Wenn das Lebenslicht schwindet, soll niemand alleine sein. Foto: www.mauritius-images.com

Drei Seniorenheime in Ludwigsburg bieten ihren Bewohnern palliative Betreuung. Die Erfahrungen sind beeindruckend. Dabei hatten die Verantwortlichen Zweifel, ob sie ihren Plan überhaupt umsetzen können.

Ludwigsburg – - Gut zwei Jahre lang hat die Stiftung evangelische Altenheime in Ludwigsburg Spenden gesammelt, dann konnte sie mit der Umsetzung ihres neuen Pflegekonzeptes beginnen: Palliative Care. Die Mitarbeiter versuchen alles, um den Bewohnern ihrer Heime das Ende des Lebens so erträglich wie möglich zu gestalten. Wer den Verantwortlichen zuhört, lernt: Es ist tragisch, dass die Arbeit nur möglich ist, weil es Spenden gibt.
Frau Bauer, Herr Wandel, würden Sie gerne bei sich im Haus sterben?
Adelheid Bauer Ja! Ich würde mich hier sehr gut aufgehoben fühlen. Bernhard Wandel Unbedingt! Ich halte es für wichtig, dass das Vertrauen zu denen, die einen am Ende begleiten, gegeben ist. Hier wüsste ich mich sehr gut aufgehoben.
Seit Kurzem bieten Sie palliative Versorgung an. Was hat sich damit verändert?
Wandel Wir haben schon immer Menschen in der letzten Phase ihres Lebens begleitet, und das sicher gut. Aber seit wir Palliative Care in den Fokus gerückt haben, wissen wir, wie wichtig es ist, den Menschen ganzheitlich zu betrachten. Jeder Einzelne, der mit dem Menschen zu tun hat, stellt einen Teil des Gesamten dar.
Das klingt ziemlich abstrakt.
Bauer Bei uns sind jetzt alle Abteilungen in die Betreuung involviert. Die Pflege, die Verwaltung, die Hauswirtschaft, die Seelsorge – jeder weiß ein bisschen was anderes über die Bewohner. Eine Reinigungskraft hat mich neulich gefragt, ob sie mit einer Bewohnerin beten dürfe. Ja klar darf sie das. Früher hätte sich das niemand getraut. Jetzt haben wir alle ein ganz anderes Feingefühl. Man merkt in der Situation, was passend ist.
Hat sich an der Einrichtung der Zimmer auch etwas geändert?
Wandel Wir haben einige neue Gegenstände angeschafft. Spezialbetten zum Beispiel. Es gibt Bewohner, die in der Phase des Sterbens bestimmte Einstellungen brauchen, die mit herkömmlichen Pflegebetten nicht machbar sind. Wir haben Sessel gekauft, in denen Angehörige auch mal schlafen können. Wichtig ist uns, dass kein Bewohner sein vertrautes Zimmer verlassen muss, wenn die letzte Phase des Lebens eingetreten ist. Bauer Wir schauen individuell, was für den Menschen passt. Der eine braucht vielleicht eine Ikone zum hinstellen, ein anderer möchte ein bestimmtes Licht, einen speziellen Duft oder leise Musik. Wir hatten eine Bewohnerin, die hat immer die CD von ihrem Mann gehört, der in einem Posaunenchor gespielt hat.
Das klingt nach viel Aufwand.
Bauer Das Motto unserer Stiftung lautet: Ich sehe dich. Das bedeutet, uns geht es um den Menschen und um seine Lebensqualität bis zum letzten Atemzug. Es geht nicht um das, was wir wollen.
Wandel Wir stellen das Bedürfnis des Bewohners an erste Stelle, nicht die Funktionalität. Mag sein, dass eine kräftige helle Lampe uns die Pflege erleichtert – aber wenn der Bewohner ein sanftes Licht möchte, arbeiten wir bei eben bei diesem Licht. Die Haltung, wie wir unseren Bewohnern begegnen, ist ein großer Faktor bei der Frage, wie gut sich unsere Bewohner betreut und getragen fühlen. Seit wir das Projekt machen, stellen wir eine sehr deutliche Bewusstseinsänderung fest.
Wie viele zusätzliche Mitarbeiter haben Sie seither eingestellt?
Bauer Keinen! Wir haben alle Mitarbeiter über die Grundlagen von Palliative Care geschult. Außerdem haben wir professionsbezogene Schulungen angeboten. Dafür haben wir zum Beispiel Palliativmediziner oder Logotherapeuten eingeladen. Und es gab Einzelschulungen. So haben bisher vier Pflegefachkräfte die Weiterbildung zur Palliativfachkraft absolviert, zwei sind gerade in Ausbildung.
Wandel Während dieser Projektphase haben wir allerdings eine Aufstockung des Stellenplans bekommen. Ansonsten geht es uns nicht anders als anderen Heimen.
Haben die Mitarbeiter nun viel mehr Zeit als vorher – oder wie bewerkstelligen sie die individuelle Betreuung?
Wandel Wir haben erkannt, dass sich die Mitarbeiter im Arbeitsalltag leichter tun, weil sie Kompetenz hinzu gewonnen haben. Diese Sicherheit führt dazu, dass die Arbeit nicht mehr Zeit verschlingt.
Wie viel Geld hat Ihre Stiftung bis jetzt in Palliative Care investiert?
