Während draußen Hofgang herrscht, sitzen ein paar muslimische Häftlinge in einem kargen Raum im Stammheimer Gefängnis, um sich mit dem Islam zu befassen. Foto: dpa

Islamistische Gruppen versuchen überall, neue Anhänger zu gewinnen – auch in Haftanstalten. Die Angst vor der Radikalisierung in Gefängnissen wächst auch in Baden-Württemberg. Muslimische Seelsorger könnten helfen, das zu verhindern – nur gibt es kaum welche.

Stuttgart - Der Gesang des Imams erfüllt den kleinen, kahlen Raum. Die Männer haben ihre Augen geschlossen und die Köpfe gesenkt. Nur ab und an blicken sie kurz nach draußen – dort ist gerade Hofgang. Die klingenden, arabischen Verse lassen vergessen, wo man hier ist. Fast verschwinden die Gitter vor den kleinen Fenstern und die hohen Mauern mit Stacheldraht dahinter. Nur zwei Männer sind heute zur islamischen Religionsstunde in der Haftanstalt in Stuttgart-Stammheim gekommen. „Die Veranstaltung war nicht angekündigt“, sagt Mehmet Ates (Name geändert). Er will die Zeit nutzen, sich der Religion zu widmen – das sei sonst kaum möglich hier, sagt er.

Rund 6500 Häftlinge sitzen in baden-württembergischen Justizvollzugsanstalten (JVA) – fast 20 Prozent davon sind Muslime. Während es in den 17 Gefängnissen des Landes 24 fest angestellte christliche Seelsorger gibt, ist muslimische Gefängnisseelsorge bislang nicht institutionalisiert. Oft stellen Haftanstalten nur vereinzelt Kontakt zu muslimischen Geistlichen her, zum Beispiel über den Dachverband Türkisch-Islamische Union der Anstalt für Religionen (Ditib). Oder Imame türkischer Gemeinden kommen für wenige Stunden pro Woche in die Gefängnisse. Christliche Seelsorger werden wie höhere Staatsbeamte bezahlt, die Hodschas – eine Anrede für Lehrer – dagegen werden von den muslimischen Religionsgemeinschaften finanziert oder schlicht vom türkischen Staat.

So wie Abdulkadir Kartal: Er hat in der Türkei Theologie studiert, wurde dort zum Imam ausgebildet und ist für ein paar Jahre in Deutschland, bezahlt vom türkischen Generalkonsulat. Alle zwei Wochen kommt er mittwochs für eine Stunde in die JVA Stammheim, um mit Gefangenen über den Islam zu sprechen. Es ist eine Art Religionsstunde, die er gibt, eine Gruppenstunde. Zeit für individuelle Seelsorge oder Diskussionen gibt es kaum.

Dabei wächst die Sorge vor der Radikalisierung junger Muslime in den Gefängnissen auch hierzulande – nicht zuletzt seit bekanntwurde, dass die Attentäter von Paris, Kopenhagen oder Toulouse ihr extremes Gedankengut erst im Gefängnis entwickelten. Der bayerische Verfassungsschutz hat in der Vergangenheit mehrfach gewarnt, dass salafistische Gruppen Gefangene gezielt dazu aufrufen, Mithäftlinge anzuwerben – sogar Handbücher gibt es dazu. Niedersachsens Justizministerin hat deshalb bereits im ­vergangenen Jahr offiziell muslimische Seelsorger und Seelsorgerinnen für nahezu jedes Gefängnis im Land berufen und zahlt eine Aufwandsentschädigung. Auch Hessen stellt eigenständige Mittel für muslimische Gefängnisseelsorge bereit.

In Baden-Württemberg sehe man nur bei vier Gefangenen radikalislamisches Gedankengut, hatte Justizminister Rainer Stickelberger vor kurzem versichert. Bislang gebe es auch keinerlei Anhaltspunkte für islamistisch-salafistische Netzwerke in den Anstalten. Mit der Rückkehr von verurteilten Dschihadisten aus Syrien und dem Irak könne sich das aber ändern. „Ich würde es sehr begrüßen, wenn wir mehr Imame als Ansprechpartner hätten“, sagt Stickelberger. Finanzielle Mittel gibt es hierfür bislang allerdings keine – mit dem nächsten Haushalt könne sich das aber ändern, heißt es aus dem Justizministerium.

Im kleinen Gefängnisraum zitiert der Imam Suren aus dem Koran – auf Türkisch. Man solle nicht töten, sich nicht dem Rausch hingeben und nicht nach dem Hab und Gut anderer trachten. Es geht um Erlaubtes und Unerlaubtes heute. Weil Kartal selbst kaum Deutsch spricht, übersetzt Mehmet Ates mal ins Deutsche, mal auch ins Arabische, denn sein Mithäftling Said Amsif (Name geändert) ist aus Marokko und versteht kein Türkisch.

