Fünf Mütter reden Klartext: oft scheitern sie an ihren eigenen hohen Ansprüchen – als Arbeitskraft, Ehe- und Hausfrau sowie als Erzieherin von Kindern.
Stuttgart - Frauen rackern sich heute bis in den Erschöpfungszustand damit ab, eine gute Mutter, Arbeitskraft, Ehefrau und Hausfrau zu sein – und scheitern regelmäßig an ihren eigenen hohen Ansprüchen. Bloß mitbekommen soll das keiner, also wird nach außen die Fassade der vermeintlichen Bilderbuchfamilie aufrechterhalten. Fünf Mütter reden Klartext. Das sollten sie öfter tun. Denn dieser selbst inszenierte Perfektionismus macht immer mehr Mütter krank, weil sie nicht einmal zugeben können, dass sie nicht mehr können.
An der Grenze zur Gewalt
Meinen Kindern Gewalt antun – das wäre das Schlimmste für mich. Und doch verirre ich mich immer wieder in diese Grauzone vor der Grenze, wenn ich die Kinder wie übergeschnappt anschreie, sie fest packe und sie in die von mir gewünschte Richtung zerre. Das ist eine erbärmliche und scheußliche Seite an mir, die ich selbst nicht annehmen kann. Und die – außerhalb meiner Familie – auch nie jemand zu sehen bekommt. Aber wenn die Kinder mal wieder nicht auf mich hören, schon früh am Morgen schrill Feuerwehr spielen, statt sich anzuziehen, dann brülle ich ihnen meinen Zorn entgegen. Es ist ein Zorn auf mich, dass ich es nicht schaffe, ruhig zu bleiben. Dass ich es nicht schaffe, dass sie mir zuhören, und dass sie nicht das umsetzen, was ich in meiner subjektiven Sichtweise für richtig halte. Dass ich es nicht verstehe, warum sie manche Dinge auf die Spitze treiben, manchmal scheinbar nur, um zu sehen, wie ich ausraste. Und dass sie mir vor Augen halten, dass ich es bisher nicht geschafft habe, sie zu „perfekten“ Menschen zu erziehen. Dann kocht plötzlich alles in mir hoch. Dass meine Bewältigung von Alltagsaufgaben, gepaart mit wenig Schlaf und häufigem Zeitdruck, von meinen Idealvorstellungen einer perfekten Erziehung und ständiger Familienharmonie abweicht, erzeugt in mir Stress, Gereiztheit und Unzufriedenheit. Gefolgt von einem Gefühl des Versagens, weil alle um mich herum diese Aufgaben besser zu bewältigen scheinen.
Die Sozialpädagogin ist 38 Jahre alt, Mutter von zwei Kindern im Alter von zwei und vier Jahren und arbeitet 50 Prozent.
Wie kann die Mama Vollzeit arbeiten?
