Ob nach den Krawallen das nächste Eritrea-Fest zum Jahrestag des Regimes in Zuffenhausen stattfinden wird, ist noch unklar. Für die Polizei gibt es aber ein aktuelles Lehrstück aus der Schweiz.
Die Stuttgarter Polizei wird mit einem deutlich größeren Aufgebot ins Wochenende starten – mit Einsatzgebiet besonders in Zuffenhausen. Ob das Fest der regimetreuen Eritreer zum Jahrestag dort stattfinden wird, steht zwar noch nicht endgültig fest. „Wir bereiten uns aber vor – unabhängig, ob es nun stattfindet oder nicht“, sagt der Stuttgarter Polizeisprecher Stephan Widmann auf Anfrage unserer Zeitung.
Nach den Krawallen am vergangenen Samstag am Cannstatter Römerkastell mit 31 verletzten Beamten und 228 festgestellten Tatverdächtigen wegen Landfriedensbruchs steht nun Ordnungsbürgermeister Clemens Maier in der Verantwortung. Er soll den möglichen nächsten Konflikt an diesem Samstag verhindern. Der Verband der eritreischen Vereine in Stuttgart und Umgebung, der das Regime von Isayas Afewerki in der Heimat unterstützt, will in Zuffenhausen den Jahrestag 1. September 1962 feiern – als der Krieg der Unabhängigkeit von Äthiopien begann.
Der Ordnungsbürgermeister soll’s richten
Das Ereignis führt immer wieder zu Zusammenstößen mit Gegendemonstranten, unter denen auch massiv gewaltbereite Tätergruppen sind, die rigoros gegen Polizeikräfte vorgehen. Nun soll Bürgermeister Maier an die Vernunft appellieren – auch an die Vernunft der Veranstalter, die einen städtischen Mietvertrag für die Turn- und Versammlungshalle in Zuffenhausen am Samstag haben. „Er führt Gespräche mit der Polizei und dem Veranstalter, wie die Gefährdungslage aktuell einzuschätzen ist“, sagt Stadtsprecher Harald Knitter.
Am Ende soll beurteilt werden, ob es „unter den Bedingungen möglich beziehungsweise sinnvoll ist, die für Samstag geplante Veranstaltung stattfinden zu lassen“, so Knitter. Auch die Abteilung Integrationspolitik ist in diplomatischer Mission unterwegs. Es sei angesichts der „ersichtlichen Zeitfolge der Gespräche“ nicht zu erwarten, dass es schnell eine eindeutige Weichenstellung gebe, so Knitter.
Wie ein Festival in der Schweiz abgesagt wurde...
Die Polizei, die Vorbereitungszeit zur Bestellung auswärtiger Kräfte braucht und mit einer Ermittlungsgruppe Asmara die Ereignisse aufbereitet, hat sich am Dienstag entschieden, lieber auf Nummer sicher zu gehen. Dabei zeigt ein Blick in die Schweiz, dass dies durchaus sinnvoll sein kann. Nicht nur, weil an den Stuttgarter Krawallen 63 aus der Schweiz eingereiste Eritreer beteiligt gewesen sein sollen.
Am 2. September sollte in der Gemeinde Oberuzwil im Kanton Sankt Gallen in der Ostschweiz ein Eritrea-Festival zum Jahrestag stattfinden. Der Vermieter der Kulturstiftung zur „Alten Gerbi“ wie auch der Veranstalter verwiesen laut Medienberichten zunächst darauf, dass bisher nie etwas passiert sei. Die Kantonspolizei hatte groß angelegte Fahrzeug- und Personenkontrollen gestartet und Gegendemonstranten abgewiesen. Die dann doch kurzfristige Absage des Festivals mochten Gegendemonstranten gar nicht glauben – und zogen zu Hunderten doch vor den Veranstaltungsort.
...und es wenig später anderswo Krawalle gab
Die Ausschreitungen zwischen den verfeindeten Lagern fanden dennoch und anderswo statt – eine Autostunde und 60 Kilometer entfernt im Glattpark in Opfikon im Kanton Zürich. Mehrere Hundert Personen gingen am Abend mit Fäusten und Stöcken aufeinander los, es gab zwölf Verletzte und drei Festnahmen. Die Polizei brauchte zwei Stunden, um die Lage zu bereinigen.
Ob die Schweizer Beteiligten in Teilen nun auch in Stuttgart unterwegs gewesen sind, ob es Überschneidungen oder gar Hinweise gibt, dass sich nun auch regimetreue Schlägertrupps wie Eri Blood zur Revanche aufgerufen fühlen könnten – darüber hat die Stuttgarter Polizei bisher offenbar keine Erkenntnisse. Die Auswertung der Videoaufnahmen beansprucht viel Zeit und Personal. Wie gut oder schlecht die Ermittler-Verbindungen in die Schweiz sind – auch darüber machte ein Polizeisprecher auf Anfrage „keine Angaben“.
Anmerkung: In früheren Versionen des Berichts ist von der Robert-Bosch-Schule als Austragungsort in Zuffenhausen die Rede gewesen. Die städtische Turn- und Festhalle nebenan hat allerdings nichts mit der Schule zu tun.