Naturlandschaft Wanninchen Wo einst der Schaufelradbagger gewütet hat

Von Ekkehart Eichler 

Der Braunkohletagebau hat große Gebiete in Ostdeutschlands verwüstet – auch in der Niederlausitz. Doch die Natur und seltene Tiere haben sich ein ehemaliges Tagebaugebiet südwestlich des Spreewaldes zurückerobert.

Wanninchen - Plötzlich fällt Ralf Donat auf die Knie. Legt sich lang auf den Boden und pustet in den Sand. Entnimmt dann eine kleine Ladung und siebt sie mit den Fingern durch – Krümel für Krümel. Wiegt erst zweifelnd den Kopf, doch dann ertastet er das Objekt seiner Begierde und präsentiert erfreut seinen Jagderfolg „Ein Ameisenlöwe“, erklärt der Experte. Ein Kleintierjäger, der Trichter in den Sand wühlt und dann geduldig darauf wartet, dass Ameisen hineinfallen, um sie sich einzuverleiben. „Um diesen Rutschprozess zu befördern, wirft er sogar mit Sandkörnchen nach seinen Opfern“, sagt Donat und tippt vorsichtig an die scharfen Zangen des Insekts. Wie er dem im Sand versteckten Winzling auf die Schliche gekommen ist, bleibt sein Geheimnis: „Berufserfahrung“, kommentiert er lakonisch.

Der Leiter der Sielmann-Naturlandschaft Wanninchen ist tief verwurzelt in seiner Heimat Niederlausitz – und seit Langem im Natur- und Landschaftsschutz engagiert. In dem Gebiet südwestlich des Spreewalds, rund 100 Kilometer südlich von Berlin, wurde von 1961 bis 1991 mit Baggern und Förderbrücken Braunkohle abgebaut. Die Landschaft und den Wasserhaushalt der Region hat das nachhaltig beeinflusst. Viele seltene Tierarten verschwanden aus dem Gebiet. Doch nach der Beendigung des Kohleabbaus begann die Natur, sich das Gebiet zurückzuerobern.

Der Tierfilmer Heinz Sielmann hat die Flächen für den Naturschutz erworben

Ralf Donat erinnert sich an den Tierfilmer Heinz Sielmann – und an seine resolute Frau Inge, die 1999 ihrem zunächst zögerlichen Gatten mit erhobenem Zeigefinger unmissverständlich die Marschrichtung wies: „Heinz, hier werden wir tätig!“ Ein Jahr später begann die Sielmann-Stiftung, Flächen in und um Wanninchen zu erwerben, um sie für den Naturschutz zu sichern – insgesamt 3300 Hektar.

Was damals bescheiden anfing, wuchs zu einer Erfolgsgeschichte: die Umwandlung einer Bergbau-Ödnis in eine ökologische Schatzkammer mit Sanddünen und Seen, mit wertvollen Mooren und weitläufigen Feuchtgebieten und mit jeder Menge spezieller Pflanzen und Tiere. Donat kennt alles, was hier kreucht und fleucht – und spürt vieles auf: die Zebraspinne, die eine Art Zickzack-Krawatte in ihr Netz einwebt. Oder den Sandohrwurm, der seine Zange angriffslustig gen Himmel schwingt. Oder die Ödlandschrecke mit so perfektem Tarnanstrich, dass selbst Donat sie am Boden fast übersieht. Oder die Azurjungfern, die Liebesspiel und Zeugungsakt in einer Art Paarungsrad vollziehen, das man sonst nur von Libellen kennt. Und die Tatzenspuren im Sand zeigen, dass auch Wölfe in Wanninchen ihre Heimat gefunden haben.

Donat weist auf Raubvögel wie See- und Fischadler, Turm- und Wanderfalke, Milan, Bussard und Uhu. Er zeigt, wo Uferschwalben an Abbruchkanten nisten, Steinschmätzer auf Sandböden hüpfen und Flussregenpfeifer an Tümpeln. Er erklärt, dass Möwen und Flussseeschwalben bevorzugt auf Inseln brüten und dass in einem der gefluteten Tagebauseen die größte Lachmöwenkolonie Brandenburgs zu Hause ist. Über der Landschaft schweben Kraniche, die für Wanninchen inzwischen zu einer Art Markenzeichen geworden sind. Ihre Hoch-Zeit kommt im Herbst. Dann sammeln sich vor ihrer langen Reise gen Süden bis zu 8000 Kraniche und fliegen zu ihren Schlafplätzen am Schlabendorfer See – mal in kleiner Schar, mal in großer Formation, mal in langer Kette, mal als perfekter Keil. Lautes Geschrei begleitet sie aber immer. „Wir haben hier aber auch ganzjährig vagabundierende Junggesellentrupps“, sagt Ralf Donat. Wie auf Kommando steigt am Waldrand eine Kranichstaffel auf, fliegt übers Wasser und verschwindet hinter den Bäumen.

Die Sanierung der ehemaligen Tagebaue ist noch lange nicht abgeschlossen

Sechs Stunden dauert die Exkursion durch das Naturparkzentrum Wanninchen. Sie führt herum um die Wasserflächen der ehemaligen Tagebaulandschaft. Hinein in die Geschichte des Braunkohlebergbaus und seiner monströsen Hinterlassenschaften. Sie erzählt am Objekt von der umfangreichen Sanierung der Tagebaue, die schon Milliarden verschlungen hat und erst 2027 abgeschlossen werden wird. Wenn alles glatt geht.

Denn die eigentümliche Gegend kommt nicht zur Ruhe. In der schroffen Naturlandschaft lauern Gefahren, vor denen überall nachdrücklich gewarnt wird. Durch den Wiederanstieg des Grundwassers und die Flutungen werden Untergründe aufgeweicht und instabil. Das führt immer wieder dazu, das Gesteinsmassen abrutschen: Böschungen brechen urplötzlich weg, Areale sacken unvermittelt ab, „und plötzlich steht ein Stück Wald eine Etage tiefer“, sagt Donat. Große Teile des Geländes sind folglich gesperrt, selbst Ralf Donat kommt nicht dorthin und muss sich mit Drohnenluftbildern begnügen. Doch das habe auch Vorteile, sagt er. „Natürlich wäre es toll, wenn man überall seine Neugier stillen könnte; andererseits aber kann sich dadurch die Natur an vielen Standorten vollkommen ungestört entfalten.“

Von dem Ort Wanninchen selbst ist seit 1985 nur noch ein einziges Haus stehen geblieben. Es ist heute das Natur-Erlebniszentrum der Heinz-Sielmann-Stiftung. Dazu gehört ein Bienenlehrpfad und ein Findlingsgarten sowie ein Naturspielplatz und ein Aussichtsturm für die Zugvogelspektakel im Herbst. Regelmäßig finden dort Ausstellungen statt, in denen die Besucher mehr über die Tier- und Pflanzenwelt rund um Wanninchen erfahren – und natürlich auch zum Leben von Heinz Sielmann.

Ein paar Schritte nebenan steht Inge Sielmanns Lieblingsbank am Schlabendorfer See. Hier sind Sitzenbleiber erwünscht – allein schon zum Sonnenuntergang, denn dann zeigt sich die ehemalige Bergbau-Ödnis noch einmal von ihrer besonders hübschen Seite.

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