Der Familienunternehmer Harald Marquardt ersetzt überraschend den Südwestmetall-Vorsitzenden Joachim Schulz als Verhandlungsführer. Foto: Marquardt Service GmbH

Zu Beginn der Tarifrunde überraschen die Metallarbeitgeber mit einer brisanten Personalie: Der Unternehmer Harald Marquardt und nicht Südwestmetall-Chef Joachim Schulz soll künftig die Verhandlungen führen.

Als hätte die Metalltarifrunde nicht genug Sprengstoff in sich, so haben die Arbeitgeber ihr zum Auftakt am Mittwochnachmittag noch eine brisante Personalie hinzugefügt: „Dass ich hier sitze, liegt daran, dass unser Verhandlungsführer heute relativ kurzfristig aus höchst persönlichen Gründen nicht da sein kann“, sagte Südwestmetall-Hauptgeschäftsführer Peer-Michael Dick nach eineinhalbstündigen Verhandlungen in Kornwestheim. Allerdings vertrat er nicht etwa Joachim Schulz, der erst seit Anfang Mai als Nachfolger von Wilfried Porth den Verband anführt. Verhandlungsführer sei vielmehr künftig Harald Marquardt, ergänzte Dick. Dieser ist Verbandsvize und Chef des gleichnamigen Familienunternehmens aus Rietheim-Weilheim.

 

Erst jüngst sei bei Südwestmetall entschieden worden, Schulz als Wortführer durch seinen Stellvertreter zu ersetzen, heißt es. Eine solche Rollenverteilung mag in anderen Tarifgebieten aufseiten der Arbeitgeber üblich sein – für Südwestmetall ist es eher ein Novum in großen Entgeltrunden. Kein Vorsitzender ließ die diese anstrengende, aber auch prestigeträchtige Aufgabe mit der Aussicht auf einen Pilotabschluss entgehen.

Die Hintergründe des Wechsels blieben zunächst offen. Bei seiner einzigen Pressekonferenz zur Tarifrunde Mitte Juni hatte Schulz dem Gewerkschaftschef Jörg Hofmann noch vorgeworfen, die Unwahrheit zu sagen, weil die Beschäftigten nach dessen Lesart seit 2018 keine dauerhaft wirksame Lohnerhöhung mehr bekommen hätten. Diese Attacke hat die Akzeptanz von Schulz auf der Gegenseite kaum gesteigert.

Als Ruheständler ins Amt des Vorsitzenden

Ohnehin war seine Wahl zum Vorsitzenden Mitte Februar eine Besonderheit, weil die stets ehrenamtlichen Vorsitzenden laut der Verbandssatzung eine herausgehobene Funktion in einem Mitgliedsbetrieb haben müssen – Pensionäre sind für den Job nicht vorgesehen. Schulz jedoch war Ende März als Vorstandschef des Tuttlinger Medizintechnikherstellers Aesculap ausgeschieden.

Unabhängig von diesem Vorgang war schon vor dem Verhandlungsauftakt klar, dass die Positionen nie zuvor so weit auseinander lagen wie in dieser multiplen Krise. „Es gibt keinen Grund zur Zurückhaltung“, lautet das Mantra der IG Metall – auch von Bezirksleiter Roman Zitzelsberger. In kaum einer Phase der Bundesrepublik habe „die Tarifpolitik eine solch entscheidende Bedeutung für das Wirtschaftswachstum gehabt wie in diesem Jahr“.

„16 Prozent Inflation für die Unternehmen“

Dick konterte: Die Tarifrunde finde in extrem volatilen Zeiten statt: „Die Energiepreise steigen ins Unermessliche, ähnlich die Materialpreise, die Inflationsrate der Unternehmen ist signifikant höher als die der Beschäftigten – die gesamte unternehmerische Welt ist ins Wanken geraten, es wackelt richtig.“ Die Betriebe müssten mit Dingen kalkulieren, die eigentlich unkalkulierbar seien. Etwa 16 Prozent mehr müssten sie für Material und Energie ausgeben, könnten diese Kosten aber keineswegs im nötigen Ausmaß an ihre Kunden weitergeben.

Wann die Arbeitgeber ihren Lösungsvorschlag präsentieren wollen, ließ Dick offen. „Ich kann heute nicht sagen, wann und in welcher Form wir irgendein Angebot auf den Tisch legen werden.“ Er deutete aber das Interesse an einer weiteren Flexibilisierung an, um in wieder normalen Zeiten das Auftragsvolumen mit dem vorhandenen Personal zu bewältigen. „Da müssen wir uns Gedanken machen über zumindest vorübergehend zusätzliche Arbeitszeitvolumina“, sagte Dick.

Am 12. Oktober soll ein attraktives Angebot her

Sein Pendant Zitzelsberger riet den Arbeitgebern, sich schon in der zweiten Runde am 12. Oktober in Kornwestheim mit einem „attraktiven Angebot auf den Kern – die nachhaltige Erhöhung der Entgelte – zu konzentrieren statt auf alle möglichen Randthemen, die einem noch dazu einfallen“. Acht Prozent mehr Geld fordert die IG Metall – inklusive einer Einmalzahlung als Energiekostenunterstützung. Im Rahmen der Konzertierten Aktion, die an diesem Donnerstag in Berlin fortgesetzt wird, zeigt sich der Bund bereit, bei zusätzlichen Zahlungen der Unternehmen einen Betrag von bis zu 3000 Euro von Steuer und Sozialabgaben zu befreien. Zitzelsberger wollte dies noch nicht aufgreifen – vielmehr soll erst Klarheit geschaffen werden, was die Regierung meint.

Am Rande bekannte er, dass die Lage mit dem Gasnotstand und weiteren Kriegsfolgen, mit Halbleitermangel und Corona „in der Summe der Risikofaktoren extrem anspruchsvoll“ sei. In der Komplexität sei die Tarifrunde eine der herausforderndsten seit fast drei Jahrzehnten – „so etwas habe ich noch nicht erlebt“. Auch sei die Situation der Branche sehr ausdifferenziert: Zwischen den Großverdienern und Betrieben am Rande der Existenz gebe es die komplette Bandbreite. Dennoch sei es der „Kernauftrag an die IG Metall herauszuholen, was herauszuholen ist, um die Belastung der Menschen so weit es geht einzugrenzen – im Zweifelsfall an der Kante des Machbaren bei den Firmen“.

Je länger es sich hinziehe, desto schwieriger werde es, einen Kompromiss zu erzielen, warnte er vor dem Hintergrund wachsender Erwartungen an der Basis. Demnach könnte die IG Metall nach Ende der Friedenspflicht am 28. Oktober – also konkret vom 2. November an – mit Warnstreiks Signale setzen. „Wir bereiten uns intensiv darauf vor.“ Dieser Phase werde man keine vier, sondern nur zwei oder drei Wochen einräumen. „Wenn wir feststellen, dass dann keine Lösung herbeizuführen ist, werden wir dies nicht in die Länge ziehen, sondern eher früher als später diese Form der Verhandlungen für gescheitert erklären.“ Da sei man „aktuell in der Feinplanung, wie wir das zeitlich angehen“.