Wandel Wir haben 285 000 Euro errechnet. Als wir auf diese Summe kamen, sind wir erschrocken. Wir hätten nie gedacht, dass wir so viel Geld aufbringen werden.
Sie haben es geschafft. Wie?
Wandel Über Spenden. Binnen zweieinhalb Jahren haben wir fast die ganze Summe aufgebracht. Wir werden auch künftig auf Spenden angewiesen sein, um weitere Palliativ-Fachkräfte ausbilden zu können.
Finden Sie es nicht tragisch, dass ein würdevoller Umgang mit Sterbenden von Spenden abhängig ist?
Wandel Wir glauben, dass Palliative Care in Pflegeheim künftig unbedingt Bestandteil der Regelversorgung sein muss. Um dieses Ziel zu erreichen muss es immer auch Leuchtturmprojekte geben, die dafür sorgen, dass ein Bewusstsein entsteht.
Bauer Wer tagtäglich die Menschen sieht und mit ihnen in Kontakt tritt, der weiß, dass Palliative Care zur Regelversorgung werden muss, muss, muss.
Seit dem vergangenen Jahr gibt es das Hospiz- und Palliativgesetz. Hilft das nichts?
Wandel Durch dieses Gesetz sind lediglich Verbesserungen für die ambulante palliative Versorgung geschaffen worden. Stationäre Einrichtungen haben davon so gut wie nichts. Aber es ist unser Wunsch und unsere politische Forderung, dass für die palliative Versorgung im Heim ein eigenes Zeitbudget geschaffen wird. Da muss nachgebessert werden. Vor allem vor dem Hintergrund, dass das Pflegeheim nach dem Krankenhaus der Ort ist, wo die meisten alten Menschen sterben.
Bauer Das war ja auch mit ein Grund für uns, dass wir uns mit Palliative Care beschäftigen.
Wie meinen Sie das?
Bauer Die Bewohnerstruktur in unseren – aber bestimmt auch in allen anderen – Heimen hat sich in den vergangenen 20 Jahren total verändert. Wenn die Menschen heute zu uns kommen, sind sie viel pflegebedürftiger als früher. Teilweise werden Menschen zu uns entlassen, die sich bereits im finalen Sterbeprozess befinden. Uns ist immer bewusster geworden, dass wir für solche Bewohner nicht richtig aufgestellt sind, dass wir uns besser rüsten müssen.
Wandel Diese Entwicklung wird sicher nicht zurück genommen. Im Gegenteil! Die neue Pflegereform, die ja die häusliche Pflege unterstützen will, wird zur Folge haben, dass nur noch ins Heim kommt, wer zuhause nicht mehr versorgbar ist. Unsere Klientel wird noch schwerer pflegebedürftig sein als bisher. Auch darum verdient die palliative Versorgung mehr Beachtung.
Allerdings ist das kein sonderlich populäres Thema, oder?
Wandel Man hat ja immerhin eine sehr große Sterbehilfedebatte gehabt im Vorfeld des neuen Sterbehilfegesetzes. Da spielte die Frage, wie begleiten wir Menschen am Ende ihres Lebens so, dass kein Suizidwunsch entsteht, eine sehr große Rolle. Ich denke, es wäre nicht unpopulär zu sagen, Pflegeheime bekommen für palliative Betreuung ein extra Zeitbudget für diesen Bereich. Im Gegenteil: Die Zahl der älteren Menschen steigt – und damit auch die Zahl derer, die sich Gedanken machen, wie sie am Ende ihres Lebens versorgt werden.
Hat sich Ihr eigenes Nachdenken über den Tod geändert?
Wandel Ich habe mich noch intensiver mit der Frage beschäftigt, wie ich mir mein Ende vorstelle. Und ich bin mir noch sicherer geworden, dass ich unbedingt will, dass mich Menschen begleiten, die mich sehen.
Bauer Ich frage mich nun eher: Wie lebe ich jetzt? Stelle ich es mir so vor? Muss ich etwas versetzen?
Und?
Bauer In meinen Ansprachen und Predigten weise ich mehr auf die Farbe im Leben hin. Die Farbe ist da bis zum Schluss.

Ein großes Projekt für ein großes Ziel

Akteure
Adelheid Bauer, 54, ist Diakonin und die leitende Seelsorgerin im Albert-Knapp-Heim. Bernhard Wandel, 47, leitet dieses Heim und steht der Stiftung Evangelische Altenheime Ludwigsburg vor. Zu dieser gehören neben dem Albert-Knapp-Heim auch das Gerokheim sowie das Geschwister-Cluss-Heim.

Konzept
Die drei Heime, die sich alle in Ludwigsburg befinden, verfügen über 195 Pflegeplätze, jeder von ihnen kann zum palliativen Pflegeplatz werden. Der erste Gedanke an das neue Konzept entstand im Jahr 2011, zum 175. Bestehen der Stiftung. Im Sommer 2014 begannen die Schulungen für die Mitarbeiter.

Begriff
Das Wort palliativ stammt aus dem Lateinischen und bedeutet wörtlich ummantelnd, care ist Englisch und heißt kümmern, sorgen. Palliative Care kommt dann zum Einsatz, wenn eine Krankheit weit fortgeschritten ist. Ergänzend zur klassischen Behandlung versucht sie, die Symptome zu lindern.

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