Der neue Regisseur der Münchner Kammerspiele Johan Simons Foto: Blievernicht

Regisseur Johan Simons über seine neue Aufgabe bei den Münchner Kammerspiele.

München - Johan Simons ist einer der interessantesten zeitgenössischen Regisseure, ein strenger Denker mit Gefühl für Bewegung und Stimmungen. Nun übernimmt der niederländische Künstler die renommierten Münchner Kammerspiele. Ein Gespräch übers Fremdsein, über Politik und das Oktoberfest.

Herr Simons, zum Saisonstart zeigen Sie drei Romanbearbeitungen. Gibt es keine guten Dramen mehr?                                                                                                 Es geht nicht um besser oder schlechter, sondern um anders. Es gibt Inszenierungen, bei denen die Schauspieler mit Mikroports arbeiten, es gibt Videos, es gibt Stücke, es gibt Bücher auf der Bühne: Ich beurteile das nicht hierarchisch. Wenn ich mit drei Romanen beginne, bedeutet das nicht, dass ich in der Zeit, in der ich in München bin, so viele Romanbearbeitungen zeige wie möglich. Es kann auch eine Saison geben, in der ich nur Stücke zeige. Das Gute am Theater ist, dass es ein sehr breites Feld ist; ein Ort, an dem man sich unglaublich viel erlauben kann und, strenger gesagt, erlauben muss.

Was also kann Prosa anderes als das Drama?                                                                                                                                                                                            Bei einem Stück sieht man nur die Spitze vom Eisberg, die Schauspieler müssen zusammen mit dem Regisseur darüber nachdenken, wie sie dahin kommen, sie müssen sich fragen, was diese Spitze ausmacht. Ein Buch zeigt mehr vom Ganzen, von den Hintergründen. Man arbeitet reflexiver, während das Schöne an einem Stück ist, dass man einfach mitten hineinspringen kann, dass man in eine Welt hineinkommt und am Ende des Stückes wieder herausgeht, wenn das Licht angeht. Und bei Prosastoff geht sozusagen das Licht mehrere Male an – schon während des Abends.

Sie eröffnen heute eine kleine neue Spielstätte, die Spielhalle. Wie in vielen Ihrer Inszenierungen zuvor hat Bert Neumann den Ort gestaltet. Was verbindet Sie mit ihm?                                                                                                                                                                                                                                                           Bert Neumann ist einer meiner Lieblingsbühnenbildner, weil er dramaturgisch arbeitet. Es sind immer Bühnenbilder, die ein Verhältnis eingehen mit dem Thema des Stücks. Es ist nie ein Bühnenbild, das nur die Dekoration zum Spielen bereitstellt. Man muss immer einen Kampf eingehen mit diesem Bühnenbild.

Und wer gewinnt? Der Regisseur, der Chef vom Ganzen?                                                                                                                                                               Hoffentlich gewinnen beide (lacht). Es kann auch sein, dass nur Neumann gewinnt.

Nicht nur Bert Neumann ist dem Publikum bekannt, sondern auch viele Künstler, die in Ihrer ersten Saison in München arbeiten. Es gibt nicht allzu viele neue Gesichter.                                                                                                                                                                                                                                                     Es ist ein sehr gutes Haus, das der Intendant Frank Baumbauer hinterlassen hat. Mir geht es darum, was wir zusammen zustande bringen, dass jede einzelne Vorstellung eine bestimmte Qualität haben soll. Wenn ich etwas verändere, dann während meiner Intendanz, nicht von Anfang an. Es ist ein Haus mit sehr guten Schauspielern. Ich kenne diese Schauspieler, die Stadt kennt diese Schauspieler auch, die Menschen lieben diese Schauspieler. Und was die Regisseure betrifft, kommen in diesem Jahr schon einige Neue: Ivo van Hove, Julie Van den Berghe oder Susanne Kennedy.

