Eigentlich immer müde und erschöpft: Eltern Foto: imago /Westend61/Javier Pardina

Schlafmangel gehört mit Kindern dazu. Das kommt aber auch daher, dass viele Eltern, wenn endlich mal Ruhe herrscht, trotzdem nicht ins Bett kommen. Und: Das hat Gründe.

Eigentlich sind einem die Augen schon zugefallen, als man die Kinder ins Bett gebracht hat. Das war vor vier Stunden. Aber dann gab es eine Küche zum Aufräumen, Wäsche zum Zusammenlegen – und vor allem das Gefühl: Jetzt mache ich endlich mal was für mich. Wenigstens noch einen Teil der Lieblingsserie schauen, mit dem Partner ein Glas Wein trinken, mal wieder mit der besten Freundin telefonieren. Und schon ist Mitternacht vorbei – und die von den meisten Menschen benötigte Schlafmenge von sieben bis acht Stunden pro Nacht längst nicht mehr realisierbar.

 

Bedtime Procrastination, also das mutwillige Aufschieben der Schlafenszeit, nennen Experten dieses Phänomen, das sie gerade bei Eltern häufig beobachten. Ohnehin oft schon übermüdet, weil der Nachwuchs die Nachtruhe unterbricht oder morgens sehr früh aufsteht, verkürzen sie ihre Schlafenszeiten selbst noch einmal, indem sie viel zu spät ins Bett gehen, ohne dass es dafür einen wirklichen Grund gibt.

„Mangelnde Selbstkontrolle“

Dabei weiß eigentlich jeder insgeheim: Schlaf ist etwas sehr Erholsames und sorgt auch dafür, dass die Nerven am nächsten Tag stabil genug sind, um den stressigen Alltag halbwegs gut zu meistern. Warum also legt man sich nicht einfach früher hin?

„Einerseits handelt es sich um mangelnde Selbstkontrolle, andererseits steht hinter dem Aufschieben das Bedürfnis nach bewusster Erholung vom meist stressigen Tag“, sagt die Psychologin Katharina Bernecker, die am Psychologischen Institut der Universität Zürich zu Themen wie der Selbstregulierung forscht.

Schlaf sei zwar auch eine prima Erholung, doch die Belohnung stellt sich erst am nächsten Tag und eher unterbewusst ein. Wer dagegen die Lieblingsserie schaut, habe sofort das Gefühl: Jetzt gönne ich auch mir endlich mal was Schönes nach diesem stressigen Tag, an dem ich fast nur für andere da war.

Es ist also eine Art Protest gegen die Lebensumstände, die den Eltern oft viel Verzicht abverlangen. „Je stressiger der Tag war und je weniger Pause man dort hatte, umso größer ist das Bedürfnis abends, bewusst Zeit für Erholung zu haben“, sagt Katharina Bernecker.

Und Serien streamen oder am Smartphone daddeln machen einem den Protest auch noch besonders leicht. Man wird unterhalten, ohne dass es dafür großer Anstrengung bedarf. Das blaue Licht der Bildschirme führt zudem dazu, dass man nicht so schnell müde wird, weil es das Schlafhormon Melatonin unterdrückt. Würde man hingegen in der Zeit ein Buch lesen, musizieren, eine Fremdsprache lernen oder Sport treiben: Man würde eher merken, wie einen langsam die Müdigkeit überkommt.

Schnelle Belohnung

Ob man dem Wunsch nach schneller Belohnung am Ende tatsächlich nachgibt oder doch die Vernunft siegt und man sich schlafen legt, hängt auch damit zusammen, wie gut es sonst um die Selbstdisziplin bestimmt ist. Geht man trotz Regenwetter wie geplant joggen? Bleibt es bei einem Stück Schokolade oder wird die ganze Tafel gegessen? Macht man die Steuererklärung an einem freien Wochenende oder doch wieder auf den letzten Drücker?

„Besonders gefährdet für Prokrastination im Allgemeinen sind Menschen, die in ihrem Job viel Handlungsfreiraum haben – also Führungskräfte, Manager, Studierende sowie Freiberufler wie Anwälte, Architekten oder Journalisten“, sagt die Psychologin und Expertin für Persönlichkeitsentwicklung Anna Höcker, die auch einen Ratgeber zum Thema Prokrastination geschrieben hat.

Erlerntes wieder verlernen

Die gute Nachricht für alle, die unter der bewusst herbeigeführten Übermüdung leiden: Da es sich beim späten Ins-Bett-Gehen um ein erlerntes Verhalten handelt, kann man es auch wieder verlernen. Zum Beispiel, indem man sich mal klarmacht, wozu ausreichend Schlaf eigentlich so wichtig ist.

Im Schlaf wird das Immunsystem gestärkt. Zellen werden repariert und Stoffwechselprozesse wie Zucker- und Fettstoffwechsel optimiert, das Herz-Kreislauf-System heruntergefahren. Schläft man zu wenig, fehlt dem Körper diese Zeit zur Regeneration, die körperliche Belastbarkeit sinkt. „Auch das psychische Wohlbefinden leidet, wir fühlen uns erschöpft, sind dünnhäutiger, leichter reizbar“, sagt Anna Höcker.

Was aber ist mit dem Bedürfnis, auch endlich mal etwas Zeit für sich zu haben? „Das Ziel wäre, sich aktiv mehr Freude und Leichtigkeit, Freiraum und Sinnstiftendes in den Tag zu holen. Dann hat man nicht mehr das Gefühl, das von der Nacht stehlen zu müssen“, sagt Anna Höcker. Gerade für Eltern mit eng getaktetem Alltag ist das schwer.

Aber auch hier hilft es, sich bewusst mit all den Terminen und Aufgaben zu beschäftigen und sich zu überlegen: Muss das alles sein? Und muss das alles ich machen oder gibt es dafür vielleicht auch Möglichkeiten der Unterstützung?

Abends wird man es trotzdem nur dann wirklich früher ins Bett schaffen, wenn auch dort die Rituale überdacht werden. Muss man das Smartphone wirklich noch mit ins Bett nehmen? Oder schaltet man es vielleicht eine halbe Stunde vor dem Schlafengehen schon aus – und liest stattdessen ein Buch? Vor allem aber: Nach wie vielen Stunden Schlaf fühle ich mich persönlich erholt – und wann muss ich deshalb ins Bett gehen? Und wenn es dann nur noch für eine Folge der Lieblingsserie reicht, dann ist das eben so. Den Kindern predigt man ja auch: Schlafenszeit, tut mir leid.

Info: Schlafprokrastination

So viele Menschen sind betroffen
Es gibt bislang keine repräsentativen Studien zu dem Thema. Eine Untersuchung aus den Niederlanden aus dem Jahr 2014, bei der 2637 Erwachsene zu dem Thema befragt wurden, kam zu folgendem Ergebnis: Rund drei Viertel der Befragten gehen mindestens einmal in der Woche später ins Bett, als sie geplant hatten, ohne dass es einen triftigen Grund dafür gab. Bei rund der Hälfte davon kam das sogar an drei und mehr Abenden in der Woche vor. Fast alle fühlten sich deshalb an zwei oder mehr Tagen tagsüber müde. Eine Studie von der Universität Wien legt nahe, dass die Deutschen das Schlafengehen ähnlich oft vor sich herschieben, wie die niederländischen Befragten.