Vor acht Jahren ermordet: Michèle Kiesewetter Foto: dpa

Die Aufklärung der Umtriebe des Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU) wirft immer neue Fragen auf, auch im Fall der ermordeten Polizisten Michèle Kiesewetter – wir geben Antworten.

Stuttgart - Was trieb der Nationalsozialistische Untergrund (NSU) im Südwesten, und warum bekamen die Behörden auch hier nichts von den Rechtsterroristen mit? Das soll ein Untersuchungsausschuss im Stuttgarter Landtag klären. Im Zentrum des öffentlichen Interesses stehen zwei Komplexe: der Heilbronner Polizistenmord und die Vorgänge um eine Sektion des rassistischen Ku-Klux-Klans in Schwäbisch Hall, in dem auch zwei baden-württembergische Polizistin Mitglieder waren, darunter der spätere Gruppenführer von Kiesewetter – Fragen und Antworten.

Was ist am 25. April 2007 auf der Heilbronner Theresienwiese passiert?
An diesem Tag wurden zwölf Bereitschaftspolizisten aus Böblingen in Heilbronn eingesetzt. Sechs von ihnen gehörten zur Beweissicherungs- und Festnahmeeinheit (BFE) 523, der auch Michèle Kiesewetter (22) und Martin Arnold (24) angehörten. Die anderen Beamten sind Angehörige des „Taktischen Zuges 514“. Die Bereitschaftspolizisten sollten in Heilbronn örtliche Polizisten dabei unterstützen, Obdachlose und Drogensüchtige zu kontrollieren.
Zwischen 13.50 und 13.55 Uhr parkte Kiesewetter den Streifenwagen neben einem Stromverteilerhäuschen an der Theresienwiese, um ihr Mittagsvesper zu essen. Kurz nach 14 Uhr beobachtete ein Radfahrer, dass die Fahrertür des silber-grün lackierten Streifenwagens der Polizeimeisterin und ihres Streifenkollegen Arnold offen stand. Aus der Tür „hing etwas heraus“. Als sich der Mann dem Auto näherte, sah er einen Polizisten mit blutverschmiertem Hemd aus der geöffneten Türe hängen. Weil er kein Mobiltelefon bei sich hatte, fuhr er Richtung Hauptbahnhof. Dort bat er einen türkischstämmigen Taxifahrer, die Polizei zu alarmieren. Bei der ging der Notruf um 14.12 Uhr und 24 Sekunden ein.
 
Wie wurde auf die beiden Polizisten geschossen?
Mindestens zwei Täter näherten sich fast gleichzeitig vom Heck her auf der Fahrer- und der Beifahrerseite den beiden Polizisten. Die saßen bei geöffneten Türen und Fenstern in ihrem Streifenwagen. Die Mörder schossen zeitgleich beiden Polizisten in den Kopf. Dafür nutzten sie zwei Pistolen: eine Tokarew TT-33 und eine ­Radom VIS 35. Kiesewetter verstarb sofort, Arnold war schwerstverletzt. Er war erst am 23. August 2007 in der Lage, im Innendienst zu arbeiten. Arnold muss im Augenblick der Schussabgabe den auf ihn zielenden Täter angeschaut haben.
Die Täter stahlen von ihren Opfern ein Paar Handschellen, ein Tränengassprühgerät, eine Mini-Taschenlampe, ein Multifunktionstool und die beiden Dienstwaffen samt drei Magazinen und 39 Schuss Munition. Der Kiesewetter entwaffnende Täter kannte offenbar den speziellen Mechanismus des Pistolenholsters: Dieses fanden Forensiker unbeschädigt. Im Gegensatz zu dem von Arnold. Dieses hebelte der Täter offenbar mit einem Schraubenzieher auf. Vor dem Münchener Oberlandesgericht sagte ein Forensiker aus, dass der Mörder dafür etwa 30 bis 45 Sekunden brauchte und sich stark mit dem Blut seines Opfers beschmiert haben muss.
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