„Und, wie geht’s der Mama?“ Mein Sohn und mein Mann bekommen diese Frage in der Kita regelmäßig zu hören, seit ich angefangen habe, Vollzeit zu arbeiten. Für die neue Stelle pendle ich zudem noch jeden Tag zwei Stunden mit dem Zug hin – und abends wieder zurück. Ich bin mir sicher, kein Kind im Kindergarten wird gefragt, wie es dem Papa geht – und die arbeiten ja alle Vollzeit. Aber das perfekte Bild von der berufstätigen Familie in der Gesellschaft sieht nun mal so aus, dass der Mann 100 Prozent arbeitet und die Frau in Teilzeit beschäftigt ist. Seit wir dieses vermeintlich perfekte Bild nicht mehr erfüllen, stehen wir unter ständigem Rechtfertigungszwang. Die neuen Kollegen wollen wissen, ob mir mein Zweijähriger denn nicht fehlt? (Natürlich!) Ob es mir gut geht mit der Entscheidung? (Ich fühle mich furchtbar!) Und wie ich das packe? (Regelmäßig heulen!) Da ich meinen Job aber behalten möchte, kann ich nicht ehrlich antworten. Also rede ich die Situation schön. (Soll ja auch nicht auf Dauer so bleiben!) Aber es ärgert mich ungemein, dass diese Fragen überhaupt kommen. Welcher Mann bitte, der beruflich viel unterwegs ist, wird permanent gefragt, ob er seine Familie nicht vermisst? Arbeitet ein Mann dagegen in Teilzeit wie meiner, ergeht es ihm auch nicht besser. Er verzweifelt am Zeitmanagement mit Job und Kind (soll ja keiner denken, der Papa kriegt das nicht auf die Reihe!) und wird seinerseits gefragt, was er denn sonst noch so mit seiner Zeit mache, wo er doch nur 60 Prozent arbeitet. Der Einzige, der sich mit der Situation perfekt arrangiert hat, ist übrigens unser Sohn. Er freut sich über die Zeit mit dem Papa, ist der meist abwesenden Mama gegenüber überhaupt nicht nachtragend und schert sich nicht um das, was sein Umfeld denkt. Ein perfektes Kind. Die Museumspädagogin ist 38 Jahre alt, hat einen zweijährigen Sohn und eine Vollzeitstelle.
Das stumme Paar
Meine Freundin nennt uns manchmal die „spießige Bilderbuchfamilie“. Mein Mann und ich sind seit 20 Jahren ein Paar, was wohl nur wenige 35-Jährige von sich behaupten können. Und immer wieder kommt die Frage: „Wie macht ihr das? Oh, dass es so etwas noch gibt – unglaublich.“ Ja, und Kinder haben wir auch. Einen Sohn und eine Tochter, die zwei kleine Miniaturen von uns sind. Es gibt keine Affären, keine Skandale, die Kinder sind fit. Was uns jetzt zu unserem Glück noch fehlt, ist die Doppelhaushälfte mit Roboter-Rasenmäher und Hund. So viel zur Außenwahrnehmung. Die Kamera schwenkt auf ein Paar in einem Restaurant, die zwei haben Ausgang (was für ein Luxus!), sitzen gemütlich an einem Tisch – und schweigen sich an. Es ist nicht so, dass die Liebe nach 20 Jahren verschwindet, aber die Themen bleiben manchmal aus. Auch, weil das Leben mit Kindern so nervtötend und ermüdend sein kann. Man organisiert sich von Montag bis Freitag, von Schule zu Kindergarten zur Arbeit, von Sportunterricht zu Musikunterricht zum Einkaufen. Und wenn die Tage vorbei sind, die Wäsche gemacht, die eigenen Interessen wie Seminare oder Sport getätigt, dann ist vielleicht und mit viel Glück auch der Partner an der Reihe. Oft aber ist die rare Zeit für sich allein eher das Objekt der Begierde, Sexualität dagegen phasenweise ein Fremdwort. Oder es dominiert einfach die Müdigkeit. Und wenn das nicht der Fall ist, kommt es zum Streit-Klassiker: „Was mache ich, was machst du und warum, verdammt noch mal, mach ich als Mutter eigentlich immer so viel?“ Da wir dank der Kinder jede Menge neue Gründe haben, uns zu zoffen, haben wir zumindest das inzwischen perfektioniert. Ganz Bilderbuchfamilie eben.
Die Pädagogin ist 36 Jahre alt, hat zwei Kinder im Alter von fünf und acht Jahren und arbeitet mit 60 Prozent in verschiedenen Jugendprojekten und Kindergärten.
Einsam trotz Patchworkfamilie
Fast 40 und Single – mein Umfeld und ich hatten nicht mehr daran geglaubt, dass sich daran noch etwas ändern würde. Und dann gab es plötzlich nicht nur einen Mann an meiner Seite, sondern auch zwei pubertäre Stiefsöhne – und ein gemeinsames Baby. Zum Patchwork-Glück fehlen nur noch die Großeltern, die einmal die Woche für zwei Tage bei uns einziehen, um uns zu entlasten. Die nachts sogar das Baby füttern, damit die Mutter mal ausschlafen kann. Perfekter geht es nicht, oder? Nun, doch, ich hatte mir mein Familienleben ehrlich gesagt anders vorgestellt. Die Großeltern untergraben laufend unsere elterlichen Hausregeln, füttern den inzwischen Zweijährigen schon morgens vor dem Frühstück mit Bonbons und lassen ihn sogar Bier probieren. Und die Teenager-Jungs haben am Wochenende erstaunlicherweise keine Lust auf die schönen Familienausflüge, die ich mir so ausgemalt habe. Sie sitzen auch bei strahlendem Sonnenschein am liebsten drin und daddeln am Computer – zusammen mit meinem Mann. Also schnapp ich mir den Kleinen und flüchte. Wir kennen alle Spielplätze in unserer Umgebung – nur Kinder sind dort nie. Da ich neu in die Region gezogen bin, fehlen mir noch die Kontakte, um mich mit jemandem zu verabreden. Jetzt habe ich zwar eine große Familie, fühle mich aber doch sehr oft allein.
Die Physiotherapeutin ist 44 Jahre alt, hat einen zweijährigen Sohn und zwei Stiefsöhne im Alter von 13 und 15 Jahren. Sie arbeitet in Teilzeit mit 50 Prozent.
Das bisschen Haushalt . . .
Es klingelt an der Tür? Es klingelt an der Tür! Panikartig verstecke ich mich hinter dem Küchenschrank und schiele aus dem Fenster. Draußen steht eine Mutter aus dem Kindergarten mit ihrem Nachwuchs. Völlig unangemeldet! Ich lege beschwörend den Zeigefinger auf meine Lippen und flüstere meinen Kindern zu, dass wir jetzt Indianer spielen: Wir legen uns alle auf den Boden und robben ins Wohnzimmer – und damit außer Sichtweite der Haustür. Das klappt hervorragend, bis mein Großer gegen ein herumliegendes Spielzeugauto stößt und wild aufheult. Es klingelt wieder. Mehrmals. Ich halte dem Großen den Mund zu und erzähle ihm etwas von einem verfeindeten Stamm, der gleich die Flucht antritt. Tatsächlich ist wenig später Ruhe. Erleichtert blicke ich auf das Chaos aus Spielzeugautos, Büchern und Kissen, das größer ist als unser Wohnzimmerteppich. Auf die Reste vom Mittagessen, die auf dem Boden kleben. Den Berg an Schmutzwäsche im Treppenhaus. Die stinkenden Mülleimer daneben, die ich heute Morgen vor der Arbeit eigentlich noch leeren wollte. So sieht es bei uns übrigens fast immer aus – auch wenn mir das keiner glauben würde. Denn bevor Besuch – und zwar ausschließlich angemeldet! – kommt, fege ich wie ein Putzteufel durchs Haus. Nicht etwa, weil mir das wichtig wäre – sonst würde ich es ja regelmäßig machen; sondern, weil ausnahmslose alle Familien, die wir besuchen, in einem Zuhause leben, das jederzeit für die nächste Ausgabe von „Schöner Wohnen“ fotografiert werden könnte. Ich dagegen mag die Schneise aus Verwüstung, die meine Kinder regelmäßig hinterlassen, weil sie echtes Leben bedeutet. Ich bin froh, wenn die Wäsche gewaschen ist, dann kann ich sie wenigstens wieder anziehen – bügeln, falten, in den Schrank einräumen, wozu? Und Staubsaugen kann ich noch viele Jahre lang, mit meinen Kindern spielen aber nicht. Nur Besuch möchte ich in dieses echte Leben nicht hineinlassen. Warum? Um es mit meiner Oma zu sagen: „Was würden denn die Leute denken?!“
Die Bürokauffrau ist 28 Jahre alt, ihre Kinder sind drei und sechs Jahre alt. Sie arbeitet derzeit 70 Prozent.