Einer von rund 2o Testwagen, mit denen Bosch die Stickoxidemissionen auf der Straße misst. Das Messgerät ist luftdicht mit dem Auspuff verbunden und kann somit die gesamte Schadstoffmenge erfassen. Foto: dpa

Ermittlungsverfahren, Gerichtsverfahren, drohende Fahrverbote: Der Dieselskandal setzt der Autobranche seit gut zwei Jahren zu. Nun ruft Bosch das Ende der Krise aus. Das Schadstoffproblem dieser Technologie sei gelöst.

Renningen - Der Stuttgarter Bosch-Konzern hält die Probleme, die zum Dieselskandal und zum massiven Vertrauensverlust in diese Technologie geführt haben, für technisch gelöst. Die grundlegend neu ausgerichtete Abgasreinigung schaffe beim Ausstoß von Stickoxiden „Ergebnisse, die wir vor wenigen Monaten noch nicht für möglich gehalten hätten“, sagte Bosch-Chef Volkmar Denner bei der Vorlage der Bilanzzahlen in Renningen. Mit der neuen Technologie gebe es nun einen Verbrennungsmotor, der die „Umgebungsluft nahezu unbelastet lässt“.

„Technik fürs Leben, nicht fürs Labor“

Der Diesel ist in Verruf geraten, weil er die Grenzwerte für Stickoxid zwar auf dem Prüfstand einhält, im Verkehr aber oft ein Vielfaches dieser Menge in die Luft bläst – was dazu beiträgt, dass der Gehalt dieses Schadstoffs in der Atemluft zu hoch ist und die EU sowie das Bundesverwaltungsgericht Deutschland zu Fahrverboten in belasteten Zonen drängen. Der neue Diesel sei nun nach der Devise entstanden: „Technik fürs Leben, nicht fürs Labor“, sagte Denner. Auf dem inzwischen vorgeschriebenen Messzyklus im fließenden Verkehr habe die Technologie im Durchschnitt nur noch 13 Milligramm Stickstoffdioxid pro Kilometer ausgestoßen und bleibe damit weit unter dem Grenzwert von 168. Auch der nächste Grenzwert von 120 werde deutlich unterschritten – auch auch bei Kälte oder einer unökonomischen Fahrweise. Im Stadtverkehr bleibe man mit rund 40 Milligramm ebenfalls weit unter dem Erlaubten. Der Diesel sei „ökologisch rehabilitiert“, sagte Denner. „Nicht der Verbrennungsantrieb ist überholt, sondern die Debatte über sein baldiges Ende.“

Denner fordert auch bei Treibhausgas realistische Tests

Bosch fordert, künftig auch den Ausstoß des Treibhausgases CO2 außer im Labor auch im realen Verkehr zu testen. Dem Klima sei „allein mit niedrigen Verbrauchswerten auf dem Prüfstand wenig geholfen“, sagte Denner. „Auch hier muss die Realität Einzug halten.“ Wichtig sei, die Schadstoffbilanz verschiedener Technologien künftig nicht nur direkt am Fahrzeug zu messen, sondern eine „Gesamtbetrachtung“ vorzunehmen. Wer elektrisch fahre, werde dann „nicht mehr glauben, er sei schlicht klimaneutral unterwegs“. Beim derzeitigen Strommix in Deutschland komme ein Elektroauto aus der Kompaktklasse auf eine CO2-Bilanz von 80 Gramm pro Kilometer.

„Es zählt nicht nur, was aus dem Auspuff kommt“

Eine Gesamtbetrachtung sei auch für die synthetischen Kraftstoffe hilfreich, für deren baldige Produktion sich Bosch einsetzt. Bei deren Verbrennung wird zwar CO2 freigesetzt, doch wurde die gleiche Menge CO2 zuvor bei der Herstellung gebunden. Anders als Stickoxide gilt CO2 nicht als Luftschadstoff. Daher ist das Ziel hier nicht die Verringerung des Ausstoßes in den Städten, sondern die globale Senkung des Gesamtausstoßes, um die Erderwärmung zu bremsen.

Die neue Dieseltechnologie ist marktreif und ab sofort für die Autohersteller verfügbar. In zwei bis drei Jahren kann sie – je nach Interesse der industriellen Abnehmer – breit am Markt vertreten sein. Die Mehrkosten gegenüber der heutigen Euro-6-Technologie schätzt Bosch auf unter 100 Euro pro Fahrzeug. Allerdings sei die Euro-6-Technologie ihrerseits so teuer, dass der Diesel nur noch ab der Mittelklasse sinnvoll sei.

Drastische Verbesserung am Neckartor wäre möglich

Laut einer Bosch-Modellrechnung ließe sich die Stickoxidbelastung am Stuttgarter Neckartor von zuletzt 73 auf 22 Mikrogramm pro Kubikmeter Luft senken, wenn heute alle Dieselautos mit dieser Technologie ausgestattet wären. Davon kämen rund 20 aus Quellen jenseits des Verkehrs und nur noch 1 bis 2 aus den Dieselmotoren. Der Grenzwert, mit dessen fortdauernder Überschreitung die Forderung nach Fahrverboten in Stuttgart begründet wird, liegt bei 40 Mikrogramm.

Denner hofft für den Diesel auf auf einen Aufbruch. Die Debatte um mögliche Fahrverbote für Dieselautos führe aber zur Verunsicherung – und diese schade der Verbreitung der Technologie am meisten. Die neue technologische Entwicklung solle auch in den Luftreinhalteplänen berücksichtigt wer­den. In diese Pläne will das Verkehrsministerium Fahrverbote einbringen.

Verkehrsministerium: Fahrverbote trotzdem unvermeidbar

Ein Sprecher des Verkehrsministeriums begrüßte gegenüber unserer Zeitung die Verbesserung der Dieseltechnologie. Sie werde aber bedauerlicherweise nicht schnell genug kommen, um bei der Luftqualität den Vorgaben der Gerichte zu entsprechen, die auf baldige Fahrverbote dringen. Zudem bestehe weiter die Notwendigkeit, auch ältere Fahrzeuge mit verbesserten Abgaskatalysatoren auszustatten.

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In einer früheren Version war der Schadstoffausstoß an zwei Stellen in Mikrogramm pro Kilometer angegeben. Tatsächlich handelt es sich um Milligramm pro Kilometer.

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