Österreichs Nationaltrainer Ralf Rangnick spricht auf der Pressekonferenz auch über den Bundestrainerposten. Foto: dpa/Christian Charisius

Ralf Rangnick war als Fußball-Bundestrainer im Gespräch, jetzt fordert er die DFB-Elf als Coach der Österreicher – und will als solcher bei der EM in Deutschland weit kommen.

Wenn Österreich gegen Deutschland Fußball spielt, ist die Alpenrepublik im Ausnahmezustand. Sie wird, frei nach der Reporterlegende Edi Finger, narrisch. Zu sehen und zu lesen ist das auch in der Zeitungslandschaft – in der eine Gazette schon am Tag vor dem Spiel mit vier Sonderseiten aufwartete und eine der vielen Geschichten so überschrieb: „Versteh einer die Deutschen“. Zu lesen sind darin flammende Appelle für die österreichischen Fußballbegriffe – und eben nicht die deutschen. Ein Ball also ist bitte kein Ball, sondern die Wuchtel. Ein Beinschuss ist im Leben kein Beinschuss – sondern ein Gurkerl. Und, bitte, wer versteht beim Kreisspiel vor dem Training genau diesen Terminus. Denn das ist doch ganz klar: eine Hösche.

 

Aus Backnang in die Fußballwelt

Ob Ralf Rangnick, 65, vor dem großen Testspiel an diesem Dienstag im Wiener Ernst-Happel-Stadion gegen die DFB-Elf (20.45 Uhr/ZDF) Zeit hat, um sich mit der Lektüre solcher Gschichterl in seiner Wahlheimat weiterzubilden, ist nicht überliefert. Erwartungsgemäß ging es bei der Pressekonferenz Rangnicks am Montagmittag in den Katakomben des Happel-Stadions eher um Sportliches. Und, na klar, zuvorderst auch um ihn selbst. Denn, ebenso klar: Für den gebürtigen Backnanger, der einst bekanntlich beim VfB Stuttgart seine Trainerspuren hinterließ und dann in die Fußballwelt zog, ist die Partie gegen die DFB-Elf eine besondere, und das nicht nur aus einem Grund.

Als deutscher Trainer geht es gegen Deutschland, das ist schon speziell. Dann geht es zufällig auch noch gegen den Trainerkollegen namens Julian Nagelsmann, dessen großer Förderer Rangnick einst war. So holte Rangnick Nagelsmann im Jahr 2019 zu RB Leipzig, auch vorher bei der TSG Hoffenheim hatte es einige Berührungspunkte gegeben. Und obendrein ist es ja nicht so, dass Rangnick nicht schon mal als deutscher Bundestrainer im Gespräch gewesen ist.

Rangnick wollte zum DFB

Zuletzt war das nach dem Achtelfinal- K.-o. gegen England bei der EM 2021 so, als es darum ging, einen Nachfolger für Joachim Löw zu finden. Rangnick formulierte damals offen sein Interesse, doch der damals beim DFB allmächtige Direktor Oliver Bierhoff wollte lieber keine Macht an Rangnick abgeben, weshalb die Wahl dann auf Hansi Flick fiel. Auf einen Konsenskandidaten also, der die bequemste Lösung darstellte. Vor allem für Bierhoff, der so keine Revolution à la Rangnick befürchten musste. Tempi passati – aber bei Rangnick wahrscheinlich noch nicht vergessen. Er würde es öffentlich ja nie so sagen. Aber zeigen will er es den Deutschen respektive dem DFB jetzt schon.

Um 13.15 Uhr also betritt Rangnick am Montag das Pressepodium in einem eher schmucklosen Raum des Wiener Stadions. Die Sonne strahlt ein bisschen herein und verleiht dem tristen Rahmen im kleinen Kabuff etwas Glanz. Apropos Glanz: Auch 14 Fernsehkameras, die ordnungsgemäß leuchten, sorgen dafür, dass Rangnick vorne auf dem Podium in einem dem nahenden Ereignis angemessenen Licht sitzt.

Der Groll ist zu spüren

Wie oft er gefragt wurde in den vergangenen Tagen, ob das Spiel gegen die Deutschen ein besonderes für ihn ist, wird Rangnick als Erstes gefragt. Die Antwort? Ein Wort! „Oft“, sagt der Trainer. Dann legt er eine Künstlerpause ein, Rangnick sagt nichts mehr – und hat die Lacher damit auf seiner Seite.

Ernster wird es, als es um das mögliche Engagement als deutscher Bundestrainer im Sommer 2021 geht. Keine Gespräche mit dem DFB habe es gegeben, zu keinem Zeitpunkt, sagt Rangnick schmallippig. Er freue sich jetzt „mega“ auf die EM im Sommer mit Österreich. Punkt. Aus. Schluss. Mit wenigen Worten einen gewissen Groll auszudrücken, das hat Rangnick in dem Fall geschafft.

Viel lieber als über den DFB spricht der Backnanger Fußballlehrer generell wenig überraschend über sein Engagement in Österreich, wo er die Qualifikation für die EM souverän geschafft hat. Wie schon bei seinen früheren Vereinsstationen bei der TSG Hoffenheim oder bei RB Leipzig darf sich auch der Nationalcoach Rangnick nun als eine Art Baumeister betätigen, der sich neben der Trainerarbeit um Dinge wie die Talentförderung oder Sichtungslehrgänge kümmert.

Spielstil mit Bullen-Prinzip

Sein Spielstil erinnert stark an die berühmten Red-Bull-Prinzipien, die ja dank der Stabsstelle in Salzburg und etlicher Österreicher, die schon mal dort oder in Leipzig gekickt haben, bekannt sind im Kreis der Nationalelf. Mit Mut und Intensität, mit Tempo und schnellem Umschalten im Angriff, so lässt Rangnick spielen. Und so will er bei der EM zum Erfolg kommen. Er sagt: „Ich bin davon überzeugt: Wenn wir alle Mann an Bord haben, brauchen wir uns nicht nur vor niemandem zu verstecken, dann können wir auch gegen jeden gewinnen.“

Führungsspieler wie David Alaba, Marko Arnautovic und Marcel Sabitzer sollen dabei vorangehen – auch an diesem Dienstag gegen die DFB-Elf, auf deren Trainer Nagelsmann sich Rangnick freut. „Wir hatten immer wieder Kontakt die vergangenen Jahre“, sagt der Coach der Österreicher am Montag noch. Nun können sich die beiden am Spieltag austauschen – vorher verteilt Rangnick ein Lob: „Deutschland hat die Chance, eine richtig gute EM zu spielen – weil sie ein gutes Spielermaterial, aber mit Julian auch einen absoluten Toptrainer haben.“