Iris Meinhardt (Mitte) ist begeistert von Martina Odorfers (re.) Arbeit für den Mediaguide. Foto: Landesmuseum/Hendrik Zwietsch

Wie kann man Yves Saint Laurent oder Chanel in Gebärden übersetzen? In der Stuttgarter „Fashion“-Ausstellung kann man eine wahre Sensation erleben.

Stuttgart - Im Grunde sind sie die idealen Museumsbesucher. Schließlich ist lautes Reden in Ausstellungen unerwünscht. Man soll sich bestenfalls flüsternd über Kunst austauschen – so will es die Tradition. Die Gruppe, die in der „Fashion“-Ausstellung im Alten Schloss in Stuttgart unterwegs ist, schert das nicht. Die Teilnehmenden sind angeregt im Gespräch, fachsimpeln über die Silhouette eines Dior-Kleides und diskutieren seit zehn Minuten vor einer Vitrine. Trotzdem hört man nichts. Sie sind alle gehörlos.

 

Ein seltener Anblick. Seit Jahren wird viel über Inklusion gesprochen, trotzdem scheint sie in Museen noch nicht angekommen, man muss lange nach Angeboten suchen für Menschen mit besonderen Bedürfnissen. In der Berlinischen Galerie gibt es Tastmodelle und eine Wegeführung für blinde und seheingeschränkte Menschen. Vereinzelt bieten Häuser Führungen für Gehörlose an. Corina Brosch stellt immer wieder fest, wie wenig ihre Perspektive berücksichtigt wird. Dabei geht die Pädagogin oft ins Museum. Deshalb ist sie nun ins Alte Schloss gekommen, um den neuen Mediaguide für die Mode-Schau zu testen, der sich gezielt an Gehörlose richtet.

Lesen ist doppelt anstrengend

Für die meisten Museumsbesucher ist es selbstverständlich, sich Kunst und Kultur mit einem Audioguide erklären zu lassen. Schließlich ist der Mensch faul und das viele Lesen im Stehen anstrengend. Für Gehörlose ist Lesen doppelt anstrengend, weil sie nicht wie Hörende von Kindesbeinen an mit der gesprochenen Sprache vertraut sind. Sie müssen sich die komplizierte Grammatik hart erarbeiten.

Gehörlose haben oft Informationsverluste

Im Museum bedeutet das Informationsverluste. So zumindest nennt es Edmund Hollweck. Er ist aus München in die „Fashion“-Schau gekommen, obwohl er sich eigentlich nicht besonders für Mode interessiert. Ihn amüsiert es eher, dass Frauen sich in viel zu enge Röcke zwängen, mit denen sie nicht richtig sitzen können. Über den neuen Mediaguide ist er aber sehr froh. „Glücklicherweise werden die Informationsverluste der Gehörlosen endlich erkannt“, sagt er. „Früher gab es immer nur Audioguides, und wir sind an Barrieren gestoßen.“

Was man sieht, nimmt man besser auf

„Wenn ich eine Ausstellung mit einem Mediaguide besuche, ist es wie eine persönliche Führung“, sagt Iris Meinhardt, schließlich sieht man auf dem Display des Smartphones eine Person, die mit einem spricht. „Gebärdensprache ist eine stark visuelle Sprache“, erklärt die Journalistin. Deshalb könne man Erklärungen in Gebärden nicht nur entspannter aufnehmen, sie gingen auch tiefer. „Man erstellt mehr Verknüpfungen im Gehirn“, meint Meinhardt, „deshalb vergisst man nicht so viel und hat einen Mehrwert.“

Stuttgart ist Pionier

Dass längst nicht jedes Museum einen Mediaguide für Gehörlose anbietet, hat seine Gründe – denn die Produktion ist aufwendig, weil man die gesprochene Sprache nicht eins zu eins in Gebärden übersetzen kann. Allein die Namen – wie soll man Yves Saint Laurent gestisch darstellen? Keine leichte Aufgabe für Martina Odofer, die den Guide mit entwickelt hat. „Die Direktorin Astrid Pellengahr wollte die Inklusion ins Rollen bringen“, erzählt sie – und so haben Odorfer und ihre Mitstreiterinnen erst einmal in der „Fashion“-Schau Eindrücke gesammelt und überlegt, was man auf dem Mediaguide vermitteln will, welche Beispiele, Texte, Videos.

Für Angela Merkel gibt es eine feste Gebärde: die Raute

Am besten, da ist sich die Gruppe einig, hat ihnen ein Dior-Kleid gefallen – und vor allem die Gebärde dazu. Namen werden individuell übersetzt und beziehen sich auf Aussehen oder Verhalten, auf Haare, Brille oder ob jemand – wie Odorfer – Grübchen hat. Für bekannte Persönlichkeiten gibt es gängige Gebärden, für die Modedesigner in der Ausstellung nicht – wie in all den Lebensbereichen, in denen man bisher nicht an Gehörlose dachte.

Für Stuttgart wurden neue Zeichen für Modedesigner entwickelt

Odorfer hat sich bei Gehörlosen, die „modeaffin und fashionmäßig topaktuell sind“, nach Tipps erkundigt, hat recherchiert und schließlich Gebärden entwickelt. Bei Yves Saint Laurent wird das Y gebärdet. Bei Karl Lagerfeld der Zopf, bei Christian Dior gab dagegen ein Kleid mit enger Taille den Ausschlag für die Gebärde, dessen Kontur angedeutet wird. Die Gruppe ist begeistert. „Es ist super, da kommt ganz viel rüber“, sagt Iris Meinhard, „man hat ein Gefühl von Gleichwertigkeit und wird dort abgeholt, wo man ist. Das ist richtig gut.“ Und es ist richtig und gut, dass das Landesmuseum Württemberg bereits am nächsten Angebot arbeitet. Schon bald soll ein Mediaguide für die Dauerausstellung in Betrieb genommen werden – und es wäre durchaus auch für Hörende anregend zu erfahren, wie der Krieger von Hirschlanden gebärdet wird oder Königin Olga von Württemberg.

Wie gebärdet man Königin Olga?

Wie gebärdet man Namen von Promis?

Politiker
Man könnte Namen für Gehörlose buchstabieren. Das ist allerdings mühsam und zeitaufwendig. Deshalb gibt es prägnante Gebärden, die sich auf das Aussehen oder eine Eigenschaft einer Person beziehen. Bei Angela Merkel ist es die Raute.

Designer
Für den Mediaguide der „Fashion“-Ausstellung wurden Gebärden für Modedesigner entwickelt. Wer könnte das sein? Tipp: Es sind zwei C.

Ausstellung Die Ausstellung „Fashion?! Was Mode zu Mode macht“ im Alten Schloss Stuttgart läuft bis 24. April (Di, Mi 10-17, Do 10-21, Fr-So 10-18 Uhr). Donnerstags zahlen ab 16 Uhr zwei Personen nur einen Eintritt und bekommen ein Glas Sekt gratis. adr