Seit vier Jahren kommt Kartal regelmäßig in die JVA Stammheim. Er ist überzeugt, dass muslimische Gefängnisseelsorge dazu beitragen kann, extremen Glaubensrichtungen oder der Radikalisierung von Muslimen hinter Gittern vorzubeugen. „Junge, muslimische Häftlinge haben oft den Kürzeren gezogen im Leben oder wurden in Deutschland als Bürger zweiter Klasse behandelt. Sie sind wütend, haben Rachegefühle“, sagt Kartal. Radikale Organisationen würden genau hier ansetzen und versuchen, das Vakuum zu füllen, das vor allem bei jungen, orientierungslosen Muslimen entstehe.

Umso wichtiger sei es, dass gemäßigte Imame und Seelsorger eingreifen: „Wir versuchen die Fehlinformationen, die radikale Gruppen den jungen Muslimen einimpfen, zu korrigieren.“ Nur mit theologisch-fundierten Argumenten könne man „die zurückholen, die im Zwiespalt sind“, sagt Kartal. Und: Religion werde instrumentalisiert, und darunter leide auch und vor allem die muslimische Gemeinschaft – eigentlich sei der Islam eine friedliche Religion, erklärt er. Er würde nur oft falsch interpretiert.

Der Imam hat Beispiele von Radikalisierung selbst erlebt und auch, dass sich Betroffene nach langer Überzeugungsarbeit wieder von islamistischen Ideen distanziert haben. „Ich konnte zeigen, dass der Islam es nicht befürwortet, anderen Menschen etwas anzutun, geschweige denn zu töten“, sagt Kartal. Verbände wie Ditib fordern daher seit langem, dass muslimische Gefangene eine bessere religiöse und seelsorgerische Betreuung bekommen – so, wie das auch christlichen Gefangenen zusteht. „Viele Jugendliche kennen sich mit der Religion gar nicht aus – sonst würden sie anders handeln“, sagt Ali Ipek, Vorsitzender der baden-württembergischen Ditib. „Professionelle Seelsorger können das ändern. Das wäre ein präventiver Ansatz.“

Viel reden die beiden Häftlinge während der Religionsstunde hinter Gittern nicht – nicht über Persönliches zumindest. Kurz beklagen sie sich, dass sie im Knast nicht vorschriftsgemäß essen können – also „halal“. Ob die rezitierten Koransuren über Verbotenes und Vernunft sie zum Nachdenken anregen, ist schwer zu erkennen. Auch nicht, ob in so einer Stunde deutlich würde, wenn bei einem der Häftlinge radikale Ideen entstünden. Sie seien ja nur kleine Verbrecher und nur für ein paar Monate hier, sagen die Männer, die in ihren blauen Knastpullis meist nur stumm nicken, wenn der Imam spricht. Welche Inhalte ein Imam im Gefängnis vermittelt oder ob er selbst gar eine Gefahr darstellt, ist für JVA-Mitarbeiter und Justizministerium oft schwer erkennbar: „Was genau gesprochen wird, können wir nicht immer einschätzen“, sagt Rüdiger Wulf, Ministerialrat im Justizministerium des Landes. Damit die Gefängnisseelsorge nicht im Widerspruch zu Grundgesetz und freiheitlich-demokratischen Werten steht, werden alle Imame einer Personenüberprüfung unterzogen. „Auf Glaubensfragen nehmen wir keinen Einfluss. Wir können und wollen nur die Rahmenbedingungen bestimmen.“

Gerade hier aber liegen auch die Schwierigkeiten: Vorgaben, welche Inhalte ein Imam im Gefängnis vermitteln kann, gibt es nicht, ebenso wenig wie eine einheitliche Lehre der Religionsgemeinschaften. „Auf der islamischen Seite haben wir keine Institutionen, die so verfasst sind wie unsere christlichen Kirchen“, sagt Wulf. „Mit wem sollen wir also eine Vereinbarung schließen?“ Umso wichtiger sei es, Imame zu finden, die zumindest „hier sozialisiert sind, Deutsch sprechen, gemäßigte, politische Überzeugungen haben, die sie verbreiten“.

Ein erster Schritt ist die Ausbildung von Imamen an deutschen Universitäten wie in Münster oder Tübingen. Seit dem vergangenen Jahr gibt es im Land außerdem ein Ausbildungsprogramm für ehrenamtliche muslimische Seelsorger – auf Deutsch. Entwickelt wurde es vom Mannheimer Institut für Integration und Interreligiösen Dialog. Läuft alles wie geplant, könnten die ersten islamischen Seelsorger im Jahr 2016 ausgebildet sein. Allerdings: Auch sie werden weiter von den muslimischen Glaubensgemeinschaften finanziert.

Im Stammheimer Gefängnis stimmt Imam Kartal noch einmal ein Gebet an. Die beiden Häftlinge murmeln still mit. „Nächstes Mal werden mehr kommen“, sagt Mehmet Ates. Der Bedarf für muslimische Seelsorge bestehe bei vielen Gefangenen: „Es ist wichtig, über die Religion informiert zu sein“, sagt der Gefangene. „Nur so lässt man sich nicht auf radikale Ideen bringen.“

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