Der Gebetsraum ist traditionell eingerichtet und reichlich mit Ornamenten verziert. Foto: factum/Granville

Der Verband Ditib eröffnet eine Moschee in der beschaulichen Gemeinde. Alle loben das Projekt als Beispiel einer gelungenen Integration. Doch die Probleme in der Türkei haben auch den Ortsverein erfasst.

Kirchheim/Neckar - Die Neueröffnung einer Moschee sollte in Deutschland kein großer Aufreger mehr sein, könnte man denken. Im kleinen Kirchheim am Neckarist es das auch nicht – da sind sich alle Beteiligten einig. Und doch stand die Einweihung am Samstag unter unguten innen- wie außenpolitischen Vorzeichen: Mit der AfD strebt eine Partei in den Bundestag, die aktiv Überfremdungsängste schürt. Der Konflikt zwischen Bundesregierung und dem türkischen Präsidenten Recep Erdogan ist nach den jüngsten Verhaftungen deutscher Menschenrechtlern weiter eskaliert. Und in der Türkei sind die Menschen uneins, ob sie die autoritären Züge ihres Präsidenten befürworten sollen oder dagegen auf die Straße gehen. Hinzu kommen die Vorwürfe des Antisemitismus und der Bespitzelung gegenüber dem größten deutschen Moscheenverband Ditib, der auch das Kirchheimer Haus betreibt.

Inwiefern die Lage in der Türkei den örtlichen Ditib-Verein betrifft, bleibt unklar. Beobachter sprechen davon, dass Erdogan die Menschen so polarisiere, dass ein Riss durch den Verein gehe. Mitglieder bestellten beispielsweise Zeitungen ab, um zu verhindern, dass andere ihre politische Gesinnung erkennen. Doch offiziell bestätigen will das niemand. Der Vereinsvorsitzende Hamdi Tütünlü sagt auf Nachfrage, der Konflikt in der Türkei spiele „keine große Rolle“, es gebe zwar „Diskussionsbedarf“, aber man sei nicht gespalten.

Predigten gibt’s vorab online zu lesen

Insofern lassen sich die Worte, die alle Beteiligten an diesem Festtag wählten, auf unterschiedliche Weise interpretieren. Bekir Alboga, ein Vorstandsmitglied des Ditib-Dachverbands, sagte zu den Gästen: „Wir sind offene, dialogbereite Muslime.“ Und: „Wir lassen uns nicht spalten, wir gehören zusammen.“ Ein Gotteshaus solle nicht zum Ort für radikal-salafistische Botschaften werden. Die Predigten des örtlichen Imams, der von der türkischen Religionsbehörde geschickt wird, seien auf Türkisch und Deutsch bereits vorab online auf der Ditib-Homepage verfügbar , sagte Alboga.

Für den Kirchheimer Bürgermeister Uwe Seibold ist die Moschee „ein Schmuckstück der besonderen Art“ geworden, wie er in seinem Grußwort sagte. Besonders freue ihn, dass das Gebäude nicht zum „Zankapfel“ zwischen Bürgern und dem örtlichen türkisch-islamischen Kulturverein wurde. Was durchaus möglich gewesen wäre, denn die Moschee steht neben einem christlichen Friedhof. Bei einer Bürgerbefragung zur Gemeindeentwicklung sprachen sich die Kirchheimer für den Standort aus. Man habe diskutiert und hinterfragt, „aber immer in einer Form, die allen Beteiligten gut zu Gesicht steht“, sagte Seibold bei der Eröffnung. Die Moschee sei ein Beispiel dafür, „dass Integration gelingen kann“. Seibold sagte dann auch noch einen Satz, der in mehreren Richtungen interpretiert werden kann: „Lassen Sie uns nicht vergessen: Es sind nicht die lauten, markigen Worte, die die Menschen verbinden, sondern die leisen Töne.“

Oft fällt das Wort Hinterhofmoschee

Wer an diesem Tag mit den Beteiligten spricht, bekommt oft das Wort Hinterhofmoschee zu hören. So war es früher. Aber das 1,8 Millionen Euro teure und durch Spenden finanzierte Gotteshaus versteckt sich nicht. „Wenn man die Menschen in den Hinterhof drängt, werden sie sich auch so behandelt fühlen“, hatte Seibold stets betont. Die alte Moschee, eine ehemalige Schreinerei, wurde seit 1989 genutzt und sieht aus wie ein gewöhnliches Wohnhaus. Sie steht neben der neuen Moschee, quasi als Reminiszenz an die Zeit, als die ersten türkischen Gastarbeiter Stätten für ihre Religionsausübung suchten.

Die neue Moschee ist auch architektonisch interessant: Von außen wirkt das Gebäude kaum wie ein Gotteshaus, das Minarett ist sehr schlicht, der Blick auf die Kuppel wird von einer erhöhten Dachumrandung versperrt – so verlangt es der Bebauungsplan. Man habe eben eine zeitgemäße Moschee gewollt, sagte Tütünlü und wechselte kurz ins örtliche Idiom: „Man konnte schon beim Rohbau-Abschluss erkennen, dass hier was G’scheits entsteht.“

Ditib – ein umstrittener Dachverband

Geschichte
Ditib wurde 1984 in Köln als Moscheendachverband für örtliche türkisch-islamische Kulturvereine gegründet. Heute gibt es mehr als 960 Moscheegemeinden und 800 000 Mitglieder in Deutschland. Ditib untersteht der Religionsbehörde Diyanet in Ankara, die direkt dem Präsidenten unterstellt ist.

Verdacht
Im Februar durchsuchten Ermittler des Bundeskriminalamts Wohnungen von vier Imamen in Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz. Die Geistlichen stehen im Verdacht, Informationen über Anhänger der Gülen-Bewegung gesammelt und an das türkische Generalkonsulat in Köln berichtet zu haben.

Kritik
Anfang des Jahres berichteten Medien davon, dass in einigen Ditib-Gemeinden auf Facebook gegen Juden und Christen gehetzt werde. Ditib kündigte Konsequenzen an. Ebenfalls in die Kritik kam der Dachverband, als er sich weigerte, in Köln an einem Marsch gegen den Terror teilzunehmen.

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