Die Kinder- und Jugendpsychiatrien sind seit der Coronapandemie vielerorts noch überfüllter als sie es ohnehin schon immer waren. Im Klinikum Stuttgart ist man noch recht gut aufgestellt. Ein Besuch auf der Jugendstation an der Hasenbergstraße im Stuttgarter Westen.
Aufstehen wollte sie morgens nicht mehr. Auch ihr Alltag hat „nicht mehr geklappt“, erzählt Lisa (13). Sie sei in ihrem Zimmer gesessen und habe mit ihrem Handy gespielt. „Da ging es mir nicht gut oft“, sagt sie. Wann das alles angefangen hat, das weiß sie nicht so genau. „Das kam für mich alles sehr plötzlich“, sagt die Realschülerin. „Dass ich einfach alles nicht mehr auf die Reihe bekommen habe.“ Sie habe es „nicht mehr geschafft“. Die Schule? „Alles.“
Seit zwei Monaten ist Lisa, die anders heißt, in der Kinder- und Jugendpsychiatrie des Klinikums Stuttgart an der Hasenbergstraße. „Ich bin freiwillig hergekommen“, sagt sie. Irgendwann hat sie immer weniger gegessen, fühlte sich nur noch traurig, ständig war ihr schlecht oder sie hatte Bauchschmerzen. Der Arzt hat nichts Organisches gefunden. „Hier geht es mir besser.“ Warum es ihr so schlecht ging? „Das versuchen wir hier rauszufinden“, sagt Lisa. Sie spricht nicht viel, was sie sagt, überlegt sie sehr gut.
Sie ist die einzige der Jugendlichen, die ein bisschen von ihrer Geschichte erzählen mag. Und auch nur anonym. Zu groß ist immer noch das Stigma das psychischen Erkrankungen anhaftet. Wer sich ein Bein bricht, bekommt viel Mitgefühl, wer immer traurig ist, aufhört zu essen oder sich die Arme aufschneidet, gilt für viele immer noch als verrückt.
Seit der Pandemie sind die Kinder- und Jugendpsychiatrien in Deutschland überfüllt. Psychische Erkrankungen unter Kinder und Jugendlichen haben zugenommen – vor allem Depressionen und Essstörungen. In den Einrichtungen stellte man zusätzliche Betten in die Zimmer und Flure – für akute Krisenfälle. Insgesamt ist nach Oliver Frickes Einschätzung die Versorgung in Stuttgart aber besser als in anderen Regionen. Fricke ist Ärztlicher Direktor der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie des Klinikums Stuttgart.
Auf der Jugendstation in Stuttgart sind fast nur junge Mädchen – was typisch ist für die Verteilung der Geschlechter in diesen Einrichtungen. „Die Patienten sind viel jünger geworden – und sie sind in einem schlechteren Zustand, wenn sie zu uns kommen“, sagt Fricke, der seit 2022 in Stuttgart ist. Auf seiner Kinderstation ist es umgekehrt: Dort sind fast nur Jungs im Grundschulalter. „Mädchen haben oft stillere Störungen“, sagt er. Sie neigen eher zu Depressionen, Rückzug und selbstverletzendem Verhalten. „Das schwelt oft über Jahre und wird in der Pubertät sichtbar“, sagt der Psychiater.
Laut einem aktuellen Bericht des Bundesfamilienministeriums fühlen sich 78 Prozent der Jugendlichen immer noch „psychisch sehr belastet“ durch die Einschränkungen, die es während Corona gab.
Warum in der Pandemie die psychischen Erkrankungen bei Kindern und Jugendlichen so stark angestiegen sind, dazu gibt es viele Vermutungen – und Spekulationen. Für die einen sind Homeschooling, Schulschließungen und Lockdowns Schuld, andere sehen die Präsenzpflicht, die Pandemie an sich und auch Armut als Verstärker von Krankheiten.
Klar ist: Die Pandemiejahre waren für viele hart. Kinder und Jugendliche haben vieles brav mitgemacht. Sie haben geschlossene Schulen, Absperrbänder um Spielplätze und Polizeihubschrauber, die nach Kindern beim Schlitten fahren fahndeten, akzeptiert. Es gab keine Schule, keine Freunde, keine Hobbys. Was letztlich die Auslöser für die Vielzahl an psychischen Erkrankungen waren? „Das wissen wir nicht – wie bei vielen Erkrankungen“, sagt Fricke. Es gebe zwar viele wissenschaftliche Daten, aber immer noch viel Forschungsbedarf, um die Zusammenhänge in der Krankheitsgeschichte ausreichend präzise klären zu können. Für fast alle psychischen Störungen im Kindesalter liege die Ursache in einem Wechselspiel zwischen sozialen, biologischen und Anlage-Faktoren. „Im Rückblick waren die Schulschließung für viele Kinder und Jugendliche sicher ein nicht unerheblicher Belastungsfaktor“, sagt Fricke. Für viele Kinder sei die Schule ein sozialer Ort – findet sie nicht statt, brechen Kontakte weg.
Er sieht zwei Fehleinschätzungen in der Pandemiepolitik. „Kinder und Jugendliche haben oft eine hohe Bereitschaft, sich prosozial zu Verhalten und dafür auch Nachteile in Kauf zu nehmen“, sagt Fricke. „Sie haben alles mitgemacht: Abstriche, Maske, Distanz.“ Und deshalb habe man lange gedacht, dass sei „okay“. „Aber da sind viele Kinder und Jugendliche vermutlich an ihre Grenzen gegangen.“ Natürlich seien viele Entscheidungen nach der jeweiligen Informationslage getroffen worden. „Aber man ist erst sehr spät auf die Fachleute eingegangen, die für intensives Testen und offene Schulen eingetreten sind“, kritisiert Fricke.
Heute ist auch Gesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) selbstkritisch. Zumindest die Schulschließungen hält er für falsch.
Trotzdem ist es nicht so, dass allein die Pandemiepolitik für den Anstieg von psychischen Erkrankungen bei Kindern und Jugendlichen verantwortlich ist. Die Frage ist letztlich immer, auf wen und welche Verhältnisse eine weltweite Krise trifft. Hauptauslöser für psychische Erkrankungen bei Kindern und Jugendlichen sind laut Fricke immer noch auch Armut und eigene psychische Erkrankungen der Eltern.
Häufig fehlt Kinder dann nämlich ein Zuhause, in dem sie sich sicher und geborgen fühlen. Deshalb versuchen Fricke und sein Team den Kindern dies zu geben – ein Zuhause auf Zeit. Rund um die Uhr ist für die Kinder und Jugendlichen jemand da. Die Zimmer sehen aus wie ein typisches Jugendzimmer, nicht wie im Krankenhaus. Auf den Schreibtischen der Mädchen türmen sich Schulsachen, auf den Stühlen daneben Kleiderberge. Im Wohnzimmer gibt es Spiele und einen Tischkicker.
Und dazwischen wuseln die zwei Highlights: Die beiden Hunde Hobbit und Fee. Die Kinder dürfen die Hunde füttern und streicheln, bei den Ausflügen mittags sind die zwei meistens auch mit dabei.
Die Border Collies von Anke von La Chevallerie sind recht engagierte Therapeuten. Fast alle Kinder liebten die Hunde. „Viele Kinder kommen mit einem großen Aber her“, sagt von La Chevallerie, die seit 15 Jahren tiergestützte Therapie in der Klinik macht. „Wenn sie hören, dass hier Hunde sind, freuen sie sich darauf total.“ Oft mildern die zwei süßen Kerle das Heimweh am Anfang. „Die Hunde vermitteln Vertrauen.“ Und das ist es, was vielen der kleinen Patienten tatsächlich in ihrem Leben fehlt: Vertrauen in sich und Vertrauen in die Welt.
Fricke war anfangs skeptisch wegen den Hunden. „Wir wollen nicht einfach einen Streichelzoo anbieten“, sagt er. Aber genau das seien Hobbit und Fee nicht. Immerhin sind sie ausgebildete Therapiehunde. „Hunde spielen eine wichtige Rolle im sozialen Zusammenleben und sie spiegeln uns unser eigenes Verhalten“, sagt Fricke.
