Der Sinto Johann Reinhardt zog nach dem Krieg nach Nürtingen. Foto: privat

Johann Reinhardt überlebte die Nazizeit. Sein enteignetes Grundstück bekam der Nürtinger aber nicht zurück.

Nürtingen - Im Oktober 1935 musste die Familie Reinhardt ihr mit einem Blockhaus bebautes Grundstück, das sie in Allmendingen (Alb-Donau-Kreis) bewohnte, räumen und wegziehen. Unter den Vertriebenen befand sich auch Johann Reinhardt, der später heiraten und nach Nürtingen ziehen sollte. Als einziger aus seiner Familie überlebte er den NS-Terror. Das Grundstück in Allmendingen forderte er allerdings bis zu seinem Tod vergeblich zurück.

Der Vater wurde im Konzentrationslager Dachau ermordet

Recherchiert und dokumentiert hat die Lebensgeschichte Johann Reinhardt Manuel Werner von der Gedenkinitiative für die Opfer und Leidtragenden des Nationalsozialismus in Nürtingen. Derzeit erinnert die Initiative gemeinsam mit der Stadt am Denk-Ort an der Kreuzkirche an das Schicksal des Sinto, der im Alter von 23 Jahren ins Konzentrationslager gebracht wurde. „Sein Vater wurde ungefähr zehn Monate nach seiner Einlieferung im KZ Dachau ermordet“, so Manuel Werner.

Am 21. März 1939 wurden Johann Reinhardt und sein Halbbruder Karl Winter von Dachau in das KZ Mauthausen verlegt. „Johann Reinhardt überlebte sieben Jahre Zwangsarbeit in den berüchtigten Steinbrüchen. Als die amerikanische Armee ihn befreite, wog er 39 Kilogramm“, hat Manuel Werner herausgefunden.

Auch die Mutter und die Schwester überleben nicht

Die Mutter Johanna und die Schwester Anna mit ihrem Kleinkind überlebten die Verfolgung hingegen nicht. Zwar hatten sie es zunächst geschafft, nach Weil im Schönbuch zu entkommen, wo sie bei Verwandten Unterschlupf gewährt bekamen. Doch wurden sie bei einer Razzia aufgegriffen, nach Auschwitz-Birkenau gebracht und dort ermordet.

Gesundheitlich war Johann Reinhardt nach seiner Befreiung schwer angegriffen. Er konnte aber wieder als Musiker arbeiten. Mit seinem Vater Gottlob, seinem Onkel Anton und Karl Winter hatte Johann Reinhardt bis zur Vertreibung der Familie in Gaststätten in Allmendingen und Umgebung Musik gemacht. Eine zweite Einnahmequelle war der Pferdehandel. Außerdem war Johann Reinhardts Vater auch Korbmacher. Johann und Karl traten in seine Fußstapfen und lernten diesen Beruf auch.

Stadträte wollen keine „Zigeuner“ auf ihrer Markung

Bei der Gemeinde Allmendingen biss Johann Reinhardt auf Granit. In den 50er-Jahren hatte er sich als „rassisch Verfolgter“ um Entschädigung bemüht. In seinem Antrag erwähnte er auch das Grundstück in Allmendingen. Doch entschied die Gemeinde 1991, das Grundstück nicht zurückzugeben. Stattdessen bot sie 10 000 Mark Entschädigung an. Manuel Werner zitiert in seinem Beitrag für die Gedenkinitiative die Landesschau hierzu: „Die Räte kamen zwar zu dem Schluss, dass damals Unrecht geschehen war. Aber sie haben Angst, wenn man das Grundstück zurückgebe, könnten dort wieder Zigeuner ansiedeln.“ Reinhardt lehnte das Angebot ab. Er starb 1993.

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