Sein Herz schlägt fürs Stuttgarter Ballett: Intendant Tamas Detrich Foto: Lichtgut/Julian Rettig

Am 26. Juni jährt sich der Todestag John Crankos zum 50. Mal. Wir haben mit dem aktuellen Intendanten Tamas Detrich über Erbe und Zukunft des Stuttgarter Balletts gesprochen.

Zum Gespräch bittet Tamas Detrich, Intendant des Stuttgarter Balletts, in sein Büro im Opernhaus; der Blick geht Richtung Landtag. Nebenan läuft das Training für die Kompanie im Schäfersaal, wo einst John Cranko am Stuttgarter Ballettwunder arbeitete. Was würde er Cranko fragen, wenn er jetzt zur Tür hereinkommen würde? „Ich würde auf die Knie fallen und sagen: Danke, John!“, antwortet Tamas Detrich.

 

Herr Detrich, es gibt Menschen, denen sagt der Name John Cranko nichts. Was meinen Sie: Sollte man eines seiner Ballette gesehen haben, auch wenn man mit Tanz nichts am Hut hat?

Unbedingt, denn John Cranko erzählt in seinen großen Balletten Geschichten, die auch in zweihundert Jahren noch inspirierend und relevant sein werden. Menschen, ihre Gefühle und Beziehungen, waren ihm wichtig. Es geht um Liebe, Freundschaft, Vertrauen, aber auch um gesellschaftliche Fragen wie Ungerechtigkeit. Das alles versteht man ohne Vorwissen und wird durch Crankos dramatische Gabe regelrecht eingesaugt in seine Welt.

Cranko, der in seiner Kindheit in Südafrika das Apartheidsregime erlebte, hat Rassismus und Ungerechtigkeit abgelehnt. Würde er ein Ensemble heute vielfältiger aufstellen, als es das Stuttgarter Ballett ist?

Schon als Tänzer habe ich mit Kollegen gearbeitet, die von überallher kamen, auch was ihre sexuelle Orientierung betrifft. Als Intendant bin ich ebenfalls absolut offen. Wenn sich ein toller Tänzer oder eine tolle Tänzerin bewirbt, ist mir die Hautfarbe egal. Alle sind willkommen.

Das Thema Verfolgung und Flucht hat Cranko in seinem letzten Stück „Spuren“ verarbeitet, für das er in Stuttgart ausgebuht wurde. Bei der Gala zu seinem Todestag ist ein Auszug daraus zu sehen. War er schwierig zu rekonstruieren?

Ja, aber nicht unmöglich. Es gibt eine alte Filmaufnahme und eine lückenhafte Notation, weil sie nach dem Film entstanden ist. Die ganzen 30 Minuten hätten wir nicht rekonstruieren können, vor allem die Gruppenszenen waren im Film kaum erkennbar. Aber die zweite Hälfte ist wie im Original; hier tanzen die drei Protagonisten sowie fünf Paare; sie stehen für die Gesellschaft, in der sich die Geflüchteten nun befinden. Einige Originalkostüme waren tatsächlich noch vorhanden. Die anderen hat Jürgen Rose, der 1973 die Ausstattung gemacht hatte, nach ursprünglichen Designs gestaltet.

Erschließt sich die Geschichte von „Spuren“ in der Kürze?

Ja, man versteht, dass es um eine Geflüchtete geht, die die Vergangenheit nicht loslässt. Und es ist traurig, dass dieses Stück nach wie vor so aktuell ist.

Der Ballettsaal, in dem Cranko auch dieses Stück choreografierte, wird die Opernhaussanierung unter Umständen nicht überleben, falls eine Kreuzbühne eingebaut wird. Sie sagten, dass Sie für seinen Erhalt kämpfen. Wie ist der Stand der Dinge?

Ich kämpfe nach wie vor, denn in diesem Studio ist der Geist Crankos präsent, und es ist wichtig für die Geschichte des Stuttgarter Balletts. Natürlich ist sein Erhalt eine Frage der Kosten und der Verhältnismäßigkeit, aber man muss auch die Bedeutung dieses Ortes sehen.