"Mut ist ein wichtiges Thema"

Sie beginnen Ihre Intendanz mit der Inszenierung von Joseph Roths Roman "Hotel Savoy". Ein Hotel ist ein Übergangsort, an dem auch Leute zusammenkommen, die sich sonst nicht sehen würden. Wie ist das Theater?                                                                                                                                                                                  Ja, kann es sein – wie auch die Wiesn. Wie Ödön von Horváth einmal geschrieben hat, sitzt auf dem Oktoberfest der Minister neben dem Arbeiter. Das bedeutet nicht, dass die Leute dann dieselbe Chance haben im Leben, aber sie sind auf den Wiesn jedenfalls für einige Stunden gleichberechtigt. Dass ich nun mit "Hotel Savoy" anfange, hat auch mit meiner persönlichen Geschichte zu tun, dass ich auch ein Fremder bin hier in München. Und wenn es jemanden gibt, der über Heimweh und über Entwurzelung sprechen kann, ist das Joseph Roth.

Einer dieser Entwurzelten ist Bloomfield, der in Amerika reich geworden ist und einmal im Jahr heimkehrt. Alle erwarten von ihm, dass er Geld gibt und ihre Probleme löst.                                                                                                                                                                                                                                              Es gibt ja auch viele Leute, die warten auf Jesus Christus und dass er wiederkehrt. Bloomfield ist eine Figur, von der die anderen hoffen, dass sie all ihre Probleme löst. Das tut Bloomfield aber nicht. Er kommt nur zurück, weil der Vater da begraben ist. Er selbst lebt in Amerika, ist aber kein richtiger Amerikaner geworden, erst sein Sohn wird ein Amerikaner sein, weil der Vater in Amerika sterben und begraben sein wird. Es ist das Emigrationsthema, das in allen Texten von Roth steckt. Roth selber hat in unglaublich vielen Städten gewohnt, in Wien, Berlin, Amsterdam, er ist in Paris gestorben.

Der Roman wiederum handelt "vor den Toren Europas". Der Ich-Erzähler Gabriel Dan kehrt nach dem Krieg aus Sibirien heim, er will in den Westen.                            Diese Arbeit hat mit genau diesen Gefühlen zu tun, es ist für mich wichtig, ein Europa zu zeigen, in dem Integration mehr und mehr zu einem wichtigen Thema wird. Wir sehen das gerade auch in Holland, da sind wir jetzt mit einer extremen Rechtsregierung konfrontiert, die die Ausgaben für die Kultur um 40 bis 50 Prozent kürzen will. Man hasst nicht nur die Fremdkulturen, sondern will mit seiner eigenen Kultur eigentlich auch lieber nichts zu tun haben.

Auch in Deutschland spart man an der Kultur. Das Deutsche Schauspielhaus Hamburg soll über eine Million Euro einsparen. Intendant Friedrich Schirmer hat daraufhin gekündigt.                                                                                                                                                                                                                                  Man muss das mit Sorge beobachten. Joseph Roth zeigt in dem Stück zwei Menschenbilder auf. Gabriel Dan ist ein Vertreter des Individualismus. Er ist mehr oder weniger ein moderner Mensch, er hat nichts für Gemeinschaft übrig. Dem gegenüber steht Zwonimir Pansin. Er denkt, wenn wir eine Gemeinschaft stiften, können wir auch die Macht angreifen.

Zwonimir hat wenig zu hoffen, gibt aber trotzdem nicht auf. Solche Figuren stehen oft im Zentrum Ihrer Arbeiten. Da sind eine gewisse Sturheit und ein Wille weiterzumachen.                                                                                                                                                                                                                                         Das ist ein wichtiges Thema. Mut. Lebensmut. Dass man, obwohl man vielleicht keine Chance hat, einfach nicht aufgibt.

Warum?                                                                                                                                                                                                                                                        Ich spreche jetzt von mir: Weil ich Kinder habe. Und man soll Kinder nicht mit einem zynischen Blick auf die Welt erziehen. Kinder haben ein Recht auf Optimismus.

Die Erwachsenen auch, oder?                                                                                                                                                                                                                      Ja, aber die nehmen das nicht an.

Hat Ihnen der Artikel gefallen? Jetzt teilen: