nachdem in Freiburg Dieter Salomon mit gerade 57 abgewählt wurde, hat meine Frau zu mir gesagt: „Sei bloß froh, dass du dich so entschieden hast!“  

Sie sind nicht der erste OB, der sich nach zwei Amtszeiten freiwillig zurückzieht. Die meisten machen dann in Immobilien.

Ist das so?

Oder sie gehen in die freie Wirtschaft.

Das habe ich nie angestrebt, und das war auch nie so mein Ding. Ich denke schon, dass die Wirtschaft in der Stadt mit mir ganz gut gefahren ist. Aber es ist nicht Aufgabe eines Verwaltungsleiters, primär Wirtschaft zu machen.

Sie wollen katholischer Diakon werden. Wie kam es dazu?

Ich habe das relativ früh für mich beschlossen, im Sommer 2016, als meine Mutter starb. Ich hatte das Glück, dass ich die letzten 20 Stunden bei ihr sein konnte. Das Thema Diakonat trieb mich da schon um, und es war gut, dass ich mit meiner Mutter noch darüber reden konnte. Das hat meinen Entschluss entscheidend befördert.

Und dann?

Im folgenden Herbst habe ich im Fernstudium in Würzburg mit dem ersten theologischen Kurs angefangen. Im vergangenen Jahr habe ich ihn abgeschlossen, jetzt bin ich im zweiten Kurs. Danach folgt die Einführung in die geistlichen Aufgaben. Alles zusammen dauert sechs Jahre. Die Entscheidung, ob ich wirklich Diakon werde, muss am Schluss aber die Kirche treffen. Mein Wunsch ist es, in den Bereich der Krankenhaus- und der Sterbeseelsorge zu gehen. Da sehe ich großen Bedarf, und ich glaube, dass ich das kann.

Wenn Sie fertig sind, werden Sie 64 Jahre alt sein – eigentlich Zeit für die Rente. Und Sie wollen neu durchstarten?

Das habe ich vor. Aber ich werde auch jetzt schon einiges tun. Von Januar an gebe Integrations- und Alphabetisierungskurse für Flüchtlinge. Ich muss ja ausgelastet sein. Meine Frau kann sich nur schwer vorstellen, dass ich ohne Aktivitäten die ganze Zeit zu Hause sitze.

Das Flüchtlingsthema ist Ihnen auch als Oberbürgermeister wichtig gewesen.

Meine beiden Eltern stammen aus Schlesien. Ihre Erfahrungen von Flucht und Vertreibung sind mir aus Erzählungen sehr präsent. Das ist sicherlich auch ein Grund, warum ich heute über das Thema Flüchtlinge anders rede als andere. Meine Mutter hat mir erzählt, wie sie 1946 nach Lüdenscheid kam und wie sie dort von den Menschen aufgenommen oder besser nicht aufgenommen wurde. Es ist ganz schwierig, keine Heimat zu haben, in die man zurück kann. Es gibt kein Haus mehr, kein Möbelstück, vielleicht ein paar alte Fotos und das was sie auf dem Leib tragen. Das ist das, was Flüchtlinge auch heute erleben. Und hinzu kommen noch die traumatischen Erfahrungen der Flucht und jetzt die fehlenden Sprachkenntnisse.

Auf dem Höhepunkt der Flüchtlingskrise haben Sie gesagt, Frau Merkel hat Recht. Natürlich schaffen wir das! Wie würden Sie das heute sagen?

Nicht anders. Wir haben im Verhältnis zu unserer Größe gerade mal ein paar Menschen aufgenommen. Wenn Sie das mit der Situation in Jordanien, im Libanon, in der Türkei vergleichen, ist das bei dem Potenzial, das wir hier haben, nicht viel. Ich muss das so hart sagen: Jede Behauptung, wir hätten eine Flüchtlingskrise, ist eine Lüge.

Ihr Kollege Boris Palmer in Tübingen hat gerade ein Buch geschrieben. Darin steht: Wir können nicht alle aufnehmen. Wir schaffen es nicht.

Da bin ich ganz anderer Auffassung. Dass es eine Herausforderung ist, Menschen aufzunehmen, das ist klar. Die müssen wir bewältigen, aber die können wir auch bewältigen, und das tun wir gerade. Aber ob wir alle aufnehmen können, ist die vollkommen falsche Fragestellung. Die Frage ist doch: Wie gehen wir mit denen um, die zu uns kommen? Wie können wir humanitär wirken? Das tun wir gegenwärtig nicht. Das ist ein Skandal. Das ist ein Krieg, den wir gegen Menschen führen, die im Mittelmeer ertrinken, und ich halte das für völlig inakzeptabel.

Sind Herrn Palmers Äußerungen hilfreich?

Nein. Er spricht ja immer sehr pointiert. Aber seine Äußerungen machen Stimmung. Sie werden zitiert und aus meiner Sicht auch leicht missbraucht. Ich möchte Herrn Palmer nicht unterstellen, dass er das möchte. Aber gerade deshalb sollte er sich klar dagegen abgrenzen.