Welche Erinnerungen bewegen Sie?

Als Student der Cranko-Schule durfte ich hier bei einer „Initialen“-Probe zuschauen, das war drei Jahre nach Crankos Tod. Marcia Haydée tanzte. Die anderen schauten vom Rand aus zu, viele weinten. In diesem Moment war der Choreograf, seine Verbundenheit mit dieser Kompanie und sein Glaube an ihre Zukunft besonders stark spürbar.

Vor einigen Tagen wurde der Entwurf für die Interimsspielstätte vorgestellt. Wird das Stuttgarter Ballett darin ohne Einschränkung spielen können?

Ja, wir können alle Stücke aus dem Repertoire dort aufführen. Das ist wichtig, weil wir während der zehnjährigen Opernhaussanierung auch die großen Handlungsballette tanzen und pflegen möchten. Auch die drei Ballettsäle werden 2029 an die Wagenhallen umziehen.

Bis das Opernhaus saniert ist, wird der 70. Todestag Crankos nahen. Dann erlischt das Urheberrecht an seinen Stücken, jede Kompanie könnte sich „Onegin“ leisten. Das Stuttgarter Ballett wird in ein Haus zurückkehren, in dem vom Geist Crankos unter Umständen nichts mehr bleibt. Was wird das Stuttgarter Ballett noch auszeichnen?

Diese Frage müssten Sie dem nächsten Intendanten stellen. Aber da das Stuttgarter Ballett die Aufführungsrechte an den hier entstandenen Cranko-Stücken hat, besitzt es auch ein tiefes Wissen in deren Umsetzung. Das und das große choreografische Potenzial der Kompanie, das schon Cranko förderte, sind ihr Plus.

Bei der Gala zu Crankos 50. Todestag dirigiert neben Wolfgang Heinz auch Musikdirektor Mikhail Agrest. Der Rechtsstreit um die eskalierte „Onegin“- Probe vor zwei Jahren hat viel Schaden angerichtet. Im Rückblick: Haben Sie mit der fristlosen Kündigung Agrests überreagiert?

Ich bitte um Verständnis dafür, dass ich dazu nichts mehr sagen möchte. Wir schauen nach vorne.

Gibt es eine neue Vertrauensbasis, die ähnliche Vorfälle verhindert?

Wir bauen das Verhältnis neu auf. Mikhail Agrest konnte diese Saison wegen anderer Verpflichtungen noch nicht so viel in Stuttgart dirigieren. Nach der Gala wird er den Ballettabend „Remember Me“ leiten und hat jetzt wieder die volle Verantwortung, auch bei unserem Gastspiel im Oktober in Bangkok.

Info

Künstler
John Cranko, 1927 in Südafrika geboren, übernahm 1961 die Leitung des Stuttgarter Balletts und schuf mit Werken wie „Romeo und Julia“, „Onegin“ und „Der Widerspenstigen Zähmung“ moderne Klassiker. Er starb am 26. Juni 1973 beim Rückflug von einer USA-Tournee. Tamas Detrich ist seit 2018 Ballettintendant in Stuttgart. In New York geboren, kam er 1977 von der Cranko-Schule in die Kompanie, deren Solist und stellvertretender Leiter er später wurde.

Zuhören
Am 26. Juni erinnert das Stuttgarter Ballett mit einer Gesprächsrunde an seinen Gründer und dessen 50. Todestag. Auf dem Podium im Opernhaus: Marcia Haydée, Birgit Keil, Georgette Tsinguirides, Egon Madsen, Reid Anderson, Vladimir Klos, Jürgen Rose und Tamas Detrich. Beginn ist 19 Uhr, es gibt noch Karten.

Zuschauen
Ausverkauft ist die Gala am 30. Juni, bei der sich die Kompanie vor ihrem Gründer verbeugt und in chronologischer Folge Ausschnitte aus seinen Balletten tanzt – bis zu den finalen „Spuren“.