Die Neue Weststadt in Esslingen wächst und gedeiht. Ein klimaneutrales Stadtquartier entsteht. Die Stadtwerke an der Fleischmannstraße packen daher die Koffer und verlassen ihren Stammsitz. Wir zeigen, wo sie ihr neues Domizil haben.
Viele Arbeitnehmer jubeln. Doch Mitarbeitende der Stadtwerke Esslingen (SWE) haben beim Blick in den Kalender weniger Grund zur Freude. Allerheiligen liegt dieses Jahr zwar optimal: Der Feiertag am 1. November fällt auf einen Dienstag, und Clevere nutzen das für einen Brückentag. Doch bei den Stadtwerken wird es kein verlängertes Wochenende geben. Denn die Beschäftigen haben in jenen Tagen rot und dreifach unterstrichen das Wort „Umzug“ im Terminplaner stehen. Der lokale Energie- und Wasserversorger organisiert Ende Oktober und Anfang November die Umsiedlung vom bisherigen Standort in der Fleischmannstraße 50 in das Gewerbegebiet Neckarwiesen. Dort entsteht derzeit der SWE-Neubau an der Fritz-Müller-Straße, der sich nach Angaben von Geschäftsführer Jörg Zou im Zeit- und Kostenrahmen befindet.
Ein gewachsener Standort
Nur wenige Schritte bis zur historischen Altstadt, zentrale Lage, die Nähe zum Bahnhof und zur geschäftigen City – der jetzige SWE-Verwaltungssitz hat seine Vorteile, räumt Prokurist Dominik Völker ein. Seit ihren Anfängen sind die Stadtwerke in der Stadtmitte angesiedelt. 1855 wurden sie als Gasbeleuchtungsanstalt gegründet, 1873 wurde das neue Gaswerk am Schelzwasen in Betrieb genommen: „Der Standort hat sich in dieser langen Zeit entwickelt.“ Doch nun wächst rund um das Stadtwerkeareal die „Neue Weststadt“ als klimaneutrales Stadtquartier mit Wohnbebauung, Gewerbeflächen und einem Campus für die Hochschule Esslingen, der den Standort an der Flandernstraße langfristig ersetzen soll. Das jetzige Stadtwerke-Verwaltungsgebäude ist Teil dieser städtebaulichen Rundumerneuerung. Es wird nach Angaben der Stadt Esslingen nicht zurückgebaut, sondern soll nach dem Auszug der SWE von 2023 bis 2027 für eine Übergangszeit die Stadtbücherei beherbergen. Anschließend seien ein Fortbestand oder ein Ersatz durch einen Neubau möglich.
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Darum packen die Mitarbeitenden nun die Koffer und die Umzugskisten. Das Ersatzdomizil in den Neckarwiesen kostet etwa 17 Millionen Euro. Ein Großteil dieser Summe, rechnet Jörg Zou vor, soll durch den Verkauf des bisherigen Grundstücks samt Immobilie hereingeholt werden. Von Vorteil sei auch, dass die Preise für den Neubau zuvor fixiert und festgezurrt worden seien, sodass Kostenkapriolen auf dem Bausektor nicht zu Buche schlagen und die Kosten in die Höhe treiben.
Die erste Novemberwoche mit Allerheiligen als Feiertag wird für den Umzug genutzt. Es könne sein, dass die Stadtwerke dann für kurze Zeit für ihre Kunden nur mit Einschränkungen erreichbar seien, heißt es. Notfallnummern und ein Notdienst seien aber stets erreichbar.
Der Zeitplan passt
Umzüge bedeuten Unruhe, unterbrochene Betriebsabläufe, Stress und Hektik. Doch die Stadtwerke freuen sich laut Geschäftsführer und Prokurist auf den räumlichen Neubeginn. Mit dem Neubau könnten aktuelle bauliche Technologien, moderne Standards und ökologische Anforderungen noch besser umgesetzt werden. Auch der Standort in den Neckarwiesen sei gut erreichbar und an den öffentlichen Personennahverkehr angeschlossen. Die Bauarbeiten liegen laut Jörg Zou sogar um eine Woche vor dem Zeitplan. Der Rohbau stehe, die Stromleitungen seien verlegt, die Fenster eingesetzt worden. Nun gehe es an den Innenausbau. Die Innenwände würden in Holz- und klassischer Trockenbauweise erstellt.
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Herzstück des neuen Firmensitzes ist das Verwaltungsgebäude. Es wird nach dem Willen der Verantwortlichen nicht nur funktional und effizient, sondern auch optisch ansprechend gestaltet. Die oberen Stockwerke sorgen durch eine leichte Versetzung für ein architektonisches Raffinement im Baukörper. Farblich soll das Gebäude ebenfalls punkten können. Ein Teil wird mit Keramikfliesen verkleidet. Sie seien ein echter Blickfang, leicht gewölbt und in einem dezenten, glänzenden Dunkelblau gehalten, schwärmt Jörg Zou. Für Diskussionen habe diese Auswahl aber dennoch gesorgt: „Ich hätte nie gedacht, dass es so viele verschiedene Meinungen zum Aussehen von Fliesen geben könnte.“ Im Erdgeschoss des Verwaltungsgebäudes sind seinen Worten zufolge auch Empfangs-, Kunden- und öffentlicher Bereich sowie ein Casino mit Essensmöglichkeiten untergebracht. Vor dem Gebäude stehen sechs Parkplätze für Besucher zur Verfügung. Das benachbarte Parkhaus mit seinen 200 Plätzen ist vor allem für den eigenen Fuhrpark und die SWE-Belegschaft gedacht.
Zusammenhängendes Ensemble
Das künftige Areal der Stadtwerke will sich als zusammenhängendes Bauensemble präsentieren. Über eine Brückenkonstruktion im Erdgeschoss und ersten Stockwerk wird der Verwaltungstrakt mit dem dreistöckigen Betriebsgebäude verbunden, in dem die Büros für das technische Personal untergebracht sind. Zum neuen Areal der Stadtwerke gehören auch Lagerflächen für Ersatzteile, Armaturen, Infrastrukturelemente für Baustellen und Teile, die auch andere Firmen bei Bedarf nutzen können.
Anfang November richten sich die Stadtwerke in den neuen Räumlichkeiten ein. Ein verlängertes Wochenende wird es nicht geben. Doch Geschäftsführer und Prokurist sind überzeugt davon, dass sich die Umzugsmühen lohnen werden.
Die Stadtwerke Esslingen
Geschichte
Gegründet wurden die SWE nach eigenen Angaben im Jahr 1855 als Gasbeleuchtungsanstalt auf dem Bahnhofsvorplatz. Das Gas sei damals durch die Vergasung von Kohle unter Luftabschluss erzeugt worden. Heute hat die Einrichtung etwa 200 Mitarbeitende, von denen ungefähr 30 in den Bädern arbeiten.
Die SWE
Die Stadtwerke Esslingen verstehen sich laut Prokurist Dominik Völker als regionaler Versorger mit Erdgas, Wasser, Strom, Wärme, Energiedienstleistungen und -beratungen. Versorgt werden rund 200 000 Menschen. Die Bilanzsumme für das Jahr 2020 gibt der Prokurist mit 176,4 Millionen Euro an.
Die Bäder
Der Betrieb von drei Esslinger Bädern rundet das Portfolio der Stadtwerke ab. Sie sind für das 1907 eröffnete Merkel’sche Schwimmbad, das Neckarfreibad und das Hallenfreibad im Stadtteil Berkheim zuständig.