Mann im Fokus: Meistertrainer Hansi Flick vom FC Bayern Foto: dpa//Martin Meissner

Die achte deutsche Meisterschaft in Folge für den FC Bayern ist das Werk des Trainers Hansi Flick, der seinen ersten Titel als Chefcoach holt. Was charakterisiert den Mann, dem sie in München den Gewinn des Triples zutrauen?

Bremen/Stuttgart - Der Assistent Hermann Gerland (66) hat seine Cheftrainer beim FC Bayern München im Griff, das zeigte sich schon im Mai 2013 in der Nacht nach dem gewonnenen Champions-League-Finale gegen Borussia Dortmund. Da befahl das Bochumer Unikat auf der Londoner Feierbühne dem Chefcoach Jupp Heynckes via Mikrofon dies: „Josef, Champions-League-Sieger, ich möchte, dass du mal ein bisschen lockerer bist. Irgendwann kommt der Sensenmann, du kommst in den Himmel, Jupp, ich komm‘ in die Hölle, da müssen wir heute die Sau rauslassen.“

Ob es nun auch in der Nacht von Dienstag auf Mittwoch in einem Bremer Hotel um Himmel, Hölle oder den Sensenmann ging, ist nicht überliefert. Fakt aber ist: Nach Heynckes knöpfte sich Gerland, der früher die Bayern-Jugend trimmte und die Müllers und Alabas mit Strenge und Fürsorge nach oben brachte, seinen nächsten Chef vor. Hansi Flick hatte nach dem 1:0 beim SV Werder gerade seine erste Meisterschaft als Trainer gewonnen, da gab es auf der kleinen internen Feier kein Entrinnen mehr. „Hermann Gerland will Bourbon trinken“, sagte Flick: „Das ist nicht mein Favorit, aber ich trinke es ihm zu Liebe. Er hat einen großen Anteil, dass das alles so funktioniert bei uns.“

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Da war er also wieder, der typische Flick: Der Trainer, dem ein gutes Betriebsklima über alles geht. Der Trainer, der seine Mitarbeiter schätzt – und der Trainer, der Aufgaben delegiert, wenn sie nicht seinem Kerngebiet entsprechen. Und wenn es nur um die nächtliche Getränkeauswahl geht.

Es ging nach dem vorzeitig errungenen achten Meistertitel nacheinander für die Bayern viel um diesen Flick, und das nicht nur bei Gerland und dessen Whiskey-Umtrunk. Es ging in Bremen auch um die möglichen Parallelen von Flick zu Jupp Heynckes, dem Münchner Triple-Trainer von 2013. Sieben Jahre später soll der große Triumph wieder her, und Flick hielt sich in Bremen gar nicht erst mit der sonst branchenüblichen Tiefstapelei auf – er ging in die Vollen. „Wir haben den ersten Schritt gemacht“, sagte der Coach, und angesprochen auf die Triple-Träume beim Rekordmeister ergänzte er dies: „Es ist Bayern München, hier sind die Ziele immer hoch, das passt aber zu mir.“

Smarter Hansi, strenger Hans

Der Mann hatte gute Gründe, nach der Meisterschaft von Bremen so selbstbewusst zu sprechen. 26 seiner 29 Pflichtspiele als Bayern-Trainer hat Flick seit seiner Amtsübernahme von Niko Kovac Anfang November gewonnen. Es läuft rund beim noch immer so smart rüberkommenden Hansi, der aber längst auch mal ein strenger Hans sein kann – mit klaren Forderungen in Richtung Vereinsführung, was Neuzugänge angeht. Und mit einem klaren taktischen Plan, der den Erfolg beim FC Bayern brachte.

Kein Wunder, dass intern wie extern längst Vergleiche mit dem großen Heynckes aufkommen. „Man liest das gerne“, sagte Flick selbst über die entsprechenden Schlagzeilen. Und seine Chefs in München glauben, in dem 55-Jährigen wieder den Mann an der Seitenlinie gefunden zu haben, um in der Champions League den großen Wurf landen zu können. Nachdem Flick zum Cheftrainer befördert wurde, „spielen wir wirklich attraktiven und erfolgreichen Fußball“, sagte etwa Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge. Und der Präsident Herbert Hainer ergänzte in Bremen: „Was Hansi Flick in sieben Monaten aus der Mannschaft gemacht hat, ist schon klasse.“

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Was Flick also gemacht hat? Es ist wohl nicht übertrieben zu behaupten, dass er seit November frischen Wind ins Münchner Spiel brachte. Die Mannschaft sei die Umstellung auf einen offensiveren Spielstil „mitgegangen“, so drückt es der Trainer selbst aus. Klare, eingespielte Abläufe, frühes Pressing nach Ballverlusten, eine offensivere Ausrichtung als unter Vorgänger Niko Kovac – so brachte Flick den FC Bayern nicht nur im Wortsinn nach vorne.

Wer Gas gibt, wird belohnt

Auch die Personalentscheidungen saßen: David Alaba wurde zum Abwehrchef, Joshua Kimmich dauerhaft zum Sechser, Alphonso Davies entwickelte sich zum Senkrechtstarter, Leon Goretzka im Mittelfeld zum Sinnbild der Siegesserie nach der Corona-Pause. Dass der Coach die Weltmeister Thomas Müller und Jérôme Boateng wieder in die Spur brachte, passt da ins Bild.

Mit seiner Empathie gelang es dem Weltmeister-Assistenten von Joachim Löw obendrein, sein Team und seinen Mitarbeiterstab zur Höchstleistung zu führen. „Man hat nie alleine Erfolg. Erfolge kannst du nur im Team haben“, sagt Flick dazu. Der Trainer verlangt viel von seinen Münchner Mitstreitern, er entwickelte eine neue Leistungskultur. So schwärmten zuletzt die verschiedensten Mitarbeiter von der Arbeitsatmosphäre unter ihrem Chefcoach. Ergo: Wer Gas gibt, der wird belohnt. Oder anders: Flick verlangt viel, gibt dann aber auch viel – Wertschätzung, Rückendeckung und Vertrauen etwa. Bei den Profis und im Mitarbeiterstab.

Es sind zumindest nicht die schlechtesten Voraussetzungen für den Beginn einer Erfolgsgeschichte an der Säbener Straße.

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