Es ist nicht zu übersehen: Deutlich mehr gewalttätige Minderjährige werden in den Polizeistatistiken registriert – nicht nur in Baden-Württemberg. Welche Erklärung haben die Kinder- und Jugendpsychiater dafür?
Die alarmierend steigenden Polizeizahlen von gewalttätigen Kindern und Jugendlichen können Professor Oliver Fricke nicht überraschen. Denn auch in der täglichen Praxis der Therapeuten sieht der Ärztliche Direktor der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie in Stuttgart diesen eindeutigen Trend. Die Gewalt richtet sich auch gegen das Personal von Pflege- und Erziehungsdienst oder Ärzteschaft – „mit aktuell noch einmal zunehmender Tendenz“, sagt der Kinder- und Jugendpsychiater.
Ein besorgniserregender Trend, mit dem sich sowohl Bundesinnenministerin Nancy Faeser (SPD) als auch Landesinnenminister Thomas Strobl (CDU) befassen müssen. Die Zahl der tatverdächtigen Kinder ist im Bundesgebiet im letzten Jahr um mehr als 35 Prozent gestiegen. Im Südwesten beträgt dieser Zuwachs mehr als 33 Prozent.
Erstmals seit mehr als zehn Jahren sind das in Baden-Württemberg mehr als 10 000 Minderjährige unter Tatverdacht. Dabei geht es nicht nur um Ladendiebstähle: Bei den Rohheitsdelikten weist Strobls offizielle Polizeistatistik bei den tatverdächtigen Acht- bis 13-Jährigen einen Zuwachs von etwa 31 Prozent aus. Ein Trend, über den unsere Zeitung bereits vorab mit Erkenntnissen aus dem internen Führungsinformationssystem berichtet hatte.
Die Polizei kann selbst nur rätseln
Augenfällig wird dies auch auf Stadt- und Landkreisebene: Das für die Kreise Ludwigsburg und Böblingen zuständige Polizeipräsidium verzeichnet bei Körperverletzungen, die statistisch ein Teil der Rohheitsdelikte sind, bei Kindern einen Zuwachs von 46 Prozent. „Woran das liegen könnte, ist polizeilich nicht zu beantworten“, sagt der Ludwigsburger Polizeisprecher Steffen Grabenstein. Da könnten veränderte Rahmenbedingungen wie Schulschließungen, Veränderungen des Altersgruppenanteils, Zuwanderung oder verändertes Anzeigeverhalten eine Rolle spielen. „Es wird wohl nicht den einen Faktor geben“, sagt Grabenstein.
Gut geschützt in der digitalen Welt?
Der Stuttgarter Kinder- und Jugendpsychiater Oliver Fricke blickt kritisch auf die sozialen Netzwerke und digitalen Medien, die so manches Entwicklungsdefizit durch Beschränkungen während der Pandemiezeit verschärft hätten. „Da müssen wir uns ältere Generation fragen, ob wir da eine gute Anleitung gegeben haben“, sagt Fricke, „aus meiner Sicht schützen wir unsere Kinder und Jugendlichen bei allen Freiheitsrechten immer noch recht wenig im Umgang mit der digitalen Welt.“
Statt im familiären Umfeld oder in Vereinen zu lernen, wie man Konflikte unter Gleichaltrigen mit Kommunikation und der Suche nach einem Konsens löst, gehe es öfter als früher „ohne einen realen Kontakt“ über Internet und soziale Netzwerke. Statt sozialer Kompetenz gibt es Chats mit Anfeindungen oder kinderpornografischen Videos. Dabei sei der direkte Kontakt mit Gleichaltrigen und der damit verbundene „Realitätsabgleich“ wichtig, sagt Fricke. Gefährdet seien vor allem Kinder „in prekären sozialen Lebenssituationen, mit geringer Sicherheit im direkten Umfeld oder auch mit eigenen Erfahrungen von Gewalt“. Die Einschränkungen der Pandemie hätten sicherlich das ihrige getan: „Insbesondere die Schulschließungen sind ihren Auswirkungen auf die Entwicklung gravierender gewesen, als dies von der Gesellschaft vermutet wurde“, sagt Fricke. Welche Rolle ein Migrationshintergrund spielen könnte, ist für den Kinder- und Jugendpsychiater bisher offen. Zwar seien eine nicht gelungene Integration in die Normen einer Bürgergesellschaft oder Gewalterfahrungen bei Flucht und Vertreibung als Ursache denkbar. Doch Fricke sagt auch: „Meines Wissens nach liegen dazu noch nicht ausreichend Daten und keine ausreichend fundierten Ergebnisse vor, um sicher Erklärungen für den Trend der Polizeistatistik zu geben.“ Sicher ist freilich nur eines: Der Andrang bei den Psychotherapeuten ist riesig. Die Kliniken sind vollständig ausgelastet, und wer nicht als Notfall eingestuft ist, steht auf einer langen Warteliste.