Stolz auf die neue Anlage (v.l.): Böblingens Erster Bürgermeister Tobias Heizmann, Sindelfingens Baubürgermeisterin Corinna Clemens und Mercedes-Werkleiter Falk Pruscha Foto:  

Mercedes-Benz nimmt in Sindelfingen eine neue Anlage zur Wasseraufbereitung in Betrieb. Geklärtes Abwasser wird gereinigt und für die Lackiererei sowie zum Kühlen verwendet. Das soll so viel Wasser sparen, wie eine Gemeinde mit 7500 Einwohnern in einem Jahr verbraucht.

Ein Weg zu weniger Verbrauch von Ressourcen führt bei Mercedes-Benz in Sindelfingen durch die Katakomben von Gebäude 32. Dieses gehört zu den älteren im Werk und ein Laie würde hier keine hochmoderne Wasseraufbereitungsanlage vermuten. Doch hinter einer unscheinbaren Stahltür verbirgt sich ein fortschrittliches Stück Technik, das helfen soll, die Produktion der Autos mit Stern deutlich umweltfreundlicher zu gestalten. Dass es dabei um geklärtes Abwasser geht, erschließt sich olfaktorisch hinter der Tür, wo es etwas strenger riecht als davor.

 

„Wir reden oft über die Einsparung von CO2, aber wir reden selten über Wasser“, sagt der Mercedes-Werkleiter Falk Pruscha, der an diesem Tag seinen ersten offiziellen Termin bestreitet und seit dem vergangenen Juli im Amt ist. Mit einem Projekt, das intern Multi Re-Use Water genannt wird, will der Hersteller seinen Wasserverbrauch in Sindelfingen signifikant senken. Dabei kooperiert er mit dem Zweckverband Kläranlage Böblingen-Sindelfingen. Vereinfacht gesagt leitet Mercedes geklärtes Abwasser von der Kläranlage ins Werk, um es für seine Prozesse mehrfach wiederzuverwenden.

Wasser für Lackierung und Kühlung

„Das Wasser wird zunächst durch eine sogenannte Ultrafiltration geführt“, sagt Axel Klemm, leitender Ingenieur innerhalb des Zentrums für nachhaltige Infrastruktur bei Mercedes-Benz. Darauf folgt eine Umkehrosmose, in der das Grauwasser mithilfe einer halb-durchlässigen Membran noch von Salzen und Nanopartikeln befreit wird. So filtriert und gereinigt setzt der Autobauer es als Prozesswasser in der Produktion seiner Nobelkarossen ein. „Der Großteil geht in die Lackierung, einen Teil verwenden wir für die Rückkühlung“, sagt Klemm.

Mercedes habe sich die Anlage durchaus etwas kosten lassen: Ein einstelliger Millionenbetrag sei da hineingeflossen, sagt Werkleiter Pruscha. „Wir gehen davon aus, dass sich die Anlage in wenigen Jahren amortisiert haben wird.“ Außerdem habe es Fördermittel vom Bund gegeben. Doch vor allem die Schonung von Ressourcen sei für den Konzern mit Stern im Fokus gestanden, schließlich habe man bis zum Start des Projekts jährlich rund eine Million Kubikmeter Bodensee-Mischwasser am Standort verbraucht – eine Milliarde Liter.

Mercedes verbrauchte bisher so viel Wasser wie Weil der Stadt

Zum Vergleich: Das entspricht in etwa dem Jahresverbrauch einer Stadt wie Weil der Stadt, wenn man davon ausgeht, dass ein Mensch pro Jahr im Schnitt 46,5 Kubikmeter oder 46 500 Liter Wasser verbraucht. Frisches Trinkwasser benötigt Mercedes freilich weiterhin in seinem weltgrößten Produktionswerk, vorrangig für sanitäre Anwendungen etwa in Waschräumen und Kantinen. Aber: „Mit der neuen Anlage wollen wir den Wasserverbrauch des Sindelfinger Werks bis 2030 um 35 Prozent senken“, sagt Axel Klemm.

In absoluten Zahlen sind dies 350 000 Liter Wasser, die weniger aus dem Netz entnommen und durch das aufbereitete Grauwasser ersetzt werden sollen. Das entspricht etwa dem Wasserkonsum einer Gemeinde wie Weissach mit 7600 Einwohnern. Die erste Idee zu diesem gigantischen Wasserkreislauf sei im März 2021 entstanden, die Genehmigung dafür gab es ein Jahr später und im August 2022 konnten schon die Arbeiten vergeben werden. Seit dem vergangenen Sommer lief der Pilotbetrieb, in dem der Autobauer bereits 123 000 Liter Wasser eingespart habe. Seit diesem Jahr läuft die Aufbereitung im Regelbetrieb. Ob Mercedes die Technik auf andere Standorte ausrolle, hänge aber von den dortigen Gegebenheiten ab. So beziehe man etwa in Bremen das Wasser aus vielen Brunnen in niedriger Tiefe.

Bürgermeister applaudieren

Zur offiziellen Taufe kamen die Sindelfinger Baubürgermeisterin Corinna Clemens und Böblingens Erster Bürgermeister Tobias Heizmann. Er bescheinigte dem Autobauer einen wichtigen Beitrag zum Umweltschutz zu leisten und bedankte sich im Namen des Zweckverbands für die Initiative. „Wasser steht heutzutage nicht mehr so selbstverständlich zur Verfügung wie in früheren Jahren“, sagt er. Die Stadt merke es an rückläufigen Schüttung ihrer eigenen Brunnen sowie am verteuerten Bodenseewasser. Seine Sindelfinger Amtskollegin war beeindruckt von der Geschwindigkeit, in der der Autobauer das Projekt auf die Beine gestellt habe.