Die Karl-Peters-Straße heißt Holzwiesen. Bis Ende des Jahres bleiben die alten Schilder noch da, dann soll nichts mehr an den brutalen „Hänge-Peters“ erinnern. Foto: factum/Granville

Seit März heißt die Karl-Peters-Straße im Ludwigsburger Stadtteil Eglosheim Holzwiesen. Das hat mit der unrühmlichen Vergangenheit des Namenspatrons zu tun. Trotzdem gefällt das den Anwohnern überhaupt nicht.

Ludwigsburg - Die Straße, die von der B 27 in Eglosheim scharf rechts weg führt, ist eine hübsche. Einfamilienhäuser, viel Grün, der Weg zur S-Bahn ist nicht weit, vom Lärm der Bundesstraße ist erstaunlich wenig zu hören. Es ist keine große Straße, trotzdem ist sie groß rausgekommen. Früher war sie nach Karl Peters benannt, seit März heißt sie Holzwiesen. „Wer sich so was ausdenkt, kann nichts zu tun haben“, sagt Ulrich Rauscher, der in einem der sechs Häuser in der Karl-Peters-Straße, pardon: den Holzwiesen, wohnt. „Das ist so unnötig wie ein Kropf am Hals“, sagt sein Nachbar Erwin Mühlbacher. „Das hätte es nicht gebraucht“, sagt Ernst Schray, ein weiterer Anwohner der berühmt-berüchtigten Straße.

Die Umbenennung hat der Gemeinderat im Juli 2015 beschlossen. Die Mehrheit der Räte wollte nichts mehr mit dem Rassisten zu tun haben, der wegen seines brutalen Wirkens in Ostafrika auch als „Hänge-Peters“ bekannt ist – und der nach seinem Tod von den Nazis als „Visionär des Kolonialwesens“ verherrlicht wurde. Vorausgegangen waren lange, kontroverse Debatten.

Die Post ist länger unterwegs

Worüber sich Ulrich Rauscher, 63, noch mehr aufregt, ist schwierig auszumachen. Darüber, dass Briefe und Pakete seit der Adressänderung offenkundig Ehrenrunden drehen. Oder darüber, dass er eine „mords Lauferei“ hatte. Auf dem Landratsamt musste er seinen Fahrzeugschein umschreiben lassen. Im Rathaus seinen Reisepass und seinen Personalausweis. Immerhin hat die Stadt dafür keine Kosten berechnet. Und die Meldung der neuen Adresse bei der Rentenversicherung und dem Finanzamt hat sie ebenfalls übernommen.

Es war trotzdem noch lästig genug, allen Versicherungen Bescheid zu geben, den Banken, der Krankenkasse und dem Arbeitgeber. Nicht zu vergessen die Änderungen bei der GEZ und bei der Telekom und auch bei den Firmen, bei denen Rauscher regelmäßig Waren bestellt. Zum Glück, auch wenn ihm das nur ein kleiner Trost ist, besitzt Ulrich Rauscher weder Visitenkarten noch Briefpapier mit Adresskopf.

Straßen, deren Namen Verbrechern wie Peters noch indirekt huldigten, seien mit einer modernen Zivilgesellschaft nicht vereinbar, argumentierten die Grünen vor zwei Jahren im Gemeinderat. Sie seien, hielt die CDU dagegen, Teil unserer Vergangenheit, der man sich nicht entziehen könne. Das hinderte die Fraktion allerdings nicht daran, vorzuschlagen, die Eglosheimer Karl-Peters-Straße dem gleichnamigen Strafrechtler zu widmen. Vergeblich, wie seit März klar ist.

Der lange Schatten der Geschichte

Erwin Mühlbacher ist in einer Zeit groß geworden, in der es normal war, „Neger“ zu sagen, und wo keiner komisch guckte, wenn man von „Zigeunern“ sprach statt von Sinti und Roma. 85 Jahre ist Erwin Mühlbacher alt, und es ihm sehr wichtig klarzustellen, dass er „diese Person“ – also Karl Peters – in keiner Weise verehre. Trotzdem, sagt er, könne man auch politisch überkorrekt sein. Dass er den adressatlosen sachbezogenen Verwaltungsakt – so lautet die formale Bezeichnung für die Straßenumbenennung – für eine solche politische Überkorrektheit hält, sagt Erwin Mühlbacher auch. Heute, das sei ja klar, würde kein Mensch irgend etwas nach so einem Menschen benennen. Aber nun, da die Straße nun mal jahrzehntelang den Namen trug, den sie trug, sei er da nicht Teil der Geschichte? Nun, auch das hat Mühlbacher bedacht, viele wüssten heute nicht mehr, wer Karl Peters war. Wäre es dann nicht sinnvoller gewesen, eine Hinweistafel unter dem Schild anzubringen? Überhaupt: Wenn sich die Stadt der langen Schatten der Geschichte entledigen wollte, müsste sie sich auch von anderen Namenspatronen distanzieren.

Eklat wegen einer Gefälligkeit

Zum Beschluss des Gemeinderats vor zwei Jahre gehörte auch die Einrichtung einer Historikerkommission, die klären soll, welche Namenspatrone wegen ihrer Nazi-Vergangenheit von der örtlichen Landkarte zu tilgen sind. Vorschläge gibt es genug. Carl Diem, Ernst Heinkel oder Paul von Hindenburg. Auch Adolf Gesswein und Auguste Supper droht eine kritische Auseinandersetzung. Vor drei Wochen hätte der Bauausschuss die ersten Rechercheaufträge für die Kommission beschließen sollen. Das Thema ist kurzfristig von der Tagesordnung verschwunden – wegen eines anderen Namensstreits: Entgegen des dringenden Rats der Historikerkommission hatte die Verwaltung eine Straße nach der Firma Mann + Hummel benennen wollen. Die Gründer hatten im Dritten Reich unter anderem von Arisierungen profitiert.

In Bietigheim-Bissingen gab es bis zum Jahr 2009 auch eine Carl-Peters-Straße, mit „C“ geschrieben. Ohne großes Murren wurde sie damals in Eisvogelweg umgetauft. In Korntal-Münchingen wurden 2011 ebenfalls eine Carl-Peters-Straße und der Hermann-Wissmann-Weg umbenannt. In Asperg beschlossen die Stadträte im selben Jahr, ihre Carl-Diem-Straße beizubehalten – aus Rücksicht auf die unwilligen Anwohner. In Tübingen wiederum klagten Anwohner im vorigen Sommer vergeblich dagegen, dass sie fortan in der Fritz-Bauer- statt in der Scheefstraße wohnen müssen. In Münster fand 2012 ein Bürgerentscheid statt, der aus dem Hindenburgplatz einen Schlossplatz machte. In Freiburg empfahl eine historische Kommission im Herbst – nach vierjähriger Überprüfung aller 1300 Straßennamen – zwölf davon zu ändern. Wie es in Ludwigsburg mit den Straßen und ihren Namen weitergeht, ist momentan offen.

Normalität braucht Zeit

Als Ernst Schray neulich im Urlaub das Anmeldeformular im Hotel ausfüllen musste, gab er als Adresse die Karl-Peters-Straße an. Natürlich hat er das gleich korrigiert, im Herzen wird Ernst Schray wohl trotzdem immer in der Karl-Peters-Straße wohnen. Er ist 72, seit mehr als 60 Jahren lebt er in seinem Haus. Natürlich sei Karl Peters ein unmöglicher Mensch gewesen, trotzdem werde es wohl erst für die Nachgezogenen nichts Ungewöhnliches mehr sein, in den Holzwiesen zu wohnen.

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