Beate Zschäpe mit ihren Anwälten. Foto: dpa

Ein Café, das es zur Tatzeit noch gar nicht gab und einewidersprüchliche Summe bei einem Geldbetrag. In Carsten S.' Aussagen gibt es einige Ungereimtheiten und Lücken.

München - In Carsten S.' Kopf ist vieles drin: Aufregung, Sätze und sogar ein ganzes Café. Auf genau das hat es der Waiblinger Anwalt Jens Rabe an diesem Morgen abgesehen. "In welchem Café waren sie denn genau in Chemnitz?", fragt der Anwalt. Am vergangenen Dienstag war sich S. noch sicher: Im Café der Galeria Kaufhof habe er sich Ende 1999 oder Anfang 2000 mit Beate Zschäpe, Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos getroffen. Und ihnen nach dem Kaffee in einem nahe gelegenen Abbruchhaus eine bestellte Pistole samt Schalldämpfer und etwa 50 Schuss Munition übergeben.

Zwei Tage später stockt Carsten S. bei der Frage Rabes. Er habe "ein Kaufhaus mit einem Café im Kopf" - sagt er. Und fährt fort: "Da ist so ein Gefühl in meinem Kopf. In Düsseldorf gibt es ein Café in der Galeria Kaufhof. Das kenne ich. Das war dasselbe Gefühl. Deshalb habe ich das gesagt."

Jurist Rabe lässt die Aussage so stehen, hakt nicht nach. Dabei wäre eine Nachfrage durchaus interessant gewesen. Denn die Galeria Kaufhof wurde in Chemnitz erst ein Jahr nach der Waffenübergabe eröffnet. Von den beiden Kaufhäusern, die es 2000 in der Stadt am Erzgebirge gab, servierte nur das Tietz Kaffee und Schnitzel. Aber Tietz ist eben nicht Galeria - vor allem dann nicht, wenn es darum geht, den Mord an einem griechisch- und acht türkischstämmigen Kleinhändlern sowie eine Polizistin aufzuklären, die der Nationalsozialistische Untergrund (NSU) zwischen 2000 und 2007 begangenen haben soll.

Auf Ungereimtheiten wird nicht eingegangen

Zumal es nicht die einzigen Ungereimtheiten in der Aussage des Mannes sind, den der Generalbundesanwalt verdächtigt, Beihilfe zum Mord an neun Menschen geleistet zu haben. Zwischen 500 und 1200 Mark will er für Pistole und Zusatzausrüstung bezahlt haben - berichtet S. zum Wochenbeginn dem Vorsitzenden Richter Manfred Götzel. 2500 Mark habe er für die Waffe aus tschechischer Produktion bekommen, erzählte der Verkäufer Andreas S. den Beamten des Bundeskriminalamtes. Und so schrieben es Staatsanwälte in ihre Anklageschrift. Auf diese Differenz in den Aussagen geht im fensterlosen Gerichtssaal des Münchener Oberlandesgerichtes niemand ein.

In einem Halbsatz erwähnt S., er sei noch ein zweites Mal in Chemnitz gewesen, um das vermeintliche Terrortrio zu besuchen. Insgesamt habe er sich drei bis vier mal mit den "beiden Uwes und Beate" getroffen. Ob der heute 33 Jahre alte Sozialpädagoge so etwas wie das "Scharnier zwischen den Dreien und dem Mitangeklagten Ralf Wohlleben" zu Beginn der 2000er Jahre gewesen sei", fragt ein Anwalt der Nebenkläger. "Ja, so war es", bestätigt der bekennende Homosexuelle.

Auf der Festplatte dessen Computers fanden Ermittler in einem Unterordner die Blaupause einer Pistole Ceska 92, Kaliber 6,35 mm Browning. Warum er die dort 2010 abgespeichert hatte, anderthalb Jahre, bevor ihn Polizisten der GSG 9 im Februar 2012 festnahmen, will einer der Juristen wissen. An eine "solche Datei kann ich mich nicht erinnern", sagt S.

Carsten S.: Erinnerungen bleiben vage

Mit einer Pistole des Typs Ceska CZ 83, Kaliber 7,65 mm Browning, wurden neun der zehn Menschen erschossen, die der NSU ermordet haben soll. Auch Abdurrahim Özüdogru, dem in seiner Änderungsschneiderei in der Nürnberger Südstadt am 13. Juni 2001 zwei Kugeln aus einer Ceska 83 in den Kopf gefeuert wurden. Bis heute ist mysteriös, wie die Waffe überhaupt in die Hände der Betreiber des rechten Szeneladens "Madley" in Jena gekommen ist. Carsten S. soll dort auf Anweisung von Ralf Wohlleben die Pistole gekauft haben, von denen etliche auch an Mitarbeiter des Ministeriums für Staatssicherheit der DDR geliefert wurden.

Carsten S. Erinnerung ist eigentlich gut. Plastisch. Wer mit ihm 1997 im Bus nach München gefahren ist, um gegen die Wehrmachtsausstellung zu demonstrieren - S. zählt Namen von Kameraden und Mitschülern auf. Wenn es aber um die konkrete Übergabe der Waffe geht, wenn es ganz konkret um seine Kontakte zu den drei mutmaßlichen NSU-Terroristen geht, um die Aufträge geht, die er für die "Drei" erledigt hat, will S. nur "Bilder im Kopf" haben, "innere Erinnerungen" oder eben auch ein "Café". Viele Dialoge mit dem Neonazi Timo Brandt oder auch Ralf Wohlleben rezitiert er hingegen geradezu.

Die Fragen von Wohllebens Verteidiger beantwortet er nicht - obwohl er diesen mit seinen bisherigen Aussagen massiv belastet hatte. S., der ab 2001 aus der rechten Szene ausgestiegen sein will, stellt Bedingungen. Sein Anwalt Jacob Hösl teilt dem Staatsschutzsenat mit, sein Mandant habe entschieden, dass er Fragen von Wohllebens Verteidigern erst beantworte, wenn auch dieser umfassend ausgesagt habe. "Wir hätten auch eine Menge Fragen", sagt Wohllebens Verteidiger Olaf Klemke. "Ich mach' mich hier nicht nackig und er schweigt", kontert S., von dessen umfangreicher Aussage sich die Bundesanwälte vor allem erhofft starke Indizien erhofften, die zu einer Verurteilung der Hauptangeklagten Beate Zschäpe führen.

Bei den vier Anklägern der Bundesanwaltschaft bleibt ein ungutes Gefühl nach der Aussage ihres vermeintlichen Kronzeugen zurück. Zschäpe hat er entlastet, Wohlleben sehr stark belastet. Oberstaatsanwalt beim Bundesgerichtshof Jochen Weingarten resümiert offen, was Richter Götzel lediglich andeutete: dass "deutliche Zweifel daran bestünden, ob S. tatsächlich alles Wissen offenbart hat". In Carsten S. Kopf ist viel drin: Aufregung, Sätze und sogar ein ganzes Café.

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