Jeff Daniels und Tahar Rahim als FBI-Agenten mitten im Bürokrieg Foto: Hulu

In den neunziger Jahren kommen FBI und CIA einander bei der Fahndung nach gewaltbereiten Islamisten in die Quere. Die neue Amazon-Serie „The Looming Tower“ erzählt von den Pannen im Vorfeld von 9/11. Jeff Daniels überzeugt in einer der Hauptrollen.

Stuttgart - Was sind das für kleine Stecknadeln, welche Orte in welchen Ländern markieren sie, und warum? Die beiden FBI-Agenten, die in einem geheimen Horchposten der CIA im Krieg gegen den Terror als Verbindungsglieder zwischen rivalisierenden Behörden dienen sollen, können gar nicht so schnell hinschauen, wie ihnen ein Vorhang vor der Nase zugezogen wird. Martin Schmidt (Peter Sarsgaard), der Projektleiter des Auslandsgeheimdienstes CIA, sabotiert alle Anordnungen zur Kooperation.

Schmidt hält FBI-Agenten für engstirnige Dorfpolizeitrampel, die stets den Erstbesten verhaften wollen, die nichts vom Aufrollen komplizierter Netzwerke verstehen, vom Gewährenlassen einmal erkannter Feinde und Strukturen, um an deren Schlüsselfiguren heranzukommen. Und es ist ein ganz besonderes Netzwerk, hinter dem FBI und CIA hier in den neunziger Jahren her sind: eine islamistische Gruppe namens Al-Kaida.

Die Schlinge um Bin Laden

Die in Deutschland von Amazon Prime angebotene Serie „The Looming Tower“ erzählt von jenen Operationen und Ermittlungen, die sich als Schlinge um Osama bin Laden und dessen engste Vertraute ziehen sollten – die aber eben nicht zur rechtzeitigen Identifizierung und Verhaftung der Attentäter des 11. September 2001 führten.

Als John O’Neill (Jeff Daniels), der beim FBI für die Jagd auf Bin Laden Verantwortliche, von der Behandlung seiner Leute erfährt, wütet er los. Er wütet überhaupt gerne, wird schnell vulgär, direkt und final: Nach einem deftigen O’Neill-Auftritt ist das übliche Weitermachen mit verkniffener Bürodiplomatie nur schwer vorstellbar. Man kann diese offensichtliche Untauglichkeit für Verbiege-Erfordernisse auch sympathisch finden. Und „The Looming Tower“ steht im Zweifel auch auf der Seite dieser FBI-Truppe, die ein wenig als Haufen handfester Underdogs erscheint, der von den Politparkett-Experten der CIA ausmanövriert wird.

Sehen Sie hier den Trailer zu „The Looming Tower“

Jeff Daniels hat schon in „The Newsroom“ als aufrechter Nachrichtenmann in einer Welt des ständigen Quotenkampfs so einsam mitten in einem Schwarm Kollegen gewirkt wie nun in „The Looming Tower“ als Terroristenjäger. Beide Figuren, der Journalist wie der Agent, orientieren sich ganz an ihren eigenen Werten, die in mal mehr, mal weniger krassem Widerspruch zu den Anforderungen, Regeln und Kompromissen ihres Jobs stehen.

Fanatismus und Intrigen

Nur müssen wir in der neuen Serie die Möglichkeit erwägen, die Werte der Daniels-Figur könnten nur Fassade sein für rechthaberische Verbohrtheit und festgefressene Kränkungen. Die klare Unterteilung in pragmatisch-arbeitsame FBI-Cops und fischige CIA-Diven wird behutsam, aber beharrlich unterwandert, indem die Serie so selbstverständlich wie die brisante Ermittlungsarbeit das Privatleben von John O’Neill zeigt. Der zu explosivem Eifer fähige Bin-Laden-Hasser im Büroanzug ist privat ein kleiner Filou mit Ehefrau und mehreren Freundinnen, ein entspannter Fremdgeher, der den abendlichen Besuch mit Blumen in der Hand so routiniert abwickelt wie ein Tournee-Schauspieler, der auf wechselnden Bühnen mit wechselnden Partnerinnen das immer gleiche Stück gibt.

„The Looming Tower“ lässt sich nicht zu Spott hinreißen oder zu moralischer Verurteilung, sondern stellt sacht die Frage, ob dieser Mann seinen Kopf wirklich so ganz und gar bei der Arbeit haben kann, wie er gerne tut. Es sind überhaupt die Kleinigkeiten, die diese Geschichte, deren Ausgang man kennt, sehenswert machen. Eine Menge Talent ist versammelt, der Regisseur John Dahl, der feine Folgen für „Justified“ und „Ray Donovan“ geliefert hat, und der Dokumentarfilmer Alex Gibney („Taxi to the Dark Side“,„We steal Secrets“) etwa. So braucht es weder die nervenfetzende Paranoia der ersten „Homeland“-Staffeln noch die fiese Subversivität von „The Americans“, um „The Looming Tower“ spannend zu machen: Es genügt das Aufeinandertreffen von Fanatismus, Gemenschele und Bürointrigen.

Amazon Prime Video,
die erste Staffel ist bereits komplett abrufbar

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