Die Vorkommnisse von Chemnitz und Köthen deuten darauf hin, dass die Bevölkerung vielleicht doch überfordert ist.

Ironischerweise ist die Bevölkerung dort am meisten überfordert, wo es die geringste Zuwanderung gibt. In Villingen-Schwenningen haben wir einen Ausländeranteil von rund 17 Prozent. Wir haben Menschen mit einem Migrationshintergrund mit einem Anteil von 37 Prozent. Ich habe nicht das Gefühl, dass es dadurch zu grundsätzlichen Problemen kommt. Natürlich gibt es Leute, die sich nicht an Regeln halten. Aber das gibt es immer und ist kein Argument – weder für noch gegen Migration. Denn da werden zwei Themen vermengt, die nichts miteinander zu tun haben. Wir haben grundsätzlich nicht mehr Verbrechen, weil wir jetzt mehr Ausländer haben.

Gäbe es in Villingen-Schwenningen keine solchen Reaktionen?

Wir haben in der Vergangenheit hier auch erhebliche Pegida-Demos gehabt. Da halte ich es für richtig, dass man als Politiker klare Positionen hat und dafür einsteht. Dass Menschen nach einer schweren Straftat, bei der ein Mensch ums Leben gekommen ist, beunruhigt sind, dafür habe ich Verständnis. Die Ausschreitungen sind aber etwas ganz anderes. Aber was dort im Osten abgeht, wundert mich leider gar nicht.

Warum?

Ich habe in den 90er Jahren bei der Stadt Dessau gearbeitet. Damals habe ich zunächst im „Chinesenblock“ gewohnt. Der hieß so, weil dort vor der Wende vietnamesische Fremdarbeiter gewohnt haben. Mit denen, die aus den sozialistischen Bruderländern kamen, hatte die Bevölkerung in der DDR nichts zu tun. Es gab keinerlei Berührungspunkte. Und dann kam da noch der ökonomische Zusammenbruch nach der Wende, der für viele auch einen biografischen Einbruch bedeutete. Plötzlich wurden ihnen Leute aus dem Westen vor die Nase gesetzt. So etwas wirkt bis heute nach, weil auch die Kinder mit diesen gebrochenen Biografien ihrer Eltern umgehen müssen.

Was ist aus Ihrer Sicht zu tun?

Ich finde, wir sollten das Thema Migration zu einem normalen Thema machen. Historisch betrachtet leben Gesellschaften von Zuwanderung und Veränderung. Das ist eine Zwangsläufigkeit in einer globalen Welt. Das beantworte ich nicht mit der Frage, wie Zuwanderung begrenzt werden kann. Zu glauben, man könnte sich abschotten, ist ein grundsätzlicher Irrtum. Zu- und Abwanderung können Sie mit chinesischen oder anderen Mauern nicht verhindern. Irgendwann ist der Aufwand für Mauern so groß, dass er volkswirtschaftlich blanker Unsinn wird.

Über die Schüler-Union zur SPD

Doppelstadt
Villingen-Schwenningen ist eine Schöpfung der Gemeindereform von 1972, bei der bewusst die badisch-württembergische Grenze überschritten wurde. Mit 85 000 Einwohnern ist sie die zweitgrößte Stadt im Regierungsbezirk Freiburg. Allerdings trennt die badischen Villinger und die schwäbischen Schwenninger noch einiges. Es gibt kein gemeinsames Zentrum. Bei Kirchen, Sport- und Sozialverbänden existiert die alte Landesgrenze fort. So spielen die Fußballvereine beider Bezirke nie gegeneinander.

Amtsinhaber
Rupert Kubon ist 1957 in Friedrichshafen geboren und in Freiburg aufgewachsen. Er engagierte sich bei der Schüler-Union gegen Willy Brandt. Wegen seiner Kriegsdienstverweigerung verließ er später die CDU. 1989 ging er zur SPD. Er promovierte über die badische Geschichte, arbeitete für einen SPD-Abgeordneten. 2003 wurde er zum OB gewählt, 2010 mit 54,7 Prozent bestätigt. Seine Amtszeit endet zum Jahreswechsel. Kubon ist verheiratet und hat zwei erwachsene Töchter.

Wahlkampf
Als Favoriten für die Wahl am 7. Oktober gelten der Tuninger Bürgermeister Jürgen Roth (CDU) und Jörg Röber, Kubons persönlicher Referent. Er wird von SPD und Grünen unterstützt. Außenseiterchancen werden Marina Kloiber-Jung, Betriebsleiterin der Technischen Dienste der Stadt, eingeräumt. Auch sie ist CDU-Mitglied. Weitere Kandidaten sind der Fitnessstudiobetreiber Gaetano Cristilli, der Gastronom und Comedian Jam von der Linde und die und Dauerkandidatin Fridi Miller aus Sindelfingen.

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