Larry "J.R." Hagman warf sich in Stuttgart den Vampiren zum Fraß vor. Foto: dpa

Mit Promis wie Larry "J.R." Hagman  feierte das Musical seine Rückkehr - hier gibt's die Fotos.

Stuttgart - Manchmal ist auch das Leben lustig. Da beweist ein Musical der Kritikerin im Parkett des Palladium-Theaters, dass eine der zentralen Fragen der Theologie (nämlich die, wie um Himmels willen das Böse in die Welt kommen konnte) über ungeahntes Unterhaltungspotenzial verfügt, und als sie auf ihren Notizblock schreiben will, wie den Blutsaugern aus Transsilvanien im "Tanz der Vampire" eben dies gelingt, merkt sie, dass sie einen Kugelschreiber vom Blutspendedienst des Deutschen Roten Kreuzes in der Hand hat.

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Doch heiter ist an diesem Abend auch die Kunst. Das Einzige, was in dem mittlerweile 13 Jahre alten Musical über Roman Polanskis gleichnamige Gruselfilm-Parodie angestaubt wirkt, sind die Dekorationen, und das soll auch so sein. Schließlich leben Vampirgraf Krolock und seine Mitsauger schon seit Jahrhunderten in einem womöglich noch viel älteren Schloss, und das einzige Faktotum des Anwesens, der verwachsene Diener Koukol, ist einer von denen, die sogar ins Frühstück spucken. Einen Putzlappen rührt der bestimmt nicht an. Hier saugt man Blut, nicht Staub.

Mit Kreuz und Pflock den Vampiren an den Kragen

Trotzdem vergeht dem lustigen Professor Ambronsius und seinem jungen Assistenten Alfred nicht die Lust an der Arbeit. Schließlich wollen sie mit Hilfe von Kreuz, Pflock und Hammer die ganze Blutsaugersippe ausrotten und dem Grafen möglichst auch noch die schöne Wirtstochter Sarah entreißen, in die sich Alfred mächtig verguckt hat.

Im Zwiespalt zwischen den Männern - dem netten, lieben und dem interessanten Schwein - entscheidet sich die Schöne, wie es im Leben ja auch oft und zum Beispiel in "Vom Winde verweht" ganz besonders schön der Fall ist, für das Biest. Mit erwartbar fatalen Folgen: Sarah wird gebissen, und wer hier gebissen wird, beißt weiter. So pflanzt sich das Böse unaufhaltsam fort, es grusicalt mächtig im Palladium-Theater, und wer kennt schon alle, die im Zuschauerraum neben ihm sitzen, wer hat schon auf die Zähne seiner Sitznachbarn geschaut, bevor das Licht ausging?

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Huh, ein bisschen kann man sich fürchten, wenn immer wieder Vampire durch den Saal huschen, unvermittelt stehenbleiben und ihre Beißer zeigen. Das gehört zum Erfolgsrezept des Stücks: "Tanz der Vampire" ist kein bloßer Retortenkunst-Zombie, nicht nur ein typisches Produkt der Musical-Industrie, das sich jeden Abend neu klont.

Dass diese Untoten ganz offenbar nicht totzukriegen sind, liegt an Polanskis Ideen, die immer noch zünden, es liegt an Michael Kunzes oft hübsch ironischen Texten, es liegt an der Präzision, mit der das Stück sängerisch, choreografisch und tontechnisch erarbeitet wurde, und es liegt auch an der Qualität von Sängerdarstellern wie Jan Ammann (der sich die Rolle des Krolock mit Kevin Tarte teilen wird), Krisha Dalke (Alfred) und Christian Stadlhofer (Ambronsius).

Jim Steinmans Musik garantiert Qualität

Ein starker Grund für die Qualität des Stücks liegt auch in Jim Steinmans Musik, die sich exzellent mit den Bühnenaktionen verzahnt. Denn diese Musik ist nicht nur dort gut, wo sie nachhaltig im Ohr herumwürmelt - wie etwa im untötbaren "Total Eclipse of The Heart", das der Komponist schon vor dem Musical schrieb und hier als "Totale Finsternis" zweitverwertete. Nein, diese Musik ist auch gut, weil sie in ihrer stilistischen Vielfalt die Handlung und die Charaktere maßgeblich mit trägt. Zudem zeugt sie zudem von der großen musikgeschichtlichen Kenntnis ihres Schöpfers - so schrieb Steinman nicht nur schöne Fugen in Bachs Stil, sondern komponierte dem schrulligen Professor auch eine Arie in die Kehle, deren irrwitziges motorisches Kreisen unbedingt als Huldigung an den italienischen Opernkomponisten Rossini verstanden werden muss. Dem Publikum, das sich hier besonders begeisterte, kann man nur eindringlich das Original ans Herz legen, denn dieses ist meistens noch ein bisschen besser.

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Nach lautem Klatschen, dessen Ende das Publikum nicht selbst in der Hand hat, bleiben von der bunten Show nur die Vampirzähne auf dem Bühnenvorhang. Zwei Gebisse, verkündet der Veranstalter, stehen bei "Tanz der Vampire" jedem Darsteller zur Verfügung. Und drei Blutbeutel pro Vorstellung werden für die Illusion des Halsbisses gebraucht. Das muss noch notiert werden. Dann steckt die Kritikerin ihren roten Kugelschreiber ein.

Karten: Tel. 0 18 05 / 44 44 und unter www.musicals.de

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