Das schräge, aber gut gestimmte Piano für alle – mit Initiatorin Guntrun Müller-Enßlin Foto: jse

Premiere: An der Stadtbahnhaltestelle Charlottenplatz steht das erste Open Piano Stuttgarts. Alle sind eingeladen, in die Tasten zu greifen. Rund um die Uhr.

Sie warten auf die Stadtbahn. Ja genau Sie! Sie greifen ausnahmsweise nicht zum Smartphone, um die Zeit zu überbrücken, sondern drehen sich um zu dem glitzernden Etwas, das an der Wand der Bahnstation am Charlottenplatz steht. Sie fragen sich, was das ist, gehen darauf zu, blicken in große Glupschaugen und auf einen riesigen Mund, sehen die Klaviertasten, setzen sich auf den Hocker, der dort steht, und fangen an zu klimpern, zu spielen. Irgendwas. Mehr oder weniger gut. Die Leute bleiben stehen und lauschen. Und Sie erleben einen besonderen Moment.

 

Der Impuls kam bei einem Israel-Besuch

So oder so ähnlich könnte es tatsächlich sein. Seit Freitag steht in der Unterführung der Stadtbahnstation Charlottenplatz das erste Open Piano Stuttgarts zum Spielen bereit. Rund um die Uhr haben Stadtbahnfahrer und wer sonst noch alles vorbeikommt Gelegenheit, darauf nach Herzenslust zu klimpern. Die Idee dazu hatte Stadträtin Guntrun Müller-Enßlin (Die FrAktion) oder vielmehr ihr Sohn, der bei einem Besuch in Jerusalem begeistert erlebte, wie Passanten auf einem von der Stadt bereit gestellten Klavier spielten. Öffentliche Klaviere gibt es mittlerweile schon in etlichen Städten: in Montreal, Wien . . .

Geht so etwas auch in Stuttgart?, war seine Frage. Und ja, es geht. Mit etwas Vorlauf und dank der Unterstützung der Stuttgarter Straßenbahnen AG und des städtischen Kulturamts nahm die Idee Formen an. Apropos Form: Dafür war die Jugendkunstschule zuständig. Unter der kreativen Regie von Menja Stevenson gestalteten 20 Kinder und Jugendliche aus einem günstig erstandenen Klavier unter Einsatz von Tortenhauben (für die Augen), Kabelbindern (für die Wimpern) und Paillettenstoff (für den Mund) ein upgecyceltes, rosafarbenes Klavierwesen namens „La Queer“.

Auch im Stadtpalais soll ein öffentliches Klavier aufgestellt werden

Zur Vorstellung des ersten Stuttgarter Open Piano, die bewusst am Vorabend der CSD-Demonstration vom Samstag stattfand, traten die Stuttgarter Sängerin Sandra Hartmann und der Pianist Oliver Prechtl zu einer 30-minütigen Performance in der Stadtbahnstation an. Den Kammerton dazu lieferten die ein- und ausfahrenden Stadtbahnen. Das fand viel Aufmerksamkeit. So professionell muss es ansonsten gar nicht sein. „Alle sind willkommen, alle dürfen spielen“, sagt Müller-Enßlin. Hauptsache Musik. „Sie bringt unterschiedlichste Menschen zusammen.“ Wichtig sei, „dass der Zugang niederschwellig ist“. Und das ist am Charlottenplatz zweifellos der Fall.

Stehen bleiben soll „La Queer“, das schräge, aber gut gestimmte Piano, erst mal bis September, dann sieht man weiter. Vor allem sieht man dann, in welchem – hoffentlich noch guten – Zustand das Pianowesen nach zweimonatigem Gebrauch ist. Bei dem einen öffentlichen Klavier soll es nach den Vorstellungen der Initiatorin übrigens nicht bleiben. Ein zweites könnten schon bald aufgestellt werden – im Foyer des benachbarten Stadtpalais. Angeliefert ist es bereits.