Ein Erstklässler leidet massiv unter einem Mitschüler. Die Eltern wollen ihrem Kind helfen, aber am Ende muss ihr Sohn die Schule verlassen. Doch er ist nicht der Einzige, der leidet, der Fall schlägt hohe Wellen. Was ist passiert?
Winterbach - Die Waldorfschule Engelberg in Winterbach sieht einladend aus. Großzügige Gebäude, viel Grün drum herum. Fotos auf der Homepage zeigen fröhliche Kinder, die tanzen, werken, spielen und natürlich lernen. Mit Kopf, Herz und Hand lautet das Credo der Schule, an der einst Boris Palmer sein Abitur bestanden hat.
Tatsächlich ist es um das Herz in Winterbach zurzeit nicht gut bestellt. Es gibt Unruhe und Sorgen und heftige Vorwürfe, mit denen sogar die Staatsanwaltschaft befasst war. Die Auflösung ist schwierig. Es steht Aussage gegen Aussage. Aber auch Kummer gegen Kummer. Und am Ende sind da zwei Buben, die die Schule verlassen haben.
Anfangs sind die Eltern gelassen
Der Fall beginnt in der ersten Klasse. Markus und Heike Müller (Namen geändert) haben die Engelbergschule ausgewählt, weil sie nur Gutes über sie gehört und gelesen hatten. Doch ihr Sohn hat einen schlechten Start. Immer wieder gibt es Ärger mit einem Klassenkameraden. Das wird sich finden, denken die Eltern zunächst. Doch das tut es nicht. Ihr Bub leidet unter seinem Mitschüler, der ihn stolpern lässt, schubst oder ihn zu Boden drückt und sich auf ihn setzt. Ihr Sohn weint sich in den Schlaf, er hat Angst, in die Schule zu gehen, bekommt Bauchschmerzen und Panik auf dem Weg zur Bushaltestelle.
14 Tage ohne Lernmaterial
Für seine Eltern, die Lehrer an einer staatlichen Schule sind, ist jetzt klar: Das ist Mobbing. Sie versuchen, das Problem zu lösen, zu helfen, doch aller Austausch mit der Klassenlehrerin und sämtlichen Gremien der Schule bringt keine Besserung. Ihr Sohn wird weiter gemobbt. Seine Versetzung in die Parallelklasse lehnt die Schule ab. Stattdessen kündigt sie den Vertrag mit Familie Müller. Ihr Sohn muss gehen.
„Wir haben uns wahnsinnig machtlos gefühlt“, sagt Markus Müller, der mit seiner Frau schließlich Anzeige gegen die Klassenlehrerin erstattet. Unter anderem wegen Verstößen gegen die Fürsorgepflicht, der Vernachlässigung Schutzbefohlener und dem Verstoß gegen die Schulpflicht. Im Fernunterricht, in den der Junge schließlich gewechselt war, hatte er 14 Unterrichtstage lang kein Lernmaterial bekommen.
Die Schule sieht keinen Fall von Mobbing
Die Kündigung an einer Waldorfschule ist die Ultima Ratio, wenn keine andere Lösung möglich zu sein scheint. In den letzten zehn Jahren gab es in Winterbach nach eigenen Angaben nur viermal solche schulseitigen Kündigungen. Dass eine davon ausgesprochen wurde, weil sich Eltern um ihren Sohn sorgen, erscheint sehr hart. Oder?
Ja, sagt Felix Maier. Aber, das sagt der Geschäftsführer der Engelbergschule auch: Die Anschuldigungen der Eltern seien ebenfalls sehr hart gewesen. Die Kritik an der Lehrerin und die Aktivitäten der Müllers gegen sie hätten einen Keil in die Klassengemeinschaft getrieben. Was umso schlimmer gewesen sei, da die Vorwürfe unbegründet gewesen seien. Systematisches Mobbing gegen einen Schüler habe es nicht gegeben, sagt Felix Maier. Der fragliche Junge habe sich „stark“ mit Schülern der Klasse gemessen, nicht nur mit dem Sohn von Familie Müller.
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Schule in Zeiten von Corona ist schwierig. Keine Elternabende in Präsenz, viel Gesprächsbedarf, persönliche Belastungen – das hat die Nerven zusätzlich strapaziert, sagt Felix Maier. Aber die Entscheidung selbst würde die Schule wieder so treffen. Allenfalls früher. Weil man früher erkennen wolle, wenn die Schule Erwartungen der Eltern nicht erfüllen könne und eine vertrauensvolle Zusammenarbeit nicht möglich sei.
An diesem mangelnden Vertrauen, so Maier, hätte auch die Versetzung des Schülers in die Parallelklasse nichts geändert. Deshalb die Kündigung, so Maier, der einen Fehler aber einräumt. Tatsächlich hatte der Junge im Fernunterricht 14 Tage lang kein Lernmaterial bekommen. Die Klassenlehrerin hatte angenommen, das sei nicht erwünscht, da die Eltern mit ihrem Unterricht ja nicht zufrieden waren.
Ermittlungen nach der Anzeige hat die Staatsanwaltschaft gar nicht erst aufgenommen. Es gab keine zureichenden tatsächlichen Anhaltspunkte.
Ein Artikel mit Folgen
So weit, so schwierig. Doch die Geschichte geht weiter. Vor wenigen Tagen hat auch der Junge, unter dem der Sohn von Markus und Heike Müller so gelitten hat, die Engelbergschule verlassen. Seine Eltern, berichtet Felix Maier, sorgen sich wegen der Anschuldigungen gegen ihn. Womöglich werde er in eine „Außenseiterrolle“ gedrückt.
Dabei liegen die Auseinandersetzungen gut ein Jahr zurück – und schienen befriedet zu sein. Doch durch einen Erfahrungsbericht, den Markus Müller jüngst in einem anthroposophiekritischen Blog veröffentlicht hat, setzt sich die Geschichte nun fort. Durch die Reaktionen, die der Text ausgelöst hat, sei auch die Lehrerin, die ihre erste Klasse damals abgegeben hat, psychisch wieder sehr belastet. „So funktioniert Cybermobbing“, sagt Felix Maier.
Dass nun noch ein zweiter Schüler zum Verlassen der Schule gebracht wurde, „tut uns tatsächlich äußerst leid“, sagt dazu Markus Müller.
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