Natascha Kampusch wird in sozialen Medien und Online-Foren oft beschimpft und beleidigt. Foto: AFP/JOE KLAMAR

Natascha Kampusch (31) wurde als zehnjähriges Mädchen entführt. Achteinhalb Jahre später befreite sie sich aus der Gefangenschaft. Im Interview spricht sie über ihre Erfahrungen nach ihrer spektakulären Flucht und prangert Cybermobbing an.

Stuttgart - In einem der spektakulärsten Entführungsfälle weltweit konnte die heute 31-jährige Österreicherin Natascha Kampusch 2006 nach achteinhalb Jahren Gefangenschaft ihrem Peiniger entkommen. In der Zeit danach war sie Anfeindungen, Beleidigungen und Unterstellungen ausgesetzt, vieles davon im Internet. Die Themen Cybermobbing und Hass im Netz liegen ihr deshalb am Herzen. Im Interview spricht sie über das Trauma nach dem Trauma.

Frau Kampusch, wie haben Sie die Zeit nach Ihrer Selbstbefreiung 2006 erlebt?

Nachdem ich diese schlimme Zeit der Isolation endlich hinter mir hatte, fand ich mich in einer Welt aus vielen habgierigen, sensationslüsternen und unempathischen Menschen wieder, die mit meinem Schicksal Geld verdienen wollten.

Wie sah das aus?

Ich wollte durch meine Präsenz in der ­Öffentlichkeit zur Aufklärung beitragen, habe mir viel Zeit genommen, und dann sind mir einige in den Rücken gefallen. Hauptsache, eine gute Story. Es gab Leute, die Bücher über mich schreiben wollten, mit denen ich noch nie gesprochen habe.

Es rankten sich viele Verschwörungstheorien und Gerüchte um Ihren Fall. Wie erklären Sie sich das?

Das hatte zum einen mit der Reserviertheit meiner Mutter zu tun. In der Zeit, in der ich verschwunden war, hat sie in Interviews oft kühl und zurückhaltend gewirkt, weil sie einfach so in Angst und im Schockzustand war. Die Leute haben das als kalte Souveränität ausgelegt und ihr unterstellt, dass sie mich selbst getötet und irgendwo vergraben hätte.

Auch Ihnen hat man unterstellt, Sie hätten Ihre Entführung erfunden. Wie sind Sie damit umgegangen?

Ein Journalist hat einmal zu mir gesagt: „So wie Sie auftreten und wie Sie wirken, kaufe ich Ihnen einfach nicht ab, dass sie entführt wurden. Da ist man doch anders.“ Das war schrecklich. Mit solchen bösen Unterstellungen umgehen zu lernen war hart und hat mich oft aus dem Ruder gebracht. Ich habe viel an mir und der Situation gearbeitet und versucht, mich zu distanzieren. Zwischen dem, was die Leute in einem sehen wollten, und dem, wie man sich selbst sah, lag oft eine Diskrepanz.

Hatten Sie psychologische Hilfe?

Ja, immer wieder in den Jahren danach. Und das Interessante daran ist, dass die Psychologen und Psychiater, zu denen man mich nach meiner Befreiung teilweise gedrängt hat, mir persönlich gar nicht so viel geholfen haben. Meine Entführung habe ich, so seltsam das klingt, bereits während der Isolation aufgearbeitet. Ich hatte ja viel Zeit zum Nachdenken. Später bin ich zu einer Traumapsychologin gegangen, die mir geholfen hat, mit den schlechten Erfahrungen nach meiner Befreiung umzugehen.

Sie waren Opfer von Cybermobbing. War das der Antrieb für Ihr neues Buch?

Ja, auf jeden Fall. Ich habe mich immer gefragt, warum mich die Leute nicht in Ruhe lassen können und warum es nicht verhindert oder verboten wird, wenn jemand Scheußlichkeiten im Netz verbreitet. Es hat sich zwar einiges getan, aber es ist mir wichtig, die Leute darauf aufmerksam zu machen. Ich empfinde es mit meiner Geschichte als Verantwortung, zur Aufklärung beizutragen.

Sie wollten schon immer Autorin werden und hatten viele Pläne für Ihr Leben. War das eine gedankliche Flucht, um in der Isolation nicht verrückt zu werden?

Man ist eingesperrt und denkt, was man in der Zeit alles hätte machen können. Zu Beginn habe ich mich oft gefragt, was die anderen in der Klasse jetzt machen, wie weit sind sie, ob sie wohl gerade einen Aufsatz schreiben. Irgendwann habe ich mich gefragt, was sie jetzt wohl arbeiten. Ich wollte schon als Mädchen immer produktiv sein und konnte es nie erwarten, irgendetwas aus meinem Leben zu machen.

Wie sind Sie so optimistisch geblieben?

Es war schon eine Resignation da. Natürlich hat man immer wieder das Gefühl, dass niemand mehr nach einem sucht und man vielleicht für tot erklärt wurde. Es macht eh vieles keinen Sinn mehr. Ich hatte trotzdem immer diesen Gedanken an meine Mama und was sie wohl gerade macht. Ich glaube, das war eine Art Gedankenübertragung. Ich habe oft diese Durchsetzungskraft, die Energie und den Mut gespürt, was sie auch alles hat. Nach meiner Befreiung habe ich erfahren, dass sie oft vor meinen Fotos gesessen und mir gedanklich Mut zugesprochen hat. Ich habe das einfach gespürt.

Wie war das, als Sie Ihre Mutter das erste Mal wiedergesehen haben?

Das war sehr seltsam. Schließlich hatte ich sie so in Erinnerung wie achteinhalb Jahre zuvor. Ich wusste ja immer, dass ich noch lebe. Aber bei meiner Mutter kam ja zu der Trennung dazu, dass sie ständig Angst um mich hatte und nicht wusste, was mir zugestoßen war. Das hat mir dann schon sehr wehgetan zu sehen, wie das an ihr gezehrt hat. Es war trotzdem vom Gefühl her so, als wäre keine Zeit vergangen.

Gefangenschaft, Flucht und Mobbing im Netz

Die Österreicherin Natascha Kampusch (31) war als Zehnjährige auf dem Schulweg entführt und mehr als acht Jahre lang in einem Keller gefangen gehalten worden. Im August 2006 gelang der damals 18-Jährigen die Flucht. Wenige Stunden später brachte sich der Entführer um. Natascha Kampusch arbeitet heute als Schmuckdesignerin und Autorin. Sie moderierte 2008 eine eigene Talkshow. 2010 veröffentlichte sie eine Autobiografie mit dem Titel „3096 Tage“. Sechs Jahre später brachte sie ihr zweites Buch heraus. Es heißt „Natascha Kampusch: 10 Jahre Freiheit“. In ihrem am Mittwoch erschienenen dritten Buch „Cyberneider. Diskriminierung im Internet“ teilt Kampusch ihre Erfahrungen und fordert härtere Strafen für Cybermobber. Ihr schwebt eine international agierende „Internet-Polizei“ vor, die sofort eingreifen und Betroffenen helfen soll.

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