Mit John Crankos „Romeo und Julia“ startet das Stuttgarter Ballett in die neue Saison. Unser Foto zeigt Martí Fernández Paixà und Elisa Badenes. Foto: Roman Novitzky/Roman Novitzky

Zum Spielzeitauftakt 2023/24 hat Ballettintendant Tamas Detrich mit zwei Tänzerinnen und einem Tänzer des Stuttgarter Balletts auf die ersten fünf Jahre seiner Intendanz zurückgeblickt: „Wir haben aus der Coronazeit gelernt, wie wichtig das Liveerlebnis ist.“

Im Brustton der Überzeugung tönt spontan ein „Never“ aus dem Parkett, „Niemals“ – und löst Beifall aus. Diese Treuebekundung der Zuschauerinnen und Zuschauer ist die Antwort auf das, was Tamas Detrich zuvor auf der Bühne des Opernhauses gesagt hat zur Coronazeit: „Wir hatten Angst, unser Publikum zu verlieren!“ Das war nun zahlreich beim Ballettgespräch erschienen, zu dem der Intendant des Stuttgarter Balletts geladen hatte. Zum Auftakt der Spielzeit 2023/2024 am Abend öffnete sich der Vorhang für John Crankos „Romeo und Julia“.

 

Am Nachmittag indes ging es im Littmannbau vor allem um die vergangenen fünf Jahre; so lange ist Detrich Ballettintendant in Stuttgart. Darauf zurück blickte er mit Friedemann Vogel, Kammertänzer am Staatstheater Stuttgart, Rocio Aleman und Anna Osadcenko, beide Erste Solistinnen.

Die Kompanie beherrscht nicht nur Spitzenschuhe

„Fünf Jahre – was ist da alles passiert!“, moderierte Kommunikationschefin Vivien Arnold, auf die Rückwand verweisend, wo Fotos der Wiederaufnahmen, 32 Uraufführungen und acht Erstaufführungen durchliefen. Etwa von „One of a Kind“, Jiří Kyliáns 1998 kreierte Hommage an die Menschenrechte, das Detrich 2019 nach Stuttgart holte. Oder vom „Nussknacker“, den Edward Clug 2022 für die Stuttgarter Truppe schuf. Auch Johan Ingers „Out of Breath“ und Akram Khans „Kaash“ leuchteten auf, der dreiteilige Ballettabend „Aufbruch“, die Stuttgarter Reihe „Creations“, Kenneth MacMillans „Mayerling“ und mehr.

Das Stuttgarter Ballett sei eine klassische Kompanie, die die Spitzenschuhe beherrsche, die aber auch alles andere tanzen könne, betonte Tamas Detrich zu seinem Konzept. „Und es gilt, das Erbe von John Cranko zu pflegen, die Basis der Kompanie.“ Cranko holte denn auch 1968 Jiří Kylián von der Royal Ballet School London als Tänzer nach Stuttgart, wo seine Choreografenkarriere beginnen sollte. „Unglaublich positiv“ sei das Arbeiten mit ihm gewesen, so Anna Osadcenko über das Einstudieren seines „One of a Kind“. „Sehr hilfreich, mit einem Wort konnte man verstehen, was er wollte.“

Viel mitgenommen hat auch Friedemann Vogel von Stücken, Tanz- und Kunstschaffenden. „Beeindruckend, mit solch einer Persönlichkeit zusammenzuarbeiten wie Jürgen Rose!“ Der schuf für die Stuttgarter Version von „Mayerling“ auf Detrichs Wunsch sein Bühnenbild, Lichtkonzept und seine Kostüme neu. „Wir haben in den Räumen der Musikhochschule geprobt – ohne Spiegel.“ So habe er sich innerlich der komplexen Figur des Kronprinzen Rudolf von Österreich-Ungarn genähert, der sich 1889 auf Schloss Mayerling mit seiner 17-jährigen Geliebten Mary Freiin von Vetsera erschoss – ein Doppelselbstmord. „Das erste Mal, dass ich nach einer Premiere emotional zusammenklappte“, erzählte Vogel. „Man entdeckt Neues an sich, das macht stärker.“ Besonders sei auch gewesen, dass er bald „aus den Mayerling-Stiefeln heraus“ barfuß für Khans „Kaash“ die Technik des indischen Kathak-Tanzes lernen musste. „Ich brauche die Abwechslung, könnte nie monatelang das Gleiche machen.“

Rocio Aleman – 2018/2019 zur Solistin befördert – unterstreicht, dass sie viel durch die Solorollen lernte, die sie tanzen durfte. „Unterschiedliche Stile – das bringt dich weiter! Einer meiner Highlights war ‚Shades of White’ mit ‚Konzert für Flöte und Harfe’ von John Cranko, ‚Königreich der Schatten’ von Natalia Makarova nach Marius Petipa und ‚Symphonie in C’ von Georges Balanchines.“ Gelernt über ihren Körper habe sie auch von einer Verletzung – wie Anna Osadcenko von der Geburt ihrer Tochter. „Früher dachte man, Kind und tanzen geht nicht. Doch das geht. Es fordert, aber ich werde vom Team unterstützt.“ Dazu Tamas Detrich: „Du bist nach der Schwangerschaft viel stärker zurückgekommen.“

Wie die VfB-Spieler wurden die Tänzer als Leistungssportler anerkannt

Zurück zu Corona, das die Planungen Detrichs beeinflusste. Just in Friedrichshafen auf Tournee kam der erste harte Lockdown. „Wir hatten zehn Coronafälle, alle mussten in Isolation, das war hart“, so Detrich. Wie überall wurde ein digitales Netz aufgebaut, es gab Online-Stücke und Videos on Demand für das Publikum – sowie Online-Trainings für die Tanzenden, eine Japantournee unter strengsten Auflagen mit elf Kompaniemitgliedern folgte. Detrich hatte Ministerpräsident Winfried Kretschmann geschrieben, erreichte, dass sie – wie die VfB-Spieler längst zuvor – als Hochleistungssportler anerkannt wurden. So konnten sie in Kleingruppen im Ballettsaal proben. Wie sie zu Hause online trainierten, das schnitt Fabio Adorisio zu einem Film, der das Publikum begeisterte. Da werden Beine über Koffer geschwungen, Liegestützen mit Kind und Freundin gemacht.

Detrichs Fazit: „Wir haben aus dieser Zeit gelernt, wie wichtig das Liveerlebnis ist, wie wir uns alle brauchen.“