Auch sieht er, dass die Tiere den Kindern sehr gut tun. Anna, eine junge Patientin mit schweren Depressionen, liegt fast nur im Bett. „Fee springt morgens in ihr Bett und buddelt sie unter ihrer Decke aus“, erzählt von La Chevallerie. „Und dann wacht Anna mit einem Lachen auf.“
Die Hunde sind natürlich nicht nur zum Spielen und Kuscheln da. An dem Verhalten mit den Hunden merke sie, ob ein Kind Fortschritte macht. „Wenn sie die Tiere nicht mehr so brauchen, geht es meistens aufwärts“, von La Chevallerie. Wenn manche Kinder unkontrollierte Wutanfälle kriegen, fragen sie oft: „Kannst du Hobbit und Fee holen?“ – „Und das hilft fast immer.“
Die Kinder und Jugendlichen erhalten viele Angebote in der Klinik, nicht nur die Hunde. So können sie auch eine Reittherapie machen. Dazu gibt es am Nachmittag nach der Schule basteln, malen, gemeinsame Leseabende oder Ausflüge in den Wald. Bewegungstherapie nennt sich das hier. Die Klinik soll die Kinder wieder auf das Leben draußen vorbereiten. Und möglichst so, dass sie nicht vier Monate später wieder da sind. Viele der kleinen Patienten haben in ihrem Leben viel durchgemacht. Sie zerbrechen bei kleinen Belastungen. „Das wollen wir ihnen lernen. Das sie mit Belastungen im Alltag besser umgehen können“, sagt Fricke.
Viele Kinder haben das nie gelernt in ihrem Leben. Das Leben vieler Kinder und Jugendlicher sei, so Fricke, heute straffer organisiert und das Alltagsleben „atemloser“ geworden. „In meiner Kindheit nahmen feste Termine in der Woche weniger Zeit ein und wir konnten als Kinder uns relativ frei verabreden und sicher draußen spielen.“
Lösen können das Familien oft nicht allein. Wie eine Gesellschaft mit ihren Kindern und Jugendlichen umgeht, das geht alle etwas an, findet er. Ja, und damit die Politik. Das Problem, das Fricke sieht: „Viele trauen Kindern und Jugendlichen wenig zu, sie werden in unserer Gesellschaft nicht richtig gehört. Aber sie wollen gehört werden.“
Kinder, die nicht gehört werden, ziehen sich zurück. Wie Lisa. Die immer stiller wurde. Immer weniger bei ihrer Familie saß. Sondern allein in ihrem Zimmer. Das macht sie jetzt an den Wochenenden nicht mehr so. „Mit meinen Freundinnen habe ich jetzt wieder viel Kontakt, wenn ich daheim bin“, erzählt sie.
Wann sie nach Hause darf? „Ich weiß es nicht“, sagt Lisa. „Wenn ich das alles wieder schaffe.“
Anlaufstellen im Notfall
Einrichtung
Die Kinder- und Jugendpsychiatrie Stuttgart bietet vollstationäre, tagesklinische und ambulante Diagnostik und Behandlung bei allen psychischen Störungen für Kinder und Jugendliche. Das Angebot umfasst stationäre Kriseninterventionen und Notaufnahmen, kurz- bis langdauernde therapeutische Klinikaufenthalte, Home treatment sowie ambulante Behandlungen. Die Einbeziehung der Eltern in die Behandlung spielt eine wichtige Rolle.
Plätze
Die Klinik hat eine Kapazität von mehr als 100 vollstationären und 22 tagesklinischen Plätzen sowie zehn Behandlungsplätzen für stationsäquivalente Behandlungen (StäB). Die Klinik ist mit zahlreichen Institutionen der Jugendhilfe eng vernetzt. Sie übernimmt die Notfallversorgung für Stuttgart und den südlichen Rems-Murr-Kreis. Weitere Infos gibt es unter: https://www.klinikum-stuttgart.de/kliniken-institute-zentren/klinik-fuer-kinder-und-jugendpsychiatrie-und-psychotherapie/klinische-schwerpunkte. (nay)