Der Verbindungsbau über der Steinstraße kommt auf jeden Fall weg. Offen ist, was daneben entsteht. Foto: Lg/Leif Piechowski

Die Stadträte ziehen Konsequenzen aus massiven Bedenken gegen den Entwurf für Neubauten an der Eberhardstraße. Sie halten den zweitplatzierten Vorschlag aus dem Planungswettbewerb im Rennen.

Stuttgart - Was die LBBW Immobilien GmbH schräg gegenüber vom Tagblatt-Turm bauen darf, ist wieder völlig offen. Der Technikausschuss des Gemeinderats machte am Dienstagvormittag klar, dass der Gemeinderat darüber entscheiden wird – und nicht die Bauherrin und nicht das Preisgericht, das nach einem Planerwettbewerb mehrheitlich den Entwurf des Stuttgarter Büros h4a Gessert+Randecker befürwortet hatte.

Gegen ihn gibt es massive Bedenken. Und selbst jene Stadträte, die ihm zuneigen, forderten wie die einhellig kritisch eingestellte CDU-Fraktion, der zweitplatzierte Vorschlag des Frankfurter Büros Jo. Franzke Generalplaner für die Eber­hardstraße 18–22 solle ebenfalls überarbeitet und wieder präsentiert werden.

Jury wollte eigentlich nur den Siegerentwurf verbessern

Der Vorrang der Politik, den vor allem die CDU vertrat, ist in dieser Form etwas Neues. Der Ausschuss hält nach den Überarbeitungen sogar ein erneutes Juryurteil für überflüssig. Üblich wäre es gewesen, dass das Preisgericht wieder tagen darf und die Investorin der Juryempfehlung folgt, danach die Stadtverwaltung einen passenden Bebauungsplan vorlegt. Prompt schwappte am Dienstagnachmittag im Städtebauausschuss Ärger der Planerhoch: Es sei nicht nachvollziehbar, dass die Politik entscheide, welche Architektur in Stuttgart gebaut werde. Daraufhin sagte Städtebaubürgermeister Peter Pätzold (Grüne) vermittelnd, er strebe an, dass der Juryvorsitzende und jemand vom Städtebauausschuss noch angehört würden.

Die Jury hatte Anfang Mai nur die weitere Verbesserung des Siegerentwurfs angestrebt, der in nicht öffentlicher Sitzung mit neun gegen vier Stimmen gekürt und seither leicht verändert worden war. Jetzt sollte zum Ergebnis der Ausschuss angehört werden. Dass es Zündstoff geben würde, war klar, denn schon im Mai hatte es zwei Lager gegeben.

Der Juryvorsitzende und frühere Architektenkammer-Präsident Wolfgang Riehle ging in die Offensive. Er mahnte bei den Kommunalpolitikern, die in Preisgerichten sitzen, Vertraulichkeit an. Ihn wurmte es, dass unsere Zeitung nach der Entscheidung Anfang Mai nicht nur die Pressemitteilung der LBBW Immobilien GmbH wiedergegeben, sondern auch über die Zusammensetzung des Preisgerichts und das Abstimmungsverhalten berichtet hatte. Riehle appellierte an die Stadträte, die 15 Jahre währende Phase von vorbildlichen Wettbewerbsverfahren fortzusetzen – und damit auch die „Qualitätssicherung von Architektur“. Nach Juryentscheidungen, meinte er, sollte es „guter demokratischer Brauch sein“, das Ergebnis zu akzeptieren. Er habe Sorge, dass der Vorgang Schule mache und das gute Instrument des Wettbewerbs Schaden nehme. Riehle wünschte, dass nach den beiden Überarbeitungen – frühestens wohl im Oktober – wieder das Preisgericht entscheidet. Er bekam von der CDU aber eine Absage. Den Wettbewerbssieger verteidigte er. Der zweitplatzierte Entwurf dagegen ergänze mit seinen Giebeldächern zwei Nachbarhäuser „historisierend“, sei aber nicht historisch. Auf die Welt des Tagblatt-Turms und des Kaufhofs liefere er „keine zeitgemäße Antwort“.

CDU: einhellig für Nummer 2

Architekt Martin Gessert hob hervor, sein Büro h4a habe am Eingang zum Stadtkern die Kante der Eberhard­straße betonen und den Ort neu interpretieren wollen. Eine historische Anknüpfung ergebe sich aus alten Plänen für das Gelände nämlich nicht. Bewusst habe man am Eck die Höhenentwicklung der Galeria Kaufhof aufgenommen.

Die Kollegen der CDU, entgegnete Philipp Hill, hätten einhellig die Nummer 2 favorisiert. Sie entspreche auch besser der Aufgabenstellung bei der Wettbewerbsauslobung. Gabriele Munk sagte, die Grünen seien für beide Entwürfe offen. Suse Kletzin (SPD) fand „den zweiten Entwurf nicht besser“. Architekt Jürgen Zeeb (Freie Wähler) fand die Nummer 2 „mit dem aus Ratlosigkeit geborenen Spitzgiebelvorschlag etwas anbiedernd“. Dagegen gefiel Luigi Pantisano (SÖS) daran, dass dieser Entwurf mehr aus der Perspektive der Fußgänger heraus konzipiert sei. Im Entwurf von h4a wirke der Komplex trotz erster Korrekturen immer noch sakral.

Frank Berlepp von der LBBW Immobilien GmbH machte aus seiner Betroffenheit kein Geheimnis. Man mache solche aufwendigen Wettbewerbe nicht aus Jux und Tollerei, sondern wegen fachlicher Qualität. Man habe den Siegerentwurf umsetzen wollen. Aber die Planungshoheit, sagte er unserer Zeitung, liege bei der Stadt. Die Zeit dränge. 2019 wolle man beginnen.

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