Die Esslinger Dragqueen Veronica Mont Royal ist beim CSD als Moderatorin auf dem Marktplatz aufgetreten. Sie erklärt, warum ein Christopher Street Day auch in Esslingen wichtig für die lokale LGBTQIA+-Szene ist. Und wie sie den Tag erlebt hat.
Kunstvolles Make-up, große Mähne, ein glitzerndes figurbetontes Kleid, High Heels zur ohnehin stolzen Größe von mehr als 1,80 Meter: Die Dragqueen Veronica Mont Royal ist eine auffällige Erscheinung. Doch in ihrer Heimatstadt Esslingen konnte sie bislang nur in kleinem Rahmen auftreten. Am Samstag stand sie beim Christopher Street Day (CSD) erstmals auf der großen Bühne des Marktplatzes. Ein wichtiger erster Schritt für die lokale LGBTQIA+-Szene (kurz für Lesben, Schwule, bi-, trans-, queer-, inter-, asexuelle Menschen und mehr), wie sie sagt.
Sie sind seit 4,5 Jahren Dragqueen. Was reizt Sie daran?
Viele Leute denken, Drag hat etwas mit Sexualität zu tun. Dabei ist es eine Kunstform. Für mich ist es wie Theater spielen. Ich schlüpfe in eine Rolle und lege sie aber auch wieder ab, um in mein alltägliches Leben als Mann zurückzukehren. Es geht nicht darum, gerne in Frauenkleider zu schlüpfen, weil man sich darin wohl fühlt und man sich so zeigen möchte. Für mich ist die Herausforderung entscheidend, meine männliche Form in die weibliche Hülle zu packen. Und das politische Statement dahinter.
Was ist das politische Statement?
Wenn man an 69 zurück denkt, an Stonewall, dann waren an vorderster Front auch Dragqueens und transsexuelle Frauen. (Im Juni 1969 wehrte sich die New Yorker LGBTQIA+-Szene in Unruhen rund um das Lokal Stonewall Inn in der Christopher Street gegen brutale Razzien der Polizei, Anm. d. Red.) Ich finde es nach wie vor wichtig, dass wir in unserer Kunst verstanden werden. Das bedeutet, dass wir auf der einen Seite tolles Entertainment liefern können. Aber es geht auch darum, sich zu zeigen. Das ist heute besonders wichtig. In einigen US-Bundesstaaten gibt es Bestrebungen, Drag in der Öffentlichkeit zu verbieten. Hierzulande haben sich CSU und AfD an Drag-Lesungen gestört. Wir müssen uns zeigen und sagen: Wir sind hier und wir sind wichtig.
Was bedeutet der CSD in Esslingen für Sie als Dragqueen?
Für mich ist wie gesagt entscheidend, dass wir unsere Sichtbarkeit erhöhen. Es gibt schließlich in jeder Stadt auf der ganzen Welt eine LGBTQIA+-Szene. Zwar gab es schon kleinere Veranstaltungen in Esslingen, beispielsweise eine Dragshow im Komma vor ein paar Jahren. Und es zeigen sich immer wieder Leute aus Esslingen beim CSD in Stuttgart. Aber wir haben auch einen Platz in dieser Stadt. Ob schwul, lesbisch, bisexuell transsexuell, wir sind auch Bürger dieser Stadt. Deswegen ist es mir besonders wichtig, dass es einen CSD auch in Esslingen gibt.
Drag ist in den vergangenen Jahren ein stückweit im Mainstream angekommen. Es gibt Sendungen bei Streaming-Diensten und im Fernsehen. Wie hat das Ihr Leben verändert?
Ich umgebe mich nur mit Leuten, die mich akzeptieren. Ich habe von niemandem Ablehnung. Die meisten finden toll, dass ich Drag mache. Aber auf der anderen Seite wurden in einigen Städten zuletzt Ankündigungsplakate für den örtlichen CSD runtergerissen, beispielsweise in Herrenberg oder Pforzheim. Wie auch bei anderen Drag-Veranstaltungen. Die Leute fragen: Warum braucht es auch noch einen CSD in Esslingen, da es doch einen in Stuttgart gibt. Deswegen! Wir müssen zeigen, dass wir da sind und uns nicht wegradieren lassen.
Wie geht es Ihnen nach dem CSD?
Ich bin total beschwingt. Es war ein anstrengender, aber wunderschöner Tag, erfüllt von positiver Energie. Meinem Eindruck nach, haben wir nur positive Reaktionen bekommen, es ist alles friedlich verlaufen. Schön zu sehen, dass alle miteinander gefeiert haben. Schön zu sehen, dass es uns gelungen ist, Esslingen für einen kurzen Moment zum Stillstand und alle Farben in die Stadt zu bringen. Schön, dass wir alle mitgenommen haben, Kinder, Erwachsene und vor allem auch ältere Menschen. Wir vom Organisationsteam freuen uns alle auf den nächsten CSD, voller Tatendrang.
Was erhoffen Sie sich für die Zukunft in Esslingen?
Ich finde, Esslingen macht einen guten Job beim Versuch, alle Bürger zu repräsentieren. Ich würde mir aber noch mehr Präsenz beim Thema Sexualität wünschen, dass wir mehr Raum bekommen, es mehr LGBTQIA+-freundliche Orte gibt und zwar nicht nur im Verborgenen.