Nach dem Mord an der Polizistin Michèle Kiesewetter will ein Zeuge drei Menschen gesehen haben, einer von ihnen soll blutverschmierte Hände gehabt haben. Foto: dpa

Im NSU-Untersuchungsausschuss von Baden-Württemberg hat ein Zeuge ausgesagt, dass er nach dem Mord an der Heilbronner Polizistin Michèle Kiesewetter einen Mann mit blutverschmierten Händen gesehen hat.

Stuttgart - Der Landtags-Untersuchungsausschuss zur rechtsextremen Terrorzelle NSU geht Hinweisen auf mögliche, bislang unbekannte Mittäter im Mordfall Kiesewetter nach. Ein 62 Jahre alter Zeuge berichtete in dem Landtagsgremium von einem Verdächtigen, der sich seine blutverschmierten Hände im Neckar gewaschen habe. Zudem erzählte ein Ehepaar von zwei Männern, die hektisch davongelaufen seien. All das nährt Spekulationen, dass Kiesewetters Mörder vielleicht doch Helfer hatten. Die Soko Parkplatz entwickelte Hypothesen, die von Zusammenhängen mit dem Mord an der Polizistin ausgingen. Die Staatsanwaltschaft sah das anders. Von Pannen wollten die Abgeordneten am Montag aber nicht sprechen.

Die Bundesanwaltschaft schreibt den Mord an der Polizistin Michèle Kiesewetter den Rechtsterroristen des „Nationalsozialistischen Untergrunds“ (NSU) zu. Jedoch gibt es Zweifel an der Annahme der obersten Ermittler, dass Kiesewetter ein Zufallsopfer war und die NSU-Mitglieder Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt die Polizistin allein töteten. Deshalb befragt der NSU-Ausschuss in Stuttgart mehrere Zeugen. Kiesewetter war das zehnte und letzte Mordopfer des NSU. Vor dem Oberlandesgericht München muss sich NSU-Mitglied Beate Zschäpe als mutmaßliche Mittäterin verantworten. Jüngst war bekanntgeworden, dass ein Blutfleck auf Mundlos’ Jogginghose von Kiesewetter stammt.

Die Bundesanwaltschaft ging zuletzt davon aus, dass es sich bei den von den Zeugen beobachteten Männern nicht um Mundlos und Böhnhardt handeln konnte, da der Wohnwagen, mit dem die Neonazis wohl unterwegs waren, schon kurz nach dem Mord an einer 20 Kilometer entfernten Kontrollstelle der Polizei gesehen wurde. Zur Untermauerung der These, dass Mundlos und Böhnhardt Kiesewetter töteten, haben die Ermittler in Heilbronn allerdings wenig in der Hand - nur die Beobachtung, dass deren Wohnmobil einen Kontrollpunkt passierte. Ein Foto davon gibt es aber nicht, wie der Ex-Leiter der Sonderkommission Parkplatz, Axel Mögelin, vor dem Landtagsgremium sagte.

Zeugen sorgen für Überraschung

Ein 62 Jahre alte Zeuge berichtete im Ausschuss von seiner seltsamen Begegnung vom 25. April 2007, Kiesewetters Todestag, in Heilbronn. Er habe die zwei Männer und eine Frau angesichts der blutverschmierten Hände noch gefragt, ob sie Hilfe benötigten. Dabei sei ihm aufgefallen, dass die Frau außergewöhnlich grüne Augen gehabt habe. Der Mann mit dem Blut habe einen polnischen Akzent gesprochen. Bei einer Vernehmung legte die Polizei dem Rentner Fotos vor. Bei einer Heilbronner Drogenabhängigen meinte der Zeuge, eine Ähnlichkeit mit der jungen Frau zu erkennen. Die Heilbronnerin hatte aber für die Tatzeit ein Alibi, wie Soko-Leiter Mögelin sagte. Der Staatsanwalt habe die Spur im Gegensatz zur Soko nicht weiter verfolgen wollen.

Eine kleine Überraschung im Ausschuss bot dann die Befragung eines Ehepaares aus Heilbronn: Die beiden hatten zwei davonlaufende Männer gesehen, wobei einer schwarz gekleidet gewesen sein soll. Die Frau berichtete, dass die Polizei sie vor drei bis vier Monaten noch einmal befragt habe. Dabei habe sie eben diesen Mann in Schwarz in einer Lichtbildmappe der Polizei wiedererkannt. Für den Ausschuss war dies neu. Um wen es sich bei dem Identifizierten handelt, ließ sich am Montag zunächst nicht klären. Das Landeskriminalamt verwies auf das Bundeskriminalamt und die Bundesanwaltschaft, die weiterhin im Mordfall Kieswetter auch noch gegen Unbekannt ermitteln.

Ausschusschef Wolfgang Drexler (SPD) äußerte die Vermutung, das die „Mehrtäter-Theorie“ bei den Ermittlungen zu kurz kam. Aber: „Bislang habe ich auch keine Beweise für Mithelfer.“ Auch Grünen-Obmann Jürgen Filius sprach sich dafür aus, noch einmal genauer hinzusehen. SPD-Obmann Nikolaous Sakellariou wies darauf hin, dass die Relevanz der Zeugenaussagen für den Kiesewetter-Mord erst noch geprüft werden müsse. CDU-Obmann Matthias Pröfrock hielt es für schwer nachvollziehbar, dass sich die Dinge so abspielten, wie die Zeugen sie schilderten. Ähnlich sah das FDP-Obmann Ulrich Goll: Die Mittäter hätten ja - wie mutmaßlich Böhnhardt und Mundlos - ebenfalls direkt von der Theresienwiese aus motorisiert flüchten können.

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