Immer mehr Väter nehmen sich Zeit für den Nachwuchs – und haben keine Probleme damit, wenn nicht alles perfekt nach Plan läuft – Mütter tappen viel zu oft in die Perfektionsfalle, meint unsere Autorin. Foto: Adobe Stock

Kinderarztbesuche, Geburtstagsgeschenke, Einkaufslisten – an vielen berufstätigen Müttern bleibt das komplette Familienmanagement hängen. Daran sind sie häufig selbst schuld, sagt unsere Autorin Lisa Welzhofer in unserer Mutter-Kind-Kolumne aus dem Stuttgarter Kessel.

Stuttgart - Ich würde den Mann durchaus als gut angezogen bezeichnen. Er hat Sinn für qualitätvolle Stoffe, kombiniert geschickt Farben und Muster und legt Wert auf gute Lederschuhe. Allerdings gilt das nur für ihn selbst. Wenn der Mann den Kindern morgens die Kleider zusammensucht, sehen die zwei in meinen Augen aus, als hätten sie (4 Jahre und 9 Monate) selbst – während sie blinde Kuh spielten - wahllos Klamotten aus ihren Schränken gezogen. Warum der Mann sich gut anziehen kann, die Kinder aber nicht, ist für mich eine der noch ungelösten Fragen der Geschlechterforschung. Praktisch führt es dazu, dass meistens ich die Kleidung der Kleinen zusammenstelle.

Ich erzähle diese Randnotiz aus unserem Familienleben, weil ich sie so auch aus den Erzählungen anderer Mütter kenne und weil sie für mich viel mit der derzeitigen Diskussion über die Vereinbarkeit von Familie und Beruf zu tun hat. Nachdem diese sich lange nur um den Ausbau von Betreuungsangeboten und flexibleren Arbeitszeiten gedreht hat, gucken Autorinnen jetzt vermehrt auf die Aufgabenverteilung in den Familien, also innerhalb der kleinsten Einheit, der Paarbeziehung.

Familien-Management macht – klar, die Frau

Und dort ist es mit der gleichberechtigten Aufgabenteilung, auch wenn beide arbeiten, meist nicht weit her. An viele Frauen bleibt – neben dem Job – das komplette Familien-Management hängen, also die ganze Organisiererei drumherum: Vom Wocheneinkauf bis zu Kinderarztbesuchen, von der Play-dates-Orga bis zum Geburtstagsgeschenkebesorgen, von der Hobby-Schule-Koordnation, über den Hausputz bis eben zur Frage, was die Kinder jeden Morgen anziehen (die Klamotten besorgt hat natürlich auch die Frau). Dabei geht es nicht unbedingt darum, wer die praktische Arbeit erledigt, es geht um die Denkleistung davor, um das Alles-im-Blick-haben, das viel Gehirnkapazität blockiert, die frau eigentlich gut, zum Beispiel für die Arbeit, gebrauchen könnte. Sprich: Wenn die Frau den Mann mit den Kindern zu den von ihr ausgemachten U-Untersuchungen schickt, ist das für sie zwar eine zeitliche Entlastung, aber eben keine denkerische.

Ich kenne kaum Paare, die sich diese Managementarbeit – und auch die praktische Ausführung - gerecht aufteilen würden. Studien bestätigen diese subjektive Erfahrung. Sicherlich bürgert sich in der Elternzeit, die in den allermeisten Fällen von der Mutter genommen wird, diese einseitige Aufgabenteilung ein und wird dann einfach beibehalten.

Aber viele Frauen stecken auch in dem, was unter dem Schlagwort Perfektionsfalle bekannt geworden ist: Sie haben von Klein auf gelernt, perfekt sein zu müssen: in der Schule, im Studium, im Beruf, als Freundin, Partnerin und dann eben auch als Mutter mit perfekten Kindern (und ja, auch in perfekt zusammen passenden Klamotten). Eine Freundin hat es mal so formuliert: „Spätestens seit dem zweiten Kind hechle ich eigentlich nur noch meinen eigenen Ansprüchen hinterher.“

Raus aus der Perfektionsfalle!

Klar kann man sich darüber beschweren, dass es die Gesellschaft ist, die mit ihren Bildern, Stereotypen und Karriere-Frau-Geschichten diese Perfektionsfalle auslegt. Aber trotzdem müssen doch in erster Linie wir Frauen selbst aufpassen, nicht in diese Falle zu treten oder uns– wenn schon geschehen – daraus befreien.

Ganz banal heißt das: abgeben, abgeben, abgeben – und nicht darauf warten, dass der Mann einem Aufgaben aus der Hand nimmt. Um es anders zu formulieren: Ich kenne kaum einen Mann, der sich weigert, Aufgaben zu übernehmen, aber ganz viele, die sich nicht beschweren, wenn die Frau die Familien-Organisation ganz selbstverständlich an sich reißt.

Dass das mit dem Abgeben nicht einfach ist, weiß ich aus eigener Erfahrung. Denn zum Abgeben gehört eben auch, zu lernen, dass man sich als berufstätige Mutter in Sachen Perfektion nicht mit denen messen kann, die „nur“ arbeiten oder „nur“ Mutter sind. Außerdem bedeutet es, Kontrolle abzugeben, Dinge geschehen zu lassen, sich einzugestehen, dass der Mann die Dinge vielleicht gar nicht weniger perfekt macht, sondern einfach nur anders.

Wann ist der richtige Zeitpunkt fürs Kinderkriegen? Die Antwort lesen Sie hier.

Die Autorin Lisa Welzhofer ist Mutter zweier Kinder und lebt in Stuttgart. In ihrer Kolumne macht sie sich regelmäßig Gedanken über Kinder, Kessel und mehr.

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