Miriam Welte hat noch ein letztes sportliches Ziel: die Olympischen Spiele in Tokio 2020. Foto: dpa

Nach dem schrecklichen Unfall von Bahnrad-Olympiasiegerin Kristina Vogel dachte Miriam Welte ans Aufhören. Stattdessen schöpft sie mittlerweile Kraft aus der Freundschaft mit ihrer querschnittsgelähmten langjährigen Bahn-Partnerin.

Berlin - Der große Star im Berliner Velodrom an der Landsberger Allee sitzt im Rollstuhl. Von alten Weggefährten, Kameras, Autogramm- und Selfiejägern ist Kristina Vogel umringt, die querschnittsgelähmte Olympiasiegerin im Bahnradfahren, an deren Schicksal die ganze Sportwelt Anteil nimmt. Bei den Deutschen Meisterschaften ist sie erstmals als ZDF-Expertin im Einsatz – Teil ihres neuen Lebens, das die 28-Jährige mit unerschütterlicher Zuversicht meistert.

Ihr furchtbarer Trainingsunfall vor 13 Monaten hat alles verändert – aus der Sportheldin ist ein Vorbild für alle Menschen mit Behinderung geworden. Eines aber ist geblieben: Ihre Freundschaft zu Miriam Welte, ihrer langjährigen Partnerin auf dem Holzoval. „Der einzige Unterschied“, sagt Vogel: „Ich muss sie jetzt immer von unten anschauen.“

Welte dachte ans Aufhören

Kristina Vogel und Miriam Welte – das ist jahrelang das Traumpaar des internationalen Bahnradsports gewesen. 2012 gewannen sie olympisches Gold im Teamsprint und wurden erstmals gemeinsam Weltmeister, es folgten drei weitere WM-Titel sowie ein Weltrekord über 500 Meter. Buchstäblich im Windschatten von Kristina Vogel, der mit zwei Olympiasiegen und elf WM-Titeln erfolgreichsten Bahnfahrerin aller Zeiten, wurde auch Miriam Welte zu einem deutschen Sportstar.

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Miriam Welte war nicht dabei, als ihre gemeinsame Erfolgsgeschichte so jäh zu Ende ging. Ungebremst raste Kristina Vogel am 26. Juni 2018 in Cottbus in einen auf der Betonbahn stehenden Nachwuchsfahrer aus den Niederlanden und zog sich einen Trümmerbruch des Brustbeins sowie eine schwere Wirbelsäulenverletzung zu. Am Telefon erfuhr Welte von dem tragischen Unglück, besuchte Vogel im Krankenhaus in Berlin – und war überglücklich, kein Häufchen Elend vorzufinden: „Wir haben miteinander gelacht, genau wie vorher“, sagt die Pfälzerin: „Ich frage mich, wo Kristina diese Kraft hernimmt.“

„Kristina gibt mir Kraft“

Für einen ganz kurzen Moment dachte Miriam Welte nach dem Unfall darüber nach, ihre Karriere zu beenden – doch war es Kristina Vogel, die solche Gedanken im Ansatz zerstreute. „Sie gibt mit enorm viel Kraft und hat es mir leichter gemacht weiterzumachen“, sagt die 32-Jährige, „sie steht hinter mir und motiviert mich.“

Mit ihrer neuen Partnerin, der Hildesheimerin Emma Hinze (21) gewann Welte auf Anhieb jeweils Bronze bei der EM 2018 in Schottland und bei der WM 2019 in Polen. Die großen Favoriten waren sie natürlich auch im Teamsprintfinale der Deutschen Meisterschaften (bei Redaktionsschluss dieser Ausgabe noch nicht beendet). Es läuft also auch weiterhin – doch hat sich seit Vogels Unfall auch Weltes Blick verändert.

Veränderter Blick auf die Welt

Nein, Angst habe sie nicht, „sonst wäre es extrem schwer, überhaupt noch Rennen zu fahren“. Jedoch: „Ich bin jetzt deutlich aufmerksamer und noch konzentrierter, was im Training oder im Wettkampf um mich herum auf der Bahn passiert.“ Wie schlagartig sich das ganze Leben von einer Sekunde auf die andere ändern kann, dieser Gedanke ist für die Radfahrerin zum ständigen Wegbegleiter geworden.

Miriam Welte und Kristina Vogel sind noch immer eng verbunden. Erst vor zwei Wochen war Welte Schirmherrin eines Benefiz-Fußballspiels in der pfälzischen Heimat. Beim Kick der Ex-Profis um Guido Buchwald, Maurizio Gaudino und Weltes Lebensgefährten Oliver Schäfer kamen 25 000 Euro zusammen, die zum Teil an Vogel gingen, die gerührt am Spielfeldrand saß.

WM und Olympia im Blick

Zwei letzte sportliche Ziele sind für Miriam Welte noch verblieben: die Weltmeisterschaften im nächsten Februar in Berlin und die Olympischen Spiele in Tokio. Eine weitere olympische Medaille ist ihr Ziel – danach, das hat sie bereits angekündigt, werde sie ihre Karriere beenden, Umdenken ausgeschlossen. „Ich merke jetzt schon, dass es nicht mehr so leicht wie früher geht und ich mit meinen Kräften haushalten muss“, sagt sie – und freut sich jetzt schon, auf das, was danach kommt.

Miriam Welte ist Polizeikommissarin bei der Landespolizei Rheinland-Pfalz – gut möglich aber auch, dass sich ihre beruflichen Wege wieder mit ZDF-Expertin Kristina Vogel kreuzen. Ein Praktikum beim SWR hat Welte bereits absolviert, eine weitere Zusammenarbeit können sich beide Seiten gut vorstellen.

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