Etwa 45 Mitarbeiter der Bäckerei Lang haben in Freiberg/Neckar gestreikt. Mit dabei Hartmut Zacher, Geschäftsführer der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (vorne Mitte) Foto: factum/Granville

Die Bäckereikette Lang ist erneut massiv in Turbulenzen geraten. Seit Monaten hat das Unternehmen Zahlungsprobleme. Jetzt haben die Produktionsmitarbeiter die Arbeit niedergelegt.

Stuttgart/Freiberg am Neckar - „Wir sind fix und fertig. So kann es nicht weitergehen“, sagt die Mitarbeiterin einer Innenstadtfiliale der Bäckerei Lang. „Wir haben aus der Zentrale heute keine Ware bekommen.“ Daher habe sie aufgebacken, was an Produkten noch im Gefrierfach war. Wenn die verkauft seien, gehe sie nach Hause, erklärt die Frau, die seit mehr als zwei Jahrzehnten bei der Firma beschäftigt ist.

Die Probleme haben sich seit Wochen in allen Bereichen des Unternehmens abgezeichnet. Mal haben die Körnerbrote gefehlt, mal war nur ein Teil der süßen Stückle im Sortiment. Immer wieder habe man Waren andernorts zukaufen müssen, sagt die Frau. Verpackungstüten, Becher und Servietten kamen seit Monaten nicht mehr aus der Zentrale. „Das mussten wir alles selbst besorgen“, sagt sie. Und vor allem: Der Lohn blieb zu weiten Teilen aus. Im September habe man einen Abschlag auf das Augustgehalt bekommen, für September habe sie noch gar kein Geld gesehen, sagt die 50-Jährige. „Wenn am Mittwoch das Geld nicht da ist, gehe ich nicht mehr ins Geschäft.“

Seit vorigen Freitag wird nicht mehr produziert

Im Produktionsbetrieb haben einige diese Drohung schon wahr gemacht. „Seit Freitag, 13 Uhr, arbeitet die Produktion nicht mehr“, sagt eine Beschäftigte aus dem Betrieb in Freiberg am Neckar (Kreis Ludwigsburg). Weshalb auch in der Filiale in der Stuttgarter City keine Ware ankommen konnte. Bis zum Freitag hatten die Mitarbeiter dem Eigentümer, dem Münchner Unternehmer Ilyas Kaya, ein Ultimatum gestellt. Vergeblich. „Wir haben kein Geld gekriegt, eine Sauerei“, empört sich die langjährige Mitarbeiterin. Mit ihr haben sich die 53 Beschäftigten des Produktionsbetriebs am Montagabend zu einer Versammlung in Freiberg getroffen.

Mit dabei auch ein Beschäftigter aus dem Tiefkühlbetrieb. „Es ist chaotisch“, sagt er. Auch ihm fehlt ein Großteil des Lohns der zurückliegenden Monate. „In den vergangenen drei, vier Monaten ist es immer schlimmer geworden“, erzählt er. „Die Rohstoffe kamen oft nicht.“ Mal habe das Backmittel gefehlt, dann die Eier, dann Quark. Statt für Großkunden zwei Tage durchproduzieren zu können, habe man nach drei Stunden wieder aufhören müssen. Wegen der desolaten Lage sei ein Teil der Belegschaft in der Produktion schon vorige Woche daheim geblieben.

Betrieb soll Insolvenz anmelden

Wie seine Kollegin fordert auch der Produktionsmitarbeiter: „Wir wollen, dass der Betrieb ordentlich in die Insolvenz geht.“ Die Beschäftigten fühlen sich „im Stich gelassen“, so der Mann. „Bei der Arbeitsagentur sagt man uns, dass sie nichts tun können, solange keine Insolvenz angemeldet wird.“ Die Mitarbeiterin der Stuttgarter Innenstadtfiliale erzählt, inzwischen hätten rund 40 Leute bei der Arbeitsagentur Antrag auf Insolvenzgeld gestellt. „Wir brauchen jemanden, der einen Insolvenzantrag stellt“, sagt die Frau aus dem Produktionsbetrieb.

Das ist bisher nicht geschehen. Ilyas Kaya, der am Montag telefonisch nicht erreichbar war, hat vor einigen Tagen versichert, man sei dabei die Probleme zu lösen, habe inzwischen externe Berater an Bord. Barbara Erath, die Betriebsratsvorsitzende, will dem Eigentümer nicht absprechen, dass er sich bemühe, die Probleme in den Griff zu bekommen. Und: „Es sind Aufträge da.“ Hartmut Zacher, der Geschäftsführer der Gewerkschaft Nahrung Genuss Gaststätten (NGG) Region Stuttgart, hat bei Kaya darauf gedrängt, dass die Löhne endlich bezahlt werden, sonst aber still gehalten. Im Sommer laufe das Bäckereigeschäft immer schlecht. Und es gehe um etwa 180 Arbeitsplätze. In der Belegschaft haben die Liquiditätsprobleme von Lang aber eine kaum mehr beherrschbare Dynamik angenommen.

Monatsraten nicht beglichen

Dass womöglich nicht nur das schlechte Sommergeschäft das Problem ist, zeigen andere Vorgänge. Holger Leichtle von der Kanzlei Schultze und Braun, der Verwalter der vorigen Insolvenz, aus der heraus Ilyas Kaya Lang vor einem Jahr übernahm, hat vor einigen Monaten offenbar eine Kontopfändung bei diesem vorgenommen. Er soll die fälligen Kaufraten nicht bezahlt haben. Es ist von einer Kaufsumme von 1,2 Millionen Euro die Rede und von Monatsraten von 200 000 Euro. Ein Sprecher der Kanzlei bestätigt nur, man habe „zwischenzeitlich mit dem Käufer eine neue Ratenzahlungsvereinbarung ausgehandelt“. Auch beim Amtsgericht Ludwigsburg haben die Probleme der Bäckerei Lang schon Spuren hinterlassen. Seit Mitte Mai seien fünf Gläubigeranträge eingegangen, erklärt Richter Ulf Hiestermann auf Anfrage. Diese seien aber inzwischen alle „durch Zahlung erledigt“. Vorige Woche ging aber erneut ein Gläubigerantrag bei dem Gericht ein. Drei Wochen hat der Schuldner Zeit, dazu Stellung zu nehmen.

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