Die Nachtwanderer suchen gezielt die Gespräche mit den Jugendlichen Foto: Wiebke Wetschera

Die ehrenamtlichen Nachtwanderer von Filderstadt wollten eigentlich mit Jugendlichen ins Gespräch kommen. Doch sie treffen immer seltener auf junge Leute. Das hat aus Sicht der Jugendlichen einen traurigen Grund.

Filderstadt - Zwei Männer und eine Frau in roten T-Shirts laufen in der Abenddämmerung durch den Park am Fleinsbach. Es sind die Nachtwanderer aus Filderstadt. Auf einer Bank sitzt eine Gruppe Jugendlicher. Die Nachtwanderer sprechen sie an. Erst sind die Jugendlichen skeptisch, doch dann kommen sie ins Gespräch. „Wir wollen für die Jugendlichen Ansprechpartner sein, die sie respektieren und nicht mit erhobenem Zeigefinger auf sie zugehen“, sagt später Elke Augustin.

Vor fünf Jahren hat Jutta Grillhiesl vom Referat für Bürgerbeteiligung und Stadtentwicklung die Nachtwanderer ins Leben gerufen. Der Arbeitskreis Suchtprävention suchte für das Projekt nach engagierten Bürgern. Nach kurzer Zeit hatte sich eine Gruppe von zwölf Ehrenamtlichen zusammengefunden. „In der Anfangsphase haben wir manchmal Gruppen von bis zu 80 Jugendlichen angetroffen“, berichtet Grillhiesl.

Die Nachtwanderer waren in den Wintermonaten von 20 Uhr an und in den Sommermonaten von 21 Uhr an unter anderem in Bernhausen, Bonlanden, Sielmingen und Plattenhardt unterwegs. Zu Beginn wurden sie von Hajo Zimmermann, der die mobile Jugendarbeit in Filderstadt macht, begleitet: „Ich war am Anfang viel dabei, um die Kontakte zu den Jugendlichen zu knüpfen“, so Zimmermann. „Es ist einfacher, wenn sie schon jemanden kennen.“

Es fehlen die Jugendlichen

Seit damals hat sich allerdings einiges verändert. „Die Jugendlichen sind mittlerweile auch erwachsen geworden und viel mobiler“, sagt der Nachtwanderer Udo Lamczak. Den Bedarf, dass die Nachtwanderer Freitag- und Samstagnacht herumlaufen, gebe es mittlerweile nicht mehr. Vor einem Jahr haben die Nachtwanderer deshalb ihre nächtlichen Streifzüge eingestellt. „Die Zahl der Jugendlichen hat einfach abgenommen“, sagt Grillhiesl. „Das hängt sicher mit vielen Einwohnerbeschwerden zusammen, aber auch mit dem Generationenwechsel.“ Dadurch habe sich das Freizeitverhalten geändert, und viele der Jugendlichen seien nachts nicht mehr so oft draußen, so Grillhiesl.

„Die allgemeine Problematik hier ist einfach: Schafft für die Jugendlichen einen Platz, aber nicht bei mir“, sagt Lamczak. Die Stadt suche ständig nach Plätzen für die Jugendlichen, allerdings sei das oft schwierig. So wurde die Grillstelle am Bärensee vor fünf Jahren vom Jugendgemeinderat erneuert, allerdings ist diese eher ein Ausflugsziel für Familien geworden. „Da kommen unsere Jugendlichen gar nicht so einfach hin, weil es mitten im Wald ist“, sagt Lamczak. Und auch auf dem Schulhof der Seefälle-Realschule in Bonlanden sind die Jugendlichen mittlerweile nicht mehr gerne gesehen. „Das war lange Zeit ein Treffpunkt für viele Jugendliche“, sagt Lamczak. „Bis dort mal ein paar eine Sauerei hinterlassen haben und die Schulleitung das dann nicht mehr wollte.“ Seitdem hängen rund um die Schule Schilder, die den Aufenthalt in den Abendstunden verbieten.

Suche nach passenden Plätzen

„Die Jugendlichen mögen am liebsten Plätze wo Bänke stehen, auf die sie sich setzen können“, sagt Elke Augustin. So beispielsweise am Fleinsbach, wo der Park einige Sitzgelegenheiten bietet. Das Problem dabei: Direkt am Park stehen Wohnhäuser. „Nach einigen Anwohnerbeschwerden wurden dann mehrere Bänke abgebaut und auch Tischtennisplatten entfernt, damit es für Jugendliche unattraktiv wird“, sagt Augustin. Trotzdem sitzen an diesem Abend einige Jugendliche auf den Bänken am Fleinsbach. „Es gibt für uns so wenig Möglichkeiten“, sagt Nick. „Hier sind zwar Bänke, aber die Anwohner beschweren sich immer.“ Auch sein Freund Benjamin bemängelt die fehlenden Plätze für Jugendliche: „Bestimmte Plätze für uns gibt es eigentlich nicht. Vor allem in Bernhausen ist nicht viel los“, sagt der 16-jährige Benjamin. Beide würden sich mehr Angebote für die Jugendlichen wünschen.

„Meiner Meinung nach haben die Jugendlichen mit ihren Beschwerden absolut recht“, sagt auch Florian Wußmann vom Jugendgemeinderat Filderstadt. „Es gibt in Filderstadt einfach nicht viele Plätze, an denen sich die Jugendlichen treffen können.“ Obwohl das Problem eines der Hauptthemen ist, seitdem es den Jugendgemeinderat (JGR) gibt, haben die Mitglieder derzeit noch keine konkreten Pläne, wie die Situation der Jugendlichen in und um Filderstadt verbessert werden kann. „Uns fehlt eine Vision, weil unsere Ideen natürlich auch immer mit hohen Investitionskosten verbunden sind“, sagt Wußmann. Deshalb strebt der JGR eine Zusammenarbeit mit dem Gemeinderat an. „Dass sich da kurzfristig nichts ergeben wird, ist uns klar. Aber wir würden gerne mittelfristig etwas erreichen“, sagt Wußmann.

Langfristig ist eine Verbesserung geplant

Die obersten Ziele für eine Kandidatur beim JGR ist die Motivation, mehr Plätze für Jugendliche zu ermöglichen. Und auch viele Jugendliche tragen den Wunsch nach Treffpunkten an die Mitglieder. Treffpunkte wie das Jugendzentrum seien zwar gut, aber „das ist dann immer direkt mit einer Beaufsichtigung verbunden“. Trotz des Generationswechsels sieht Wußmann das Anliegen als wichtig an: „Die Leute freuen sich immer noch über Fußballplätze oder Parks, aber es geht einfach darum, mal gemütlich mit den Freunden zusammensitzen zu können“, sagt Wußmann.

Dabei ist es dem JGR nicht nur ein Anliegen, Plätze draußen zu schaffen, sondern auch andere Treffpunkte wie beispielsweise ein Jugendcafé. „Wir stellen uns nicht nur Treffpunkte draußen vor, sondern was mit Dach, Tür und Fenster wäre ja auch wünschenswert.“ Sollte es in Zukunft wieder mehr Plätze in Filderstadt geben, die die Jugendlichen zum gemeinsamen Zusammensitzen einladen, dann würden auch die Nachtwanderer wieder jemanden antreffen. Um an den Orten, wo die Jugendlichen nicht beaufsichtigt werden, Ansprechpartner auf Augenhöhe zu